Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Ralf Himmelreicher

Entwicklung der Entgeltpunkte bei Altersrenten

Die Summe der persönlichen Entgeltpunkte spiegelt die Anwartschaften der Versicherten gegenüber der gesetzlichen Rentenversicherung wider. Sie können als Bilanz der Erwerbs- beziehungsweise Versicherungsbiografien interpretiert werden. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Erwerbsbiografien von Frauen und Männern in den jeweiligen Regionen werden die empirischen Befunde differenziert nach Geschlecht sowie für Ost- und Westdeutschland ausgewiesen. Die Darstellung in Abbildung 2 zeigt die Entwicklung der Lebensarbeitseinkommen in Entgeltpunkten beim Rentenzugang zwischen 1993 und 2016.

Bei der Interpretation der Zeitreihen sind seit dem Jahr 2015 einige Besonderheiten zu berücksichtigen, weshalb die Entgeltpunktverläufe wegen unterschiedlicher rentenrechtlicher Rahmenbedingungen nur bedingt miteinander vergleichbar sind. Exemplarisch hierfür ist die 2014 in Kraft getretene sogenannte Mütterrente. Sie sieht für vor 1992 geborene Kinder eine Erhöhung der Kindererziehungszeiten – in der Regel bei den Müttern – von einem auf zwei Entgeltpunkte vor. Die Kindererziehungszeiten für 1992 und später geborene Kinder betragen drei Entgeltpunkte. Dadurch erreichen viele Frauen eine Versicherungszeit von fünf Jahren und erwerben somit erstmals Ansprüche auf eine gesetzliche Rente. Dies betrifft überwiegend westdeutsche Frauen im Alter ab 65 Jahren, weil aufgrund längerer Erwerbsbiografien bei den meisten ostdeutschen Frauen bereits zuvor ein Rentenanspruch bestand. Unabhängig von diesen Veränderungen im Rentenrecht ist die Summe der persönlichen Entgeltpunkte die zentrale Größe zur Bemessung der Höhe der gesetzlichen Altersrenten.

Neben der Mütterrente gab es weitere Veränderungen, etwa die hohen Zugangszahlen bei der neuen Altersrente für besonders langjährig Versicherte. Versicherte, die mindestens 45 Jahre in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert waren, können seit dem 1. Juli 2014 bereits ab Vollendung des 63. Lebensjahres abschlagsfrei diese Rentenart in Anspruch nehmen. Dadurch sank das Renteneintrittsalter von Männern um etwa einen Monat auf unter 64 Jahre.

Im Folgenden wird die Entwicklung der Entgeltpunkte (EP) separat für vier Gruppen betrachtet: westdeutsche Männer, ostdeutsche Männer, westdeutsche Frauen und ostdeutsche Frauen.

Für männliche Neurentner in Westdeutschland zeigt sich im Zeitverlauf ein deutlicher Rückgang ihrer EP: Die Anwartschaften des Medianrentners sanken im Zeitverlauf von etwa 47 EP im Jahr 1993 um 6 % auf 44 EP im Jahr 2016. Damit verzeichneten Neurentner des Jahres 2016 im Durchschnitt geringere Anwartschaften als Rentner, die in früheren Jahren in Rente gingen. Dieser negative Trend erfasst insbesondere niedrige bis mittlere gesetzliche Renten. Die von der gesetzlichen Rentenversicherung ausbezahlte Median-Bruttorente stieg nominal, also ohne Berücksichtigung der Preisentwicklung, von 1.072 Euro im Jahr 1993 um knapp 100 Euro auf 1.171 Euro im Jahr 2016. Um die Median-Nettorente zu ermitteln, müssen hiervon noch die selbst zu zahlenden Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung sowie gegebenenfalls Steuern abgezogen werden.

