Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Mareike Alscher, Eckhard Priller, Luise Burkhardt

Zivilgesellschaftliche Organisationen als Infrastruktur des Zivilengagements

Organisationen wie Vereine, Verbände, Stiftungen, gemeinnützige Gesellschaften mit beschränkter Haftung bis hin zu weniger formalisierten Organisationen der Bürgerinitiativen bilden die institutionelle und infrastrukturelle Seite des Zivilengagements in Deutschland. Insgesamt ist dieser Bereich sehr vielschichtig und dynamisch und durchdringt die gesamte Gesellschaft in ihren einzelnen Bereichen. Gleichwohl wird die Gesamtzahl der Organisationen in ihrer unterschiedlichen Größe, Zusammensetzung und Rechtsform bislang nicht systematisch erfasst. Nur für einzelne Organisationsformen wie eingetragene Vereine und rechtsfähige Stiftungen bürgerschaftlichen Rechts liegen aktuelle Angaben vor. Die Vereinslandschaft weist anhand der Angaben der Vereinsregister bei den deutschen Amtsgerichten ein hohes Wachstum auf. Zu den Vereinen zählen zumeist nach der Rechtsform die Verbände, denen in Deutschland ein besonderer Stellenwert zukommt. Häufig sind sie als Dachverbände ein Zusammenschluss von Organisationen. Als solche üben sie koordinierende Aufgaben aus und vertreten die Interessen der Mitgliedsorganisationen gegenüber der Politik. In diesen Funktionen gestalten sie viele Gesellschaftsbereiche aktiv mit. Zu den eingetragenen Vereinen kommen schätzungsweise mehrere Hunderttausend nicht eingetragene Vereine, die keine Eintragung in den Vereinsregistern anstreben und zu deren Anzahl keine Informationen vorliegen.

In den letzten 65 Jahren stieg die Zahl der in Deutschland eingetragenen Vereine beträchtlich: Sie versiebenfachte sich von rund 86.000 im Jahr 1960 (Westdeutschland) auf rund 605.000 im Jahr 2017 (Gesamtdeutschland). Die steil ansteigende Kurve der eingetragenen Vereine veranschaulicht ein Wachstum, wie es nur in wenigen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten ist. Gleichwohl flachte die Dynamik bei den Neueintragungen der Vereine in den letzten Jahren ab. Während sich 1995 noch rund 22.000 Vereine neu in die Vereinsregister eintragen ließen, waren es 2016 nur noch rund 14.000. Gleichzeitig stieg die Zahl der Löschungen von Vereinen in den Vereinsregistern stetig an. 1995 wurden rund 4.500 Löschungen vorgenommen, 2016 traf dies für rund 9.000 Vereine zu.
Abb 1 Entwicklung der Anzahl der Vereine in Deutschland 1960 – 2017 — in TausendEntwicklung der Anzahl der Vereine in Deutschland 1960 – 2017 — in Tausend Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Neben der geringer werdenden Zunahme bei den Vereinsgründungen und dem Anstieg der Löschungen zeigen sich über die Jahre zugleich thematische Gewichtsverlagerungen in den Tätigkeitsbereichen der Vereine. So wies die Vereinsstatistik für den Zeitraum 2005 bis 2008 eine besondere Zunahme der Kultur-, Interessen- und Freizeitvereine sowie einen Rückgang bei den Umwelt- und Sportvereinen aus. Eine etwas andere Dynamik ergab sich für den Zeitraum 2008 bis 2014: Verluste waren nur noch bei der Anzahl der Sportvereine feststellbar. Interessenvereine, zu denen auch Bürgerinitiativen in Vereinsform zählen, sowie Vereine in den Bereichen Soziales / Wohlfahrt, Freizeit / Heimatpflege und Berufs- / Wirtschaftsverbände / Politik befanden sich in besonderem Maße auf Wachstumskurs. Auch bei den Umwelt- und Naturschutzvereinen war wiederum ein Zuwachs erkennbar. Die Veränderungen weisen darauf hin, dass bestimmte Themen zeitbezogen einen konjunkturellen Aufschwung genießen, während andere weniger nachgefragt werden oder sich andere institutionelle und organisatorische Formen herausbilden, die diese Themen behandeln.

