Projekt KlassenCheckUp

1.10.2008 | Von:
Wolfgang Sander
Julia Haarmann
Sabine Kühmichel

Sachanalyse

Gutes Klima – gute Noten? Wirkungen des Klimas

Obwohl die Forschungslage zum Klima und zum sozialen Miteinander in Schulen und Klassen noch viele Leerstellen aufweist, können aus den vorliegenden Forschungsarbeiten und Studien einige Rückschlüsse gezogen werden.

Problematisch erscheint dabei zunächst die Tatsache, dass der Begriff "Klima" definitorisch recht unterschiedlich konstruiert und ausgelegt sowie unterschiedliche Indikatoren für die "Messung" eines Klimas in einer Gruppe angelegt werden. Aufgrund dieser unterschiedlichen Konstrukte und dem Fehlen eines gemeinsamen theoretischen Hintergrundes müssen die Ergebnisse der Studien als isolierte Befunde angesehen werden, die auf unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen fußen.

Aus dem vorliegenden Forschungsmaterial lässt sich jedoch schließen, dass das Sozialklima in Klassen und Schulen, ganz wie es auch intuitive, alltagswissenschaftliche Annahme ist, für das Lernen, die Leistung, das Sozialverhalten und die Persönlichkeitsentwicklung von Schülerinnen und Schülern von nicht geringer Bedeutung ist.

Viele Studien legen in der Erschließung von Effekten eines positiven Schulklimas oder Klassenklimas einen Fokus auf die Effektivität von Schule und Unterricht sowie auf die Wirkungen eines positiven Klimas auf das Leistungs- und Lernverhalten von Schülerinnen und Schülern.

Positive Effekte eines guten Klassenklimas

Zusammenhänge zwischen einem positiven Klassenklima und einer erhöhten Leistungsfähigkeit müssen dabei jedoch vorsichtig bewertet werden. Es existieren verschiedene Studien, die diesen Zusammenhang mehr oder weniger stark einschätzen. Deutschsprachige Studien mit standardisierten Leistungstests liegen kaum vor. Amerikanische Studien zum Klassenklima verweisen hier auf einen durchweg positiven allerdings recht niedrigen Zusammenhang zwischen Klima und Leistungsfähigkeit (Gruehn 2000, S.79f. und Eder 2002).

Nach Groh und Fraser begünstigt ein personenbezogen positives Klima eine erhöhte Leistungsfähigkeit. Schülerinnen und Schüler zeigen demnach bessere Leistungen, wenn das Unterrichtsklima einer Klasse von Freundlichkeit, gegenseitiger Unterstützung und gutem Klassenraummanagement geprägt ist.

Laut Dreesmann gibt es zwischen Klassen mit einem positiven Klima und Klassen mit einem negativen Klima leichte Unterschiede in der Rechentest-Leistung. Zudem ist in klimanegativen Klassen der Faktor Intelligenz entscheidender für eine gute Rechentest-Leistung, d.h. in Klassen mit einem guten Klassenklima zeigen weniger intelligente Schüler bessere Leistungen (Dreesmann 1980).

Moos stellt auf Grundlage von Unterrichtsbeobachtungen die These auf, dass sich Leistungssteigerungen bei Schülerinnen und Schülern am ehesten in einem Sozialklima zeigen, welches die Kennzeichen
  • freundliches und unterstützendes Verhalten von Seiten des Lehrers,
  • Betonung schulischer Aufgaben und Leistungen,
  • mittleres Ausmaß an Klarheit, Ordnung und Strukturierung
aufweist (Moos 1979, zitiert nach Gruehn 2000, S. 86).

Am 14. Juni 2001 legen vier Schülerinnen auf der Jugendmesse "YOU" in Essen eine kleine Verschnaufpause ein. Die Messe orientiert sich ausschliesslich an den Bedürfnissen der Jugendlichen.Deutlichere Zusammenhänge existieren zwischen der Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler und einem positiven Sozialklima. (© AP)

Gutes Klima – Hohe Zufriedenheit

Neben der Untersuchung der direkten Wirkungen des Klimas auf die Leistungsfähigkeit der Lernenden sollte man die indirekten Effekte eines guten Klassenklimas nicht vergessen, welche sich letztendlich auch in besseren Lernleistungen widerspiegeln können.