i

Info 2

Medianrentner

Zur besseren Veranschaulichung wird die Verteilung der Entgeltpunkte (EP) in sogenannten Dezilen dargestellt. Das heißt, aus der Rangordnung nach der Höhe ihrer EP geordneter Personen werden zehn gleich große Gruppen gebildet. Die Dezile geben dann die Grenzen an, an denen die jeweils nächsthöhere Gruppe beginnt. Das erste Dezil grenzt die unteren zehn Prozent der Personen von den zweiten zehn Prozent ab und so weiter. Der Median bildet in dieser Rangordnung genau die Mitte: die eine Hälfte aller Personen hat EP in einer Höhe, die unterhalb des Medians liegt, bei der anderen Hälfte der Personen liegen die Entgeltpunkte darüber.
Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Männern in Westdeutschland 1993 – 2016 — in DezilenEntwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Männern in Westdeutschland 1993 – 2016 — in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Insgesamt hat die Ungleichheit der EP und damit der Auszahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung durch sinkende Niedrigrenten und geringfügig steigende Höchstrenten zugenommen: Erreichten die untersten 10 % der westdeutschen Neurentner 1993 noch rund 22 % der EP der obersten Rentnergruppe, so lag dieser Anteil im Jahr 2016 mit rund 9 % deutlich niedriger. Während die Anwartschaften im unteren Segment sanken, lassen sich im oberen Segment steigende Anwartschaften feststellen. Bei Neurentnern der drei unteren Dezile gingen die Entgeltpunkte zwischen 1993 und 2016 um bis zu 10 EP zurück. Sinkende Anwartschaften sind neben niedrigen Löhnen oftmals auf kurze versicherungspflichtige Erwerbsbiografien zurückzuführen, wie sie etwa vormals Selbstständige, langjährige Bezieher von Sozialleistungen oder erst im höheren Alter nach Deutschland zugewanderte Personen haben können. Demgegenüber verzeichneten Bezieher von Altersrenten in den drei höchsten Dezilen gleichbleibende bis geringfügig zunehmende Anwartschaften. Entgeltpunktsummen jenseits von 60  EP verweisen auf langjährige, weit überdurchschnittlich bezahlte Beschäftigung, zum Beispiel eine nahezu 40 Jahre lange Vollzeitbeschäftigung mit einem Lohnniveau, das etwa beim eineinhalbfachen Durchschnittslohn liegt. Zur Orientierung soll darauf hingewiesen werden, dass der jährliche Bruttodurchschnittslohn im Jahr 2016 im Westen 36.267 Euro und im Osten 31.594 Euro betrug. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass Löhne in dieser Größenordnung bei jüngeren Beschäftigten sowie bei Personen mit reduzierten Arbeitszeiten eher selten vorkommen.

Männliche Neurentner in Ostdeutschland weisen im Untersuchungszeitraum einen deutlichen Rückgang ihrer Anwartschaften auf. Die EP des Medianrentners sanken seit der deutschen Vereinigung von 51 EP um knapp ein Viertel auf 39 EP im Jahr 2016. Durch die Rentenanpassungen ergibt sich eine nominale Steigerung der Median-Bruttorente von 844 Euro im Jahr 1993 auf 975 Euro im Jahr 2016.
Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Männern in Ostdeutschland 1993 – 2016 — in DezilenEntwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Männern in Ostdeutschland 1993 – 2016 — in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Auch in Ostdeutschland ist bei den männlichen Neurentnern die Verteilung der Anwartschaften erkennbar ungleicher geworden: 1993 erreichten Neurentner des untersten Dezils noch fast 60 % der EP des obersten Dezils, im Jahr 2016 nur noch 37 %. Die Ungleichheit der Anwartschaften der ostdeutschen Neurentner nahm im Zeitverlauf zu und die Höhe der Anwartschaften tendenziell ab. Anders formuliert: Je kürzer die DDR-geprägten Erwerbsbiografien – mit geringer Lohnungleichheit und nahezu ohne Arbeitslosigkeit – desto niedriger sind tendenziell die Anwartschaften und umso höher deren Ungleichheit.

