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Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Sylvia Behrends, Walter Engel, Kristina Kott, Jenny Neuhäuser

Überschuldung und Privatinsolvenz

Überschuldung ist mehr als ein gesellschaftliches Randphänomen. Bei Personen, die als absolut überschuldet gelten, sind die Zahlungsrückstände so gravierend, dass als letzter Ausweg nur die Privatinsolvenz bleibt. Die Insolvenzordnung eröffnet Privatpersonen seit 1999 die Möglichkeit, nach einer sogenannten Wohlverhaltensphase von ihren Restschulden befreit zu werden. Die Insolvenzgerichte liefern Daten zur absoluten Überschuldung von Privatpersonen – nicht Haushalten –, die das Insolvenzverfahren in Anspruch nehmen. Darüber hinaus stellt die Überschuldungsstatistik Informationen zu den sozioökonomischen Strukturen überschuldeter Personen bereit und gibt einen Überblick über die Auslöser der finanziellen Notlage sowie über die Art und Anzahl der Hauptgläubiger. Die Daten hierzu beruhen auf den Angaben der Schuldnerberatungsstellen.

Seit Einführung der neuen Insolvenzordnung im Jahr 1999 nutzten bis Ende 2017 rund 1,3 Millionen Privatpersonen, die als Verbraucher in eine Notlage geraten sind, ein Verbraucherinsolvenzverfahren, um von ihren restlichen Schulden befreit zu werden. Durch das Scheitern einer selbstständigen Tätigkeit wurden weitere rund 632.000 Personen zahlungsunfähig. Sie gelten in diesem Fall ebenfalls als absolut überschuldet und haben die Möglichkeit, ihre Schulden gerichtlich regulieren zu lassen. Mit Ausnahme von 2008 stieg die Gesamtzahl der Privatinsolvenzen bis 2010 von Jahr zu Jahr an; seit 2011 sinkt sie jedes Jahr. Im Jahr 2017 gab es rund 72.000 Verbraucherinsolvenzen. Dabei muss der Auslöser für die Überschuldung nicht in der Gegenwart liegen, sondern kann viele Jahre zurückreichen.
Entwicklung der Verbraucherinsolvenzen — in TausendEntwicklung der Verbraucherinsolvenzen — in Tausend Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die gerichtlichen Akten informieren zwar vollständig über die Zahl der Privatinsolvenzen, nicht jedoch über die Gesamtzahl aller überschuldeten Personen. Sie enthalten auch keine Informationen zum Personenkreis und zu den Umständen, die zur Überschuldung geführt haben. Um Aussagen zu den sozioökonomischen Strukturen der überschuldeten Personen treffen zu können sowie die Ursachen und Hauptgläubiger statistisch zu belegen, werden seit dem Jahr 2006 zusätzlich Schuldnerberatungsstellen nach ihrer Klientel befragt. Mit dieser freiwilligen Erhebung kann über die Insolvenzstatistik hinaus ein wesentlicher Beitrag zur Darstellung der Schuldensituation von Privatpersonen geleistet werden.

Schuldnerberatungsstellen haben die Aufgabe, den Menschen, die in wirtschaftliche oder existenzielle Not geraten sind oder zu geraten drohen, eine angemessene Hilfestellung zu leisten. Diese zielt auf eine Sanierung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Betroffenen ab. Darüber hinaus gehört auch die Erörterung von Präventionsmaßnahmen zum Beratungsangebot. Durch ihre Tätigkeit verfügen die Beratungsstellen über einen großen Datenpool zur Überschuldungssituation, der sich auch für statistische Zwecke nutzen lässt. Für das Jahr 2017 übermittelten 528 der rund 1.400 Beratungsstellen, die unter der Trägerschaft der Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände sowie der Kommunen stehen, Daten von etwa 127.000 Personen. Allerdings müssen diese Personen nicht zwangsläufig überschuldet sein: Teilweise ist auch nur eine vorübergehende Zahlungsstörung eingetreten oder die Folgen einer Zahlungsunwilligkeit sollen ausgeräumt werden.

Menschen, die – verschuldet oder unverschuldet – in finanzielle Not geraten, verlieren häufig ihren sozialen Status. Nicht selten kommt es zur gesellschaftlichen Ausgrenzung, denn Arbeitslosigkeit und unerwartete gravierende Änderungen der Lebensumstände stellen für sich genommen schon eine schwere Belastung dar, auch ohne die damit verbundenen finanziellen Folgen. Auslöser der Misere waren bei über einem Viertel (28 %) der überschuldeten Personen, die im Jahr 2017 die Hilfe einer Beratungsstelle in Anspruch genommen hatten, kritische Lebensereignisse – wie eine Scheidung, der Tod des Partners, eine Krankheit oder ein Unfall. Arbeitslosigkeit nannten 21 % der beratenen Personen als Hauptgrund für ihre finanziellen Schwierigkeiten. Selbstverschuldete Zahlungsschwierigkeiten wegen unwirtschaftlicher Haushaltsführung oder gescheiterter Selbstständigkeit waren bei etwa 21 % der beratenen Personen ausschlaggebend für die Inanspruchnahme des Dienstes einer Beratungsstelle. Bei rund 7 % der beratenen Personen lag die Überschuldung hauptsächlich an einem