Deutlichere Zusammenhänge existieren zwischen der Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler und einem positiven Sozialklima. Positiv wirkende Aspekte des Klassenklimas sind hier Schülerzentriertheit, als negativ wirkend wird sozialer Druck und Leistungsdruck identifiziert (Eder 1996, S. 230f.).

Weniger Schulangst und Schulstress

Eine positive Lernumwelt führt zudem dazu, dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht intensiver mitarbeiten. Sie zeigen weniger Schulangst, sie leiden weniger unter Verstimmungen und Schulstress und fühlen sich insgesamt gesünder (Eder 2002). In Schulen mit einem personenorientierten Klima ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Schulunlust und Schulangst geringer als in Schulen, in denen ein eher distanziertes und funktionelles Klima dominiert (Oswald et al 1998). Ein negatives Klima, das durch Angst vor Misserfolg und fehlende gegenseitige Rücksichtnahme gekennzeichnet ist, kann zu Blockaden und Verweigerung auf Seiten der Schülerinnen und Schüler führen (Hissnauer 2008, S. 9).

Weniger Unterrichtsstörungen – mehr Schulfreude

Ein wesentlicher Aspekt eines positiven Klassenklimas ist die Beziehung zu den Lehrkräften. Aus Untersuchungen lässt sich schließen, dass sich ein positives Verhältnis zum Lehrer stark auf die Schulfreude auswirkt (vgl. Janke 2006b, S. 175). Wird dieses als gut wahrgenommen, ist auch der Anteil an störenden und devianten Verhaltensweisen von Seiten der Schülerinnen und Schüler geringer (Fend 1977, S. 177). In klimapositiven Klassen zeigen sich zudem weniger Probleme mit aggressivem Verhalten. Eine gute Klimaqualität hilft den Ausbruch von Gewalt zu verhindern (Eder 1985). Ein geringes Maß Unterrichtsstörungen und somit verschwendeter Unterrichtszeit kann zu einem erhöhten Anteil "effektiver echter Lernzeit" führen (vgl. Eder 2002, S. 222).

Höheres Selbstwertgefühl, weniger Hilflosigkeit

Eine Untersuchung von Schwarzer (1983) mit mehr als 2000 Schülerinnen und Schülern ließ folgenden Schluss zu:
"Klimapositive Klassen zeichneten sich durch geringen Leistungs- und Konkurrenzdruck, ein hohes Ausmaß an sozialer Unterstützung und Geborgenheit sowie durch Regelhaftigkeit im Unterrichtsverlauf aus. In diesen Klassen waren Indikatoren des Selbstkonzepts deutlich ausgeprägter. So wiesen die Schülerinnen und Schüler in klimapositiven Klassen ein höheres Selbstwertgefühl und mehr Erfolgszuversicht auf, während Anzeichen für Kontrollverlust, Hilflosigkeit und Leistungsängstlichkeit seltener waren" (Von Satow 1999, S. 57).

Augenscheinlich ist hierbei: Lehrende unterrichten gerne in klimapositiven Klassen. Umgekehrt wird eine Lehrkraft, die Freude ausstrahlt, von den Schülerinnen und Schülern wertgeschätzt. Es entsteht Wohlbefinden und Schülerinnen und Schüler wie Lehrkräfte gehen gern in den Unterricht. Der Unterricht verläuft störungsärmer und Lernen wie Unterrichten sind ertragreicher.