Doch nicht nur die Zahl der eingetragenen Vereine ist – über einen längeren Zeitraum betrachtet – absolut angestiegen, auch ihre Dichte, bezogen auf je 100.000 Einwohner, hat bis heute stark zugenommen: Sie stieg zwischen 1960 und 2014 von 160 auf 720 Vereine und erreichte 2017 den Wert von 733. Sie verfünffachte sich damit nahezu gegenüber Anfang der 1960er-Jahre. Da der überwiegende Anteil des Engagements in Vereinen stattfindet, sind Veränderungen in diesem Feld für das Engagement von zentraler Bedeutung.

Einen bedeutenden Aufschwung hat neben dem Vereinswesen auch das Stiftungswesen in Deutschland erlebt. Ende des Jahres 2017 bestanden 22.274 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts. Während 2007 ein Zuwachs von 1.134 Stiftungen zu verzeichnen war, haben sich die Zuwachsraten in den letzten Jahren zwischen 500 und 600 eingepegelt. Im Jahr 2017 wurden 549 Stiftungen neu gegründet. Stiftungen sind bis auf Bürgerstiftungen im Unterschied zu Vereinen weniger bedeutende Engagementträger, dafür fördern sie dieses in hohem Maße.
Abb 2 Stiftungsgründungen in Deutschland 1990 − 2017 — AnzahlStiftungsgründungen in Deutschland 1990 − 2017 — Anzahl Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Der Bestand an Stiftungen in West- und Ostdeutschland weist, wie die für 2016 vorliegenden regionalen Angaben zeigen, nach wie vor ein starkes Ungleichgewicht auf. Im Jahr 2016 gab es in Ostdeutschland 1.513 und in Westdeutschland (einschließlich Berlin) 20.293 Stiftungen. Während die Stiftungsdichte in Brandenburg mit 9, in Mecklenburg-Vorpommern mit 10 sowie in Sachsen und Sachsen-Anhalt mit jeweils 13 Stiftungen je 100.000 Einwohner besonders gering war, lagen Bayern mit 31, Hessen mit 32 sowie die Stadtstaaten Bremen mit 49 und Hamburg mit 78 Stiftungen je 100.000 Einwohner an der Spitze. Insgesamt bestanden in Deutschland 27 Stiftungen je 100.000 Einwohner. Die Stiftungen verfügten über ein Vermögen von mehr als 100 Milliarden Euro, das jedoch durch die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/2009 geschrumpft ist. Allerdings ist zu vermerken, dass es in Deutschland im Unterschied zu den USA nur wenige große Stiftungen gibt, die über hohe Vermögenserträge verfügen. Der überwiegende Teil der Stiftungen hat einen eher geringen Vermögensstock. Im Jahr 2016 hatten 26 % der Stiftungen ein Vermögen von bis zu 100.000 Euro, fast 46 % besaßen bis zu 1 Million Euro, 23 % bis zu 10 Millionen Euro, etwas weniger als 5 % bis zu 100 Millionen Euro und bei lediglich etwas unter 1 % der Stiftungen lag das Vermögen bei über 100 Millionen Euro.

Zivilgesellschaftliche Organisationen erleben in den letzten Jahren einige Veränderungen. Die äußeren Rahmenbedingungen verlangen von ihnen ein stärker wirtschaftlich ausgerichtetes Handeln, wodurch sich Tendenzen einer zunehmenden Ökonomisierung ihrer Arbeit bemerkbar machen. Dies führt aber nicht nur zu einer höheren Wirtschaftlichkeit, sondern auch zu Problemen: So werden in Untersuchungen besonders die Planungsunsicherheit aufgrund unklarer Einnahmeentwicklungen sowie die Konfrontation mit zunehmend marktförmigen Strukturen, die zu einem verstärkten Effizienz- und Konkurrenzdruck führen, von den Organisationen benannt. Neben den ökonomisch gelagerten Herausforderungen bestehen Schwierigkeiten, freiwillig Engagierte zu erreichen. Das trifft besonders für ein dauerhaftes Engagement zu, für das nur 14 % der Organisationen angeben, dass es einfach sei, hierfür Engagierte zu gewinnen. Auch für ehrenamtliche Leitungspositionen findet nur jede vierte Organisation (25 %) genug Freiwillige. Hingegen sind zu einem kurzfristigen Engagement deutlich mehr Menschen bereit, da jede zweite Organisation (51 %) es als einfach bezeichnet, dafür Engagierte zu gewinnen.
Abb 3 Probleme zivilgesellschaftlicher Organisationen bei der Gewinnung von Engagierten 2016 / 2017 — in ProzentProbleme zivilgesellschaftlicher Organisationen bei der Gewinnung von Engagierten 2016 / 2017 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



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