Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Ralf Himmelreicher

Lohnentwicklung

Löhne stellen neben Lohnfortzahlungen bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit sowie Kindererziehung und Pflege die zentrale Größe dar, aus der sich individuelle Ansprüche gegenüber der gesetzlichen Rentenversicherung speisen. Die in Entgeltpunkten ausgedrückten relativen Löhne und die Länge der Erwerbsbiografie bestimmen maßgeblich die Höhe der jeweiligen Altersrenten. Auf die vor allem kurz nach der deutschen Vereinigung bestehenden stark unterschiedlichen Lohnniveaus in Ost- und Westdeutschland wurde im Rentenüberleitungsgesetz (RÜG 1991) durch Höherwertung der Ostlöhne reagiert.
Nominale jährliche Bruttodurchschnittslöhne in West- und Ostdeutschland (linke Skala) und Höherwertung der Ostlöhne (rechte Skala) 1989 – 2018Nominale jährliche Bruttodurchschnittslöhne in West- und Ostdeutschland (linke Skala) und Höherwertung der Ostlöhne (rechte Skala) 1989 – 2018 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Höherwertung der Löhne im Osten mit dem in Abbildung 1 (rechte Skala) ausgewiesenen Faktor ist in Anlage 10, Sozialgesetzbuch VI dokumentiert und wird berechnet, indem die jährlichen Bruttodurchschnittslöhne (West) durch entsprechende Löhne (Ost) dividiert werden. Dieser Faktor weist aus, dass in den ersten Jahren nach der deutschen Vereinigung eine schnelle Lohnannäherung erfolgte, jedoch ab Mitte der 1990er-Jahre bis Ende der 2010er-Jahre die Durchschnittslöhne im Westen knapp 20 % höher ausfielen als jene im Osten. Mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Jahr 2015 näherten sich die Löhne in Ostdeutschland, wo es einen großen Niedriglohnsektor gibt, denen in Westdeutschland leicht an.

Erklärungsansätze zur Begründung der Lohndifferenzen in Ost und West zielen häufig auf unterschiedliche Branchenstrukturen und Betriebsgrößen sowie Produktivitätsunterschiede ab. Letztere werden auf weniger industrielle Arbeitsplätze im Osten mit wertschöpfungsschwächerer Endfertigung und weniger kapitalstarke Großunternehmen zurückgeführt. Insgesamt ist die Wirtschaftsstruktur im Osten kleinteiliger und hat eine niedrigere Exportquote als im Westen. Zudem befinden sich Hochlohnabteilungen wie Firmenleitungen und Forschungsabteilungen eher in West- als in Ostdeutschland. Des Weiteren ist eine starke Erosion der Tarifbindung in Ostdeutschland festzustellen, selbst im verarbeitenden Gewerbe: In Ostdeutschland wird insgesamt nur noch jeder dritte Beschäftigte nach Tarif bezahlt, im Westen mehr als jeder Zweite (siehe Kapitel 5.2.1). Allerdings haben Erwerbstätige im Osten oftmals höhere tatsächliche Arbeitszeiten als jene im Westen (siehe Kapitel 5.1.10). Zudem arbeiten Menschen in Ostdeutschland seltener in Teilzeit und Minijobs als in Westdeutschland (siehe Kapitel 5.1.6). Umgekehrt liegt die Arbeitslosigkeit im Osten nach wie vor deutlich über dem Westniveau (siehe Kapitel 5.1.8).

Durch die sozialpolitische Kompensation der Ost-West-Lohnunterschiede im Rahmen der Höherwertung erfolgt trotz eines geringeren aktuellen Rentenwertes im Osten eine Anhebung der durchschnittlichen Rentenanwartschaften über das Westniveau: Multipliziert man den aktuellen Rentenwert für einen Entgeltpunkt von 28,66 Euro für Ostdeutschland mit dem Höherwertungsfaktor von 1,1479, so ergibt sich mit 32,90 Euro ein höherer Rentenwert pro Entgeltpunkt als in Westdeutschland (30,45 Euro). Insofern führen gleich hohe Arbeitsentgelte in Ost- und Westdeutschland zu deutlich höheren Rentenansprüchen im Osten. Allerdings liegen die Durchschnittsverdienste im Westen im Jahr 2016 um etwa 15 % über denen im Osten. Diese unterschiedliche Behandlung von Löhnen und Rentenanwartschaften in Ost und West werden seit einigen Jahren diskutiert. Die Große Koalition hat in der letzten (18.) Legislaturperiode des Deutschen Bundestages ein Gesetz zur Angleichung der gesetzlichen Renten in Ost- und Westdeutschland verabschiedet. Danach wird in den kommenden Jahren der niedrigere Rentenwert Ost in einem Stufenplan bis Juli 2024 an den Wert im Westen herangeführt. Ab diesem Zeitpunkt entfällt dann auch die Höherwertung. Sollten in einigen Jahren die Durchschnittslöhne im Westen noch immer 15 % über denen im Osten liegen, würden sich diese Unterschiede proportional auf die Rentenansprüche übertragen.


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