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16.10.2015

Werkstatt-Beiräte, Bewohner-Beiräte für politische Bildung nutzen? Wie kann politische Beteiligung gelingen?

Werkstatt-Räte sollen nur ein erster Schritt sein

In vielen Behindertenwerkstätten oder Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung beteiligen sich Mitarbeiter oder Bewohner in Gremien wie dem Werkstatt-Rat, um ihre eigenen Interessen zu vertreten. Humanwissenschaftler Dr. Werner Schlummer von der Universität zu Köln diskutierte mit den Teilnehmern der Denkwerkstatt "Werkstatt-Beiräte, Bewohner-Beiräte für politische Bildung nutzen? Wie kann politische Beteiligung gelingen?".

Dr. Werner Schlummer im Plenum des Kongresses.Dr. Werner Schlummer im Plenum des Kongresses. (© Swen Rudolph/bpb)

Über die Werkstatträte nehmen die Beschäftigten einer anerkannten Werkstatt für Menschen mit Behinderung ihr festgeschriebenes Recht auf Beteiligung wahr. Dieses Beteiligungsrecht steht im Zusammenhang mit dem üblichen Zusammenspiel von Arbeitgebern und Arbeitnehmern und ist als Übertragung auf den Sonderarbeitsplatz "Werkstatt für Menschen mit Behinderung" zu sehen. Die Denkwerkstatt setzte sich mit der Annahme auseinander, dass dieses Zusammenspiel eine entscheidende Rolle für Gestaltung und Veränderung in der jeweiligen Institution einnimmt.

Die verschiedenen Teilnahmemöglichkeiten in Werkstatt-Räten müssten von den Betroffenen besser erkannt und gefördert werden, so dass sich mehr Menschen engagieren und eine politische Verantwortung tragen könnten. Dafür sei eine gezielte Bildungsarbeit wichtig, sagte Dr. Werner Schlummer von der Uni Köln. Erst dann könne eine Institution von innen heraus gestaltet und verändert werden.

Kompetenzen eines Werkstatt-Rats

Politische Bildung gelinge oft schon während einer Kandidatur zu einem Werkstatt-Rat oder einer Bewohner-Vertretung (also zu einer Mitgliedschaft im Gremium): Weil dabei Kompetenzen erworben werden, die das Selbstbewusstsein stärken, weiter verwendet werden und zum Beispiel in Fortbildungen aufgefrischt werden können.

Um den verschiedenen Aufgaben in einem Werkstatt-Rat gerecht zu werden, bedarf es laut Schlummer aber verschiedener Kompetenzen. Vertreter einer Behinderten-Einrichtung würde eine Person nicht nur allein durch die Wahl, vielmehr brauche er einige wichtige Fähigkeiten:
  • Demokratie-Kompetenz (Fähigkeit mit der Demokratie umzugehen)
  • Sozial-Kompetenz (sich den Anliegen und Problemen der Beschäftigten annehmen)
  • Fach- oder Sachkompetenz (sich zum Beispiel mit den Gesetzen und Regeln eines Werkstatt-Rats auskennen)
  • Methodenkompetenz (Arbeitsabläufe gestalten, Gespräche führen)
  • Personale Kompetenz (über eigene Möglichkeiten und Ideen nachdenken, Verantwortung für das eigene Tun übernehmen)
Schlummer betonte zudem, wie wichtig der Austausch einzelner Gremien sei, beispielsweise zwischen einem Werkstatt-Rat und einem Betriebsrat. Das sei für alle ein Gewinn auf fachlicher als auch auf persönlicher Ebene. Auch durch diese Verhandlungen bekämen Menschen mit Behinderung neue Möglichkeiten, ihre eigenen Interessen zu verdeutlichen, gleichzeitig neue Fähigkeiten und Kenntnisse der politischen Beteiligung zu erwerben: ein erster Schritt in Richtung einer inklusiven politischen Bildung.

Fortbildungen zwingend notwendig

Diskutiert wurde in dieser Denkwerkstatt auch, dass Fortbildungen und Schulungen für Werkstatt-Räte zwingend notwendig sind, um erworbene Kompetenzen nachhaltig zu wahren. Neue Kenntnisse über die Rechte, die jeder Beschäftigte in einer Werkstatt hat, könnten langfristig weitergegeben werden. Verschiedene Teilnehmende der Denkwerkstatt, die selbst in der Fortbildung tätig sind, sprachen sich dafür aus, dass solche Schulungen zur Pflicht werden sollten. Die Vertretung der Arbeitnehmer solle nicht vom Wohlwollen der Leitung abhängig sein, sondern müsse zwingender Bestandteil eines Arbeitsverhältnisses sein – und hier sei mehr Förderung notwendig.

Auch auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene einmischen

"In Deutschland sollte ein Gesinnungswandel erreicht werden!" Dr. Werner Schlummer verdeutlichte in der Denkwerkstatt mit diesen abschließenden Worten, dass die Behindertenvertretung noch weiter gestärkt werden müsse, insbesondere was die Kommunikation mit der Lokalpolitik angeht.
Die Rechtslage unterstützt Werkstatt-Räte, wenn diese auf die Leute zugehen und sie ermutigen, sich einzubringen und mitzugestalten, was wiederum ihre Sozialkompetenz stärke. Aber auch die gewählten Personen benötigten Unterstützung, um ihre politische Beteiligung weiter zu stärken. Werkstatt-Rat zu sein solle nur der Anfang eines Weges sein, in dem politische Beteiligung mehr und mehr zunimmt und weitere Aufgaben übernommen werden – zum Beispiel, indem in Landesgremien oder sogar auf Bundesebene eine politische Einmischung stattfindet. Gewählte Räte könnten sich schließlich auch bei der Bundesregierung oder dem Sozialministerium zu Wort melden und ihre Belange dort äußern.

Die Präsentation zu Denkwerkstatt 3 von Dr. Werner Schlummer kann PDF-Icon hier als PDF-Dokument herunter geladen werden.

Von Nino Löffler


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