Geschichte begreifen

14.11.2008 | Von:
Werner Imhof

Spurensuche


Nachbereitung und Dokumentation

Wenn eine Zeitzeugenbegegnung stattgefunden hat, muss sich die Nachbereitung, solange die Eindrücke noch frisch sind, zunächst darauf beziehen. Die Schüler/innen müssen Gelegenheit erhalten, auch ihren Emotionen Ausdruck zu geben. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Zeitzeugenbericht erfolgt erst anschließend.

Ungereimtheiten oder sachliche Zweifel, Kritik an der Haltung des Zeitzeugen – das sind Gegenstände, die nicht in seiner Gegenwart besprochen werden. Die Essenz des Gesprächs ist dann in den Zusammenhang der Ergebnisse der Spurensuche zu stellen – und damit sind wir bei der Dokumentation und Präsentation der Ergebnisse angekommen.

Dabei sind der Phantasie und Kreativität kaum Grenzen gesetzt: Aus Videodokumentationsmaterial kann ein Film geschnitten, Tonprotokolle können Elemente eines Hörspiels werden. Video-, Ton-, Bild- und Textelemente bilden Module für verschiedenste Ausstellungsformen. Bei der Wahl der Dokumentationsform muss zunächst gemeinsam diskutiert und beschlossen werden: WAS wollen wir WEM und WO zeigen? Das WAS, das WEM und das WO – in dieser Reihenfolge – entscheiden über die weiteren Schritte.

Geht es darum, spannende Ergebnisse der Spurensuche über vergessene Schicksale, Opfer, Tatorte publik zu machen, mit dem Ziel, einen überfälligen Gedenkort zu schaffen, dann ist vor allem – und von Anfang an! – eine rührige Pressearbeit notwendig ("Schüler machen Zeitung"), auch öffentlichkeitswirksame Aktionen können hilfreich sein (Mahnwache, Demonstration, Informationsstand in der Fußgängerzone, Unterschriftensammeln, um Termin beim Bürgermeister / Landtags- / Bundestagsabgeordneten bitten u. ä.).

Sollen die Projektergebnisse vor allem für Mitschüler, Eltern und kommende Schülergenerationen festgehalten werden, dann bieten sich von Wandzeitungen, Ausstellungen, einfachen Publikationsprojekten über Power-Point-Präsentationen, CDs, bis hin zu Webseiten und Filmen zahlreiche Präsentationsformen an.

Ein sehr gelungenes Beispiel für die Web-Dokumentation einer auf die eigene Schule bezogenen Spurensuche sowie eine bemerkenswerte Ausstellung hat die Projektgruppe des Augsburger Maria-Theresia-Gymnasiums erarbeitet. Vorbildlich sind auch die Link-Tipps.

Die Möglichkeiten des Internets können selbstverständlich bereits zuvor zur Recherche, zum Informationsaustausch und für die Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden: durch die Einrichtung von Projektwebseiten, Chatrooms, Mailing-Listen u.a. Tipps dazu gibt es z.B. auf www.exil-club.de.

Die Intentionen, die sich mit einem Spurensuchprojekt verbinden, können vielfältig sein und sich überschneiden. Eine gute Öffentlichkeitsarbeit, eine sorgfältige Dokumentation und eine auf den Zweck zugeschnittene Präsentation sind Grundlage für den Erfolg und die Nachhaltigkeit des Projekts.

Literatur

Heer, Johannes: "Hitler war`s" – Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. Berlin 2005.

Kößler, Gottfried; Steffens, Guido; Stillemunkes, Christoph (Hrsg.): Spurensuche. Ein Reader zur Erforschung der Schulgeschichte während der NS-Zeit. Frankfurt/M. 1998.

Creative Commons License

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