Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Mareike Alscher, Eckhard Priller, Luise Burkhardt

Zivilgesellschaftliches Engagement des Einzelnen

Das freiwillige und unentgeltlich geleistete individuelle Engagement ist ein unverzichtbares Kernelement der zivilgesellschaftlichen Organisationen. An das Zivilengagement wird ein ganzes Bündel von Erwartungen geknüpft. Darunter hebt sich allgemein die Sicherung der Partizipationschancen der Bürgerinnen und Bürger hervor, indem sie sich stärker unmittelbar an gesellschaftlichen Belangen beteiligen können. Das Engagement beschränkt sich dabei nicht nur auf das Wirken in speziellen Organisationen der politischen oder allgemeinen Interessenvertretung, sondern reicht von Sport und Freizeit über Kultur und Soziales bis zu Umwelt und Tierschutz. Als Basis demokratischer Gesellschaften tragen die Aktivitäten in diesen Organisationen zur Interessenbündelung und -artikulation bei. Durch die Herausbildung von demokratischen Normen, sozialen Netzen und Vertrauensverhältnissen fördern sie die Kooperation, halten Reibungsverluste gering und führen letztendlich dazu, dass die Gesellschaft insgesamt besser funktioniert.

Einen besonderen Stellenwert besitzt das Zivilengagement bei der Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Es hilft, die in der sozial ausdifferenzierten Gesellschaft geforderten Fähigkeiten zum Kompromiss und zu einem zivilen Umgang herauszubilden. Es trägt dazu bei, die Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit, das wechselseitige Verständnis, die gemeinsame Beratung und den Austausch von Argumenten der Menschen untereinander, aber auch zwischen Bürgerinnen und Bürgern auf der einen und Institutionen auf der anderen Seite zu praktizieren.

Die Rolle des zivilgesellschaftlichen Engagements ist dabei sehr unterschiedlich. Beispielsweise unterscheidet sich das Engagement im Rahmen eines Sportvereins von jenem in Bürgerinitiativen und solchen Organisationen, die als sogenannte Themenanwälte in Bereichen wie Umwelt oder in internationalen Aktivitäten tätig sind. Letztere haben in den zurückliegenden Jahrzehnten unter dem Gesichtspunkt einer stärkeren Einmischung der Bürgerinnen und Bürger in gesellschaftliche Belange einen beträchtlichen Zulauf und bedeutenden Aufschwung erfahren. Doch auch die Rolle zahlreicher Sportvereine ist mit der Zeit über ihren engen Tätigkeitskontext hinausgewachsen und ihre integrative Funktion, die sie vor allem auf lokaler Ebene innehaben, darf nicht unterschätzt werden.

Nach einer Langzeitbetrachtung ist der Anteil der Engagierten in der Bevölkerung ab 16 Jahren von 23 % im Jahr 1985 auf 32 % im Jahr 2015 gestiegen. Die Unterscheidung zwischen einem regelmäßigen Engagement (zumindest monatlich) und einem selteneren Engagement zeigt, dass das regelmäßige Engagement im Zeitverlauf beständig zugenommen hat (2015 rund 19 %). Auch der Anteil jener, die sich seltener als monatlich engagieren, stieg tendenziell an, unterlag jedoch größeren Schwankungen als beim regelmäßigen Engagement. So ging das seltene Engagement im Jahr 2013 etwas zurück, wies 2015 jedoch einen erneuten Anstieg auf (2015 rund 13 %). Nach den Zeitbudgeterhebungen des Statistischen Bundesamtes von 2001/2002 und 2012/2013 blieb der Zeitaufwand der Frauen mit 1:42 Stunden pro Woche gleich, während jener der Männer von 2:01 auf 1:47 Stunden pro Woche zurückging.
Abb 4 Entwicklung der Engagementbeteiligung 1985 – 2015 – in ProzentEntwicklung der Engagementbeteiligung 1985 – 2015 – in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Differenzierte Angaben zum Engagement liefern die Daten des Freiwilligensurveys. Mit seinen bislang veröffentlichten vier Erhebungszeitpunkten 1999, 2004, 2009 und 2014, jeweils mit mindestens 15.000 Telefoninterviews, stellt er eine fundierte Datenbasis dar. Zu den Hauptaussagen des Freiwilligensurveys zählt, dass sich ein hoher Anteil der Bevölkerung freiwillig engagiert und die Engagierten ganz unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Die einen führen eine Leitungsfunktion aus, andere organisieren Veranstaltungen und wieder andere sind Lesepaten. Der Anteil der Engagierten ist in den ersten Erhebungsjahren relativ konstant geblieben. Während 1999 die Zahl der freiwillig Engagierten bei 34 % lag, erhöhte sich deren Anteil 2004 leicht auf 36 % und blieb 2009 auf diesem Niveau. Im Jahr 2014 kam es – folgt man dem Freiwilligensurvey – zu einem starken Zuwachs der Engagementquote mit nun 44 % der Bevölkerung. Andere Untersuchungen zeigen eine davon abweichende Dynamik auf und weisen zum Teil auf einen Rückgang des Engagements hin. Hinter den Befunden zum Beteiligungsumfang und zur Entwicklung des Engagements stehen oft unterschiedliche methodische Ansätze, die es bei der Verwendung der jeweiligen Angaben zu berücksichtigen gilt.
Tab 1 Zivilengagement nach soziodemografischen Gruppen 1999, 2004, 2009 
und 2014 — in ProzentZivilengagement nach soziodemografischen Gruppen 1999, 2004, 2009 und 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Hinter der hohen Stabilität und dem Anstieg in der Engagementbeteiligung stecken eine Reihe von gruppenbezogenen Unterschieden und gegenläufigen Tendenzen. Sie werden bereits sichtbar, wenn die Entwicklung des Engagements nach Altersgruppen näher betrachtet wird. So lässt sich besonders in einigen Gruppen eine sehr stark angestiegene Engagementquote nachweisen.