Eine andere Entwicklung ist bei den Frauen beim Übergang in eine Altersrente festzustellen. Die Summe der persönlichen EP von Frauen in Westdeutschland nahm im Beobachtungszeitraum bei der Medianrentnerin zwar um gut 70 % zu, jedoch vollzog sich diese starke relative Veränderung vor dem Hintergrund niedriger absoluter Werte: von 12 EP im Jahr 1993 auf 20 EP im Jahr 2016; oder in nominalen Rentenzahlbeträgen ausgedrückt: von 261 Euro auf annähernd 537 Euro Median-Bruttorente. Auch bei den Frauen ist die Ungleichheit der Rentenbezüge in Westdeutschland größer als in Ostdeutschland. Im Jahr 2016 erreichten Neurentnerinnen in Westdeutschland im untersten Dezil 6 EP und damit nur 13 % der Anwartschaften des obersten Dezils mit 45 EP. Die Ungleichverteilung der Altersrenten bei westdeutschen Frauen im Beobachtungsfenster hat somit vor allem deshalb stark zugenommen, weil in unteren Dezilen kaum Veränderungen festzustellen sind, während zunehmend mehr Frauen höhere Entgeltpunkte erreichen. Diese Entwicklung basiert einerseits auf zunehmender Frauenerwerbstätigkeit, gekennzeichnet durch längere Erwerbsbiografien mit höheren Löhnen, und andererseits seit dem zweiten Halbjahr 2014 und vor allem seit 2015 auf einer verbesserten Anerkennung von Kindererziehungszeiten (Stichwort: Mütterrente) in der Rentenversicherung. Sie zeigt, dass ein zunehmender Anteil westdeutscher Frauen eine eigenständige Altersvorsorge aus der gesetzlichen Rentenversicherung erzielt, die die Grundsicherungsschwelle für Alleinstehende, die bei näherungsweise 30 EP liegt, übersteigt. Rund 70 % der westdeutschen Neurentnerinnen verfügten 2016 jedoch nur über sehr niedrige individuelle Anwartschaften, die unterhalb der Grundsicherungsschwelle liegen. Viele dieser Rentnerinnen sind zwar im Haushaltskontext über ihre (Ehe-)Partner sowie weitere Alterseinkünfte hinreichend abgesichert. Dennoch besteht der politische Wille, die eigenständige Altersvorsorge von (westdeutschen) Frauen zu stärken; nicht zuletzt wegen zunehmender Scheidungen und meist fehlender Hinterbliebenenversicherung bei der (staatlich geförderten) privaten wie betrieblichen Altersvorsorge. Außerdem gehen die Anwartschaften der Männer – wie oben beschrieben – im Zeitverlauf tendenziell zurück, weshalb davon abgeleitete Witwenrenten ebenfalls tendenziell sinken.
Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Frauen in Westdeutschland 1993 – 2016 — in DezilenEntwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Frauen in Westdeutschland 1993 – 2016 — in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Anwartschaften von ostdeutschen Frauen beim Rentenzugang haben im untersuchten Zeitraum ebenfalls etwas zugenommen: 1993 betrugen sie bei der Medianrentnerin 31 EP, im Jahr 2016 waren es 33 EP. In nominalen Bruttobeträgen entspricht dies einer Medianrente von knapp 450 Euro im Jahr 1993 und 825 Euro im Jahr 2016. Die Entwicklung der Anwartschaften verlief dabei nicht einheitlich: Während die gesetzlichen Rentenansprüche in den unteren Dezilen auf demselben Niveau verharrten, stiegen sie in den oberen drei Dezilen seit 2011 tendenziell an. Ähnlich wie bei den männlichen Neurentnern im Osten sind auch bei den Frauen die Unterschiede zwischen den niedrigsten und höchsten gesetzlichen Renten vergleichsweise gering. Allerdings stiegen die Entgeltpunkte der Frauen im Osten insgesamt an, während die der Männer sanken. Im Ergebnis lagen die Entgeltpunkte 2016 im Osten bei den Männern etwa 5 EP über jenen der Frauen im gleichen Dezil.
Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Frauen in Ostdeutschland 1993 – 2016 — in DezilenEntwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Frauen in Ostdeutschland 1993 – 2016 — in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Im Westen ist die geschlechtsspezifische Rentenlücke der Frauen wesentlich höher. Sie lag bei Medianrentnern des Jahres 2016 bei 24 EP. Die geschlechtsspezifische Rentenlücke, auch "Gender Pension Gap" genannt, ging wegen steigender Frauenerwerbstätigkeit und der Einführung der Mütterrente vor allem im Westen deutlich zurück. Der Gender Pension Gap der Medianrente betrug 2016 im Westen 55 % und im Osten 15 %. Das bedeutet, dass Frauen in Westdeutschland weniger als halb so viel Rente bekamen wie Männer, wohingegen Frauen in Ostdeutschland im Vergleich zu Männern nur 15 % weniger Rente erhielten.

Während Männer im Westen und Frauen in beiden Regionen tendenziell gleichbleibende bis geringfügig steigende EP verzeichneten, gingen die Ansprüche der Männer in Ostdeutschland sukzessive zurück, und das trotz einer im Vergleich zu westdeutschen Durchschnittslöhnen überproportionalen Aufwertung der ostdeutschen Durchschnittslöhne. Je länger der Zeitraum zwischen deutscher Vereinigung und individuellem Rentenzugang ist, desto niedriger werden die Anwartschaften. Hieran sowie anhand des insbesondere bei älteren Beschäftigten oftmals bezogenen Niedriglohns werden die Probleme auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt besonders deutlich. Auf der anderen Seite ist die Ungleichheit der Renten bei ostdeutschen Männern vergleichsweise gering.

Vom Aufwärtstrend bei den Frauen in beiden Landesteilen profitierte das obere Drittel stärker als die Bezieherinnen mittlerer und niedriger Altersrenten. Die Rentenanwartschaften sind bei Neurentnerinnen in den alten Bundesländern besonders ungleich verteilt.


Lexika-Suche

Zahlen und Fakten

Top 15

Wer zahlt am meisten an die EU? In welches Land wandern die meisten Personen ein? Wie entwickelt sich der Welthandel? Wo sind die meisten Menschen arm? Hier finden Sie 15 Zahlen und Fakten-Grafiken, die regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht werden...

Mehr lesen

Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Zahlen und Fakten

Die soziale Situation in Deutschland

Wie sind die sozialen Aufgaben in Deutschland verteilt? Und für welche Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft müssen Lösungen gefunden werden? Das Online-Angebot hilft dabei, die soziale Situation in Deutschland besser einschätzen und beurteilen zu können.

Mehr lesen