Geschichte begreifen

12.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

Menschen unter dem Terror des Nationalsozialismus: Zwangsarbeit in Gersthofen


Widerstand und Unterstützung

Zu den vier Themen kam nun noch ein weiteres, nämlich der Umgang einer Stadt mit ihrer Geschichte. Nicht jedermann im Ort wollte den Schülerinnen und Schülern Auskunft geben, viele lehnten eine Zusammenarbeit kategorisch ab. Einige beschimpften insbesondere den Lehrer als "Nestbeschmutzer". Der Gipfelpunkt war eine anonyme Aufforderung zum Mord an ihm: "Schlagt ihn tot, möglichst bald!".

Die Projektgruppe ließ sich nicht von ihrem Ziel abbringen. Ihre Arbeiten gingen weit über den Unterricht hinaus: In der Freizeit, den Ferien und an zahllosen Nachmittagen studierten und scannten sie die gefundenen Dokumente, recherchierten im Internet und schrieben ihre Texte für die Ausstellung. Zusätzlichen Auftrieb gaben ihnen ermutigende Zuschriften aus ganz Deutschland. Finanzielle Unterstützung bekamen sie von der Theodor-Heuss-Stiftung.

Die Schülerinnen und Schüler wollten jedoch nicht nur eine historische Arbeit leisten, sondern auch ein Zeichen der Versöhnung setzen und ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Gersthofen einladen. Die Archivquellen hatten ihnen die Perspektive der Täter vermittelt, nicht jedoch die traumatischen Erlebnisse der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie ihre Verarbeitung von Leid und Unrecht.

Die Jugendlichen nahmen daher Kontakt mit noch lebenden Zwangsarbeitern in Russland, der Ukraine, Polen, Italien und Frankreich auf. Nach aufwändigster logistischer Arbeit machten die Schülerinnen und Schüler vier ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine ausfindig, die früher in Gersthofen bzw. in der Region gearbeitet hatten, organisierten deren Reise nach Deutschland und stellten ein Programm für die Gäste zusammen.

Einem Mitschüler gelang es, einen ehemaligen französischen KZ-Häftling aus Dora dazu zu bewegen, zur Ausstellungseröffnung nach Gersthofen zu kommen. An der Ausstellungseröffnung am 18. Oktober 2001 konnten somit fünf ehemaligen Zwangsarbeiter teilnehmen.

Durch die Übereichung von Geldbeträgen als symbolische Entschädigung, die der Schulklasse und ihrem Lehrer auf Grund der Forschungen gespendet wurden, wollten die Schülerinnen und Schüler ein Zeichen der Entschuldigung an dem an den Zwangsarbeitern von Gersthofen verübten Unrecht setzen.

2002 wurde ein erheblicher Teil des gesammelten und gespendeten Geldes in der Ukraine Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern überreicht, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht nach Gersthofen kommen konnten.

Ausweitung des Projekts

Die Projektarbeit zur Zwangsarbeit wurde 2002 in einer 92-seitigen Broschüre veröffentlicht. Der Verkauf des Buches zeigte, dass ein enormes Interesse am Thema bestand.

Auch dann war das Engagement für das Projekt nicht beendet. Mit dem Erlös der Publikation wurde ein "Zukunftsfonds" für die früher in Gersthofen tätigen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter errichtet, denn es wurden nach der Ausstellung weitere noch in der Ukraine lebende Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ausfindig gemacht. Die Ausstellung wurde auch in anderen Teilen Deutschlands gezeigt und erhielt mehrere Auszeichnungen. Die Forschungsarbeiten werden bis heute fortgesetzt und sind auch ausgeweitet auf die italienischen Militärinternierten.

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