Folgt man dem Freiwilligensurvey, zählen vorrangig Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren zu den stärker zivilgesellschaftlich aktiv gewordenen Gruppen. Der Wachstumstrend im Engagementverhalten junger Menschen wird in anderen Studien (Shell Jugendstudie 2015, AID:A 2015) so nicht bestätigt, hier zeichnen sich jeweils rückläufige Engagementquoten unter jungen Menschen ab. Zu den Ursachen zählen nach diesen Untersuchungen eine gestiegene räumliche Mobilität und geringere zeitliche Freiräume durch Veränderungen im Zeitregime von Schule und Studium (zum Beispiel durch Ganztagsschulen). Bei den älteren Menschen ab 60 Jahren gab es eine kontinuierliche Steigerung des Engagements. Dies ist Ausdruck eines aktiven Alterns und einer Zunahme des lebenslangen Lernens.

Weitere Aspekte wie ein höherer Bildungsabschluss oder eine Erwerbstätigkeit, männliches Geschlecht, ein Wohnort in den alten Bundesländern oder auf dem Land, aber auch die enge kirchliche Bindung, das Vorhandensein von Kindern im Haushalt, die Mitgliedschaft in einer Organisation sowie eine gute wirtschaftliche Situation sind noch immer wichtige Faktoren, die mit einem höheren Engagement einhergehen.

Das Engagement verteilt sich unterschiedlich auf einzelne Bereiche, wobei es sich entsprechend allgemeiner Entwicklungen und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen verändert. Nach Angaben aus den Zeitbudgeterhebungen des Statistischen Bundesamtes engagierten sich die meisten Personen ab einem Alter von 10 Jahren in den Vergleichsuntersuchungen von 2001/2002 und 2012/2013 in den Bereichen Kirche und religiöse Gemeinschaften, Sport, im sozialen Bereich und in Schule / Kindergarten. Der Anteil engagierter Personen ist nach den Angaben aus den Analysen zur Zeitverwendung besonders im Bereich Kultur und Musik um fast die Hälfte gesunken. In Relation zur Zunahme an Kulturvereinen ist diese Entwicklung Ausdruck für ein stetiges Wachstum des eher kleinteiligen Engagements. Während das Engagement in etablierten Kulturorganisationen stark nachlässt, engagieren sich Menschen in neu gegründeten Vereinen. Das Engagement im Sport sowie im kirchlichen und religiösen Bereich ging weniger stark zurück. Im sozialen Bereich wie beispielsweise bei den Wohlfahrtsverbänden, in den Bereichen Umwelt- und Tierschutz, Schule und Kindergarten sowie bei den Rettungsdiensten und bei der Feuerwehr engagierten sich hingegen mehr Personen. Die Ursachen für die Veränderungen sind vielfältig. Die Tendenz, dass Eltern immer mehr das Geschehen in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen mitgestalten wollen, kann zu ihrer zunehmenden Mitwirkung als Elternvertreter oder in einem Förderverein führen. Eine stärkere den elektronischen Medien zugewandte Kulturrezeption kann eine Ursache für den Engagementrückgang im Bereich Kunst und Kultur sein.


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