Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Florian Göttsche

Die Lebenssituation der Kinder mit Migrationshintergrund

Kinder mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden sich teilweise deutlich hinsichtlich ihrer Lebenslagen. Das betrifft sowohl die Größe des Haushalts, in dem sie wohnen, als auch den Bildungsstand des Elternhauses und ihre bisherige Laufbahn im Bildungssystem. Innerhalb der Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund sind weitere Unterschiede erkennbar, wenn diese nach der Nationalität (deutsch gegenüber ausländisch) oder der Herkunftsregion gegliedert werden. Ebenso wie Erwachsene sind Kinder mit Migrationshintergrund keine homogene Gruppe, sondern setzen sich vielmehr aus vielfältigen Teilgruppen zusammen.

Kinder mit Migrationshintergrund leben in größeren Haushalten als Kinder ohne Migrationshintergrund. Während Kinder mit Migrationshintergrund im Durchschnitt mit 4,3 Personen in einem Haushalt lebten, waren es bei Kindern ohne Migrationshintergrund nur 3,9 Personen. Ausländische Kinder aus dem Nahen und Mittleren Osten wohnten mit durchschnittlich 5,1 Personen in den größten Haushalten aller hier dargestellten Gruppen. Rund 61 % dieser Kinder lebten mit fünf oder mehr Personen zusammen, bei Kindern mit deutscher Staatsangehörigkeit aus dieser Region waren es hingegen nur 35 %.
Haushalts- und Wohnsituation der Kinder nach MigrationsstatusHaushalts- und Wohnsituation der Kinder nach Migrationsstatus Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Ein sehr ähnliches Bild ergibt sich bei der Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder. Im Durchschnitt lebten Kinder in Haushalten mit 2,0 Kindern, das heißt, dass sie noch einen Bruder oder eine Schwester im gleichen Haushalt hatten. Bei Kindern mit Migrationshintergrund waren es 2,2 Kinder, bei ausländischen Kindern sogar 2,4. Ebenso wie bei der Zahl der Personen im Haushalt ragten die Kinder aus Nordafrika und dem Nahen und Mittleren Osten heraus. Sie lebten in Haushalten mit den meisten Geschwistern. Dagegen lebten rund 34 % der Kinder ohne Migrationshintergrund als Einzelkinder und nur 4 % lebten mit mindestens drei weiteren Geschwistern zusammen. Kinder mit Migrationshintergrund waren hingegen seltener das einzige Kind im Haushalt (27 %) und hatten vergleichsweise oft drei oder mehr Brüder oder Schwestern (11 %).

Die größeren Haushalte wirken sich negativ auf die Wohnsituation aus. Bei Betrachtung der Mietwohnungen fällt auf, dass deutschstämmige Kinder in Mietwohnungen lebten, die im Schnitt 94,0 Quadratmeter groß waren, während Kinder mit Migrationshintergrund in etwa 8 Quadratmeter kleineren Wohnungen aufwuchsen. Da Kinder mit Migrationshintergrund zusätzlich in größeren Haushalten lebten, waren die Unterschiede bei der verfügbaren Wohnfläche pro Kopf deutlich größer: Kinder mit Migrationshintergrund lebten in Mietwohnungen, in denen jede Bewohnerin/jeder Bewohner im Durchschnitt 21,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung hatte. Deutschstämmige Kinder bewohnten dagegen Mietwohnungen, die pro Kopf 27,3 Quadratmeter boten; das waren rund 26 % mehr. Den wenigsten Platz hatten ausländische Kinder aus dem nordafrikanischen Raum mit 17,4 Quadratmetern pro Kopf.

Kinder mit Migrationshintergrund lebten zudem wesentlich seltener mit ihren Eltern in Wohneigentum (37 %) als Kinder ohne Migrationshintergrund (58 %). Kinder mit afrikanischen Wurzeln waren hier ebenfalls schlechter gestellt mit 14 % beziehungsweise 17 % im Fall von Nordafrika.