Mitarbeit und Motivation

Arbeiten Schüler in klimapositiven Klassen auch engagierter mit? Eder analysierte hier zwischen dieser und nahezu allen untersuchten Klimadimensionen signifikante Zusammenhänge. Dabei haben die Klimamerkmale Schülerzentriertheit und Disziplin positive Auswirkungen, sozialer Druck hingegen negative Auswirkungen auf die Mitarbeit (Eder 1996, S. 230ff.).

Ein positives Klassenklima lässt zudem das Interesse an schulspezifischen Themen zunehmen. Es kommt zu einer lernförderlichen fachlichen Interessenbildung. Dabei lassen sich Mädchen – insbesondere im mathematisch-technischen Bereich – stärker als Jungen durch Ermutigung in ihrer Interessenbildung beeinflussen (Horstkemper 1987; Jahnke-Klein 2001).

Klassenklima – einer von vielen Schutzfaktoren

Ein gutes Klassen- und Schulklima kann zudem als Schutzfaktor vor deviantem Verhalten, wie bspw. dem Konsum von Drogen, angesehen werden. Resnick et. al. zeigten, dass neben einer guten Eingebundenheit in die Familie die so genannte "connectiveness to school" einen entscheidenden Faktor zur Bewahrung Jugendlicher vor risikoreichen Verhaltensweisen darstellt. Gemeint ist die emotionale Eingebundenheit und Verbundenheit mit der Schulgemeinschaft: das Gefühl von emotionaler Nähe zu Menschen in der Schule, das Gefühl, von den Lehrerinnen und Lehrern gerecht behandelt zu werden, das Gefühl, Teil der Schulgemeinschaft zu sein (Resnick et. al. 1997, S. 278).

Auch Tillmann et al. konnten nachweisen: In klimanegativen Klassen kommt es häufiger zu physischer und psychischer Gewalt als in von den Schülerinnen und Schülern positiv bewerteten Klassen (Tillmann et al. 2000, S. 238.)

Eder konnte in einer Studie mit 3.100 Probanden feststellen, dass sozial nicht integrierte Schülerinnen und Schüler viermal häufiger als integrierte angaben, sich nicht gesund zu fühlen und zudem mehr Beschwerden sowie eine höhere Nutzung von Medikamenten aufwiesen. Demnach hängt die Schulangst vor allem mit der Vereinzelung des Kindes innerhalb seiner Klasse zusammen und wird vor allem durch negative Beziehungen zu den Mitschülerinnen und Mitschülern begünstigt (Eder 1990, zit. nach Grewe 2003, S. 37).

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


PDF zur Sachanalyse

Publikationen zum Thema

Cybermobbing. Ignorieren oder anzeigen?

Cybermobbing. Ignorieren oder anzeigen?

Das Internet ist nicht länger nur Informations- und Unterhaltungsmedium, sondern es fordert als Web...

Cover_Respekt. Eine Frage der Ehre?

Respekt. Eine Frage der Ehre?

"Respekt" spielt für Jugendliche eine große Rolle und entfaltet seine Wirkung nicht nur im Private...

willst du stress.jpg

Willst Du Stress?

Jugendgewalt prägt den Alltag von Jugendlichen: Ob in der Schule, der Freizeit oder in der Familie....

Zum Shop

Grafstat Logo Service
Wenn's Fragen gibt...

Grafstat Service

Für alle Fragen, die bei der Durchführung Ihres Projektes auftauchen, versucht das Team der Universität Münster eine Antwort zu finden - ganz gleich, ob Sie Fragen zur Software, zur Methodik oder zur Organisation Ihres Projektes haben.

Mehr lesen

Grafstat Logo Methoden
Meinungsforschung im Unterricht

Grafstat Methoden

Die Attraktivität des Unterrichtsfaches Politik/Sozialkunde kann in erheblichem Maße dadurch gesteigert werden, dass den Jugendlichen motivierende Aufgaben gestellt und Raum für Eigenaktivitäten geschaffen wird. Die unterrichtsmethodischen Vorschläge haben das Ziel, die methodischen Handlungsmöglichkeiten der Lehrperson deutlich zu erhöhen.

Mehr lesen