Die Entwicklungschancen von Kindern werden maßgeblich von den Elternhäusern geprägt und mitbestimmt. Daher ist ein Blick auf die sozioökonomische Ausstattung der Elternhäuser von besonderer Bedeutung. Tabelle 4 zeigt die Zahl der im Haushalt lebenden Erwerbstätigen. Kinder lebten im Durchschnitt mit 1,6 Erwerbstätigen in einem Haushalt; bei Kindern mit Migrationshintergrund fiel dieser Wert geringer aus (1,4 Erwerbstätige). Rund 16 % dieser Kinder lebten in einem Haushalt ohne Erwerbstätige. Ein deutliches Gefälle innerhalb der Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund bestand zwischen deutschen (9 %) und ausländischen Kindern (33 %). Die Variation zwischen den Herkunftsregionen erweist sich erneut als sehr bedeutsam. Während es zwischen Kindern mit Wurzeln in einem EU-Staat und Kindern ohne Migrationshintergrund kaum Unterschiede gab, waren Kinder aus anderen Regionen deutlich benachteiligt: Ausländische Kinder aus dem Nahen und Mittleren Osten lebten zu 77 % in einem Haushalt ohne eine erwerbstätige Person. Diese Kinder und ihre Eltern waren zum Großteil auf Transferleistungen angewiesen.
Kinder nach Migrationsstatus und Zahl der Erwerbstätigen pro Haushalt 2017Kinder nach Migrationsstatus und Zahl der Erwerbstätigen pro Haushalt 2017 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Ein sehr ähnliches Bild ergab sich bei dem verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen pro Kopf. Kinder in Deutschland lebten in Haushalten, die im Durchschnitt pro Kopf 991 Euro netto zur Verfügung hatten. Kinder ohne Migrationshintergrund lebten in Haushalten, die über mehr finanzielle Mittel verfügten (1.101 Euro pro Kopf) als Kinder mit Migrationshintergrund (802 Euro pro Kopf). Ausländische Kinder waren abermals schlechter gestellt als deutsche Kinder mit Migrationshintergrund und die Herkunftsregionen zeigten das bisher bekannte Muster: Kinder aus EU-Staaten hatten die geringsten Nachteile, während Kinder aus dem afrikanischen Raum und dem Nahen und Mittleren Osten in Haushalten wohnten, die mit den geringsten Einkommen pro Kopf auskommen mussten. Die finanziellen Schwierigkeiten für diese Kinder stiegen nochmals deutlich, wenn sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen.
Monatliches Haushaltsnettoeinkommen pro Kopf nach Migrationsstatus der Kinder 2017Monatliches Haushaltsnettoeinkommen pro Kopf nach Migrationsstatus der Kinder 2017 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Eine Zusammenfassung der sozioökonomischen Situation von Kindern mit Migrationshintergrund ermöglicht die Armutsgefährdungsquote nach dem Mikrozensus, die in Abbildung 5 dargestellt ist. Kinder mit Migrationshintergrund waren fast dreimal so häufig armutsgefährdet wie Kinder mit Wurzeln in Deutschland; ausländische Kinder waren sogar mehrheitlich einem Armutsrisiko ausgesetzt.
Armutsgefährdungsquote der Kinder nach Migrationsstatus 2017 — in ProzentArmutsgefährdungsquote der Kinder nach Migrationsstatus 2017 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

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Info 3

Armutsgefährdungsquote

Für die Berechnung von Armutsgefährdungsquoten kommen mehrere Datenquellen der amtlichen Statistik in Betracht. Auf europäischer Ebene und auf Bundesebene (insbesondere im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung) wird zur Berechnung von Indikatoren, die die Einkommensarmut und -verteilung betreffen, die Statistik LEBEN IN EUROPA (EU-SILC) als Datengrundlage herangezogen (siehe Kapitel 6.3). Armutsgefährdungsquoten für Personen mit Migrationshintergrund ermittelt ausschließlich der Mikrozensus. Dabei ist zu beachten, dass sich Mikrozensus und EU-SILC sowohl hinsichtlich des zugrunde liegenden Einkommenskonzepts und der Einkommenserfassung als auch hinsichtlich des Stichprobendesigns unterscheiden.

Nicht nur die Ausstattung des Elternhauses mit finanziellen Ressourcen ist für die Zukunftschancen der Heranwachsenden von erheblicher Bedeutung, auch das sogenannte kulturelle Kapital spielt eine wichtige Rolle. Abbildung 6 betrachtet daher den höchsten Bildungsabschluss des Elternhauses. Hierfür wurde die ISCEDSkala verwendet, die die erreichten schulischen und beruflichen Bildungsabschlüsse klassifiziert. Für eine übersichtlichere Interpretation wurde die Skala hier in vier Kategorien zusammengefasst (siehe Kapitel 2.1, Info 2).

Kinder in Deutschland lebten 2017 zu rund 96 % in Haushalten, in denen wenigstens ein Elternteil einen Bildungsabschluss erworben hatte; nur 4 % der Kinder hatten Eltern, die über keinen Abschluss verfügten. Deutlich mehr als ein Drittel der Kinder, nämlich 39 %, lebte in hoch gebildeten Elternhäusern. Der Migrationshintergrund bestimmt maßgeblich mit, ob die Kinder in einem eher hoch gebildeten oder eher gering gebildeten Elternhaus aufwachsen. Bei Kindern ohne Migrationshintergrund lag der Anteil der Elternhäuser ohne einen Abschluss bei nur 1 %, während er bei Kindern mit Migrationshintergrund bei 11 % lag. Ausländische Kinder waren hier ebenfalls wieder besonders benachteiligt (22 %). Im Gegensatz dazu war der Anteil der Kinder in hoch gebildeten Elternhäusern je nach Migrationsstatus nicht ganz so groß: Auch ausländische Kinder lebten zu 26 % mit wenigstens einem hoch gebildeten Elternteil zusammen (Kinder ohne Migrationshintergrund: 45 %). Bei Kindern mit Migrationshintergrund war die Streuung beim Bildungsstand des Elternhauses größer. Dies ist damit zu erklären, dass sich unter den Zuwanderinnen und Zuwanderern nach Deutschland zum einen verhältnismäßig viele hoch gebildete Personen befinden, andererseits aber auch überproportional viele gering gebildete Menschen. Diese Variation spiegelt sich im Bildungsgrad der Elternhäuser wider.
Höchster Bildungsabschluss des Elternhauses 2017 — in ProzentHöchster Bildungsabschluss des Elternhauses 2017 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Bisher haben die verschiedenen Auswertungen nur den familiären Hintergrund der Kinder betrachtet. Aber wie sehen die bisher verwirklichten Zukunftschancen der Kinder aus? Um diese Frage zu beantworten, zeigt Tabelle 6 die im Jahr 2017 besuchte weiterführende Schule für Kinder nach Migrationsstatus.
Kinder an weiterführenden allgemeinbildenden Schulen nach Migrationsstatus 2017 — in ProzentKinder an weiterführenden allgemeinbildenden Schulen nach Migrationsstatus 2017 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Während 44 % aller Kinder 2017 an einem Gymnasium waren, ist der Besuch der Hauptschule mittlerweile eher zu einem Randphänomen geworden (7 %). Das liegt insbesondere daran, dass die Hauptschule als Schulform bundesweit immer seltener wird und nur noch in fünf Bundesländern existiert, nämlich in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Kinder mit Migrationshintergrund besuchten 2017 seltener das Gymnasium und häufiger die Hauptschule als Kinder mit Wurzeln ausschließlich in Deutschland. Ein deutliches Gefälle innerhalb der Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund besteht auch beim Schulbesuch zwischen Kindern mit deutscher Staatsangehörigkeit und ausländischen Kindern. Eine Besonderheit fällt bei den Kindern mit asiatischen Wurzeln jenseits des Nahen und Mittleren Ostens (zum Beispiel China und Vietnam) auf: Während sie beim sozioökonomischen Status des Haushalts Nachteile gegenüber Kindern mit Wurzeln in einem EU-Staat hatten, besuchten sie von allen untersuchten Herkunftsregionen am häufigsten das Gymnasium (48 %). Wenn diese Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, waren sie anteilsmäßig sogar häufiger auf Gymnasien anzutreffen (53 %) als Kinder ohne Migrationshintergrund (47 %). Dieser Befund ist jedoch nicht allzu überraschend. Untersuchungen in verschiedenen Einwanderungsgesellschaften belegen, dass Zuwanderinnen und Zuwanderer aus dem asiatischen Raum einen überdurchschnittlichen Bildungserfolg haben. Dieser Bildungserfolg wird häufig damit begründet, dass Bildung für diese Gruppe einen besonders hohen Stellenwert habe, der auch sonstige Benachteiligung zumindest zum Teil wettmachen könne (siehe Tab 6).

Der Bildungsstand des Elternhauses bestimmt sehr deutlich, ob ein Kind nach der Grundschule seine Laufbahn auf dem Gymnasium fortsetzt oder nicht. Nur 14 % aller Kinder, deren Eltern über keinen Bildungsabschluss verfügten, besuchten ein Gymnasium, während 64 % der Kinder aus Elternhäusern mit einem hohen Bildungsabschluss die höchste allgemeinbildende Schulform in Deutschland besuchten. Kinder aus hoch gebildeten Elternhäusern besuchten das Gymnasium etwas seltener, wenn sie einen Migrationshintergrund hatten (61 %) als wenn sie diesen nicht hatten (65 %). Besonders verschärft tritt dieser Effekt wieder bei ausländischen Kindern auf: Ein vergleichsweise geringer Anteil von 51 % besuchte ein Gymnasium, obwohl das Elternhaus hoch gebildet war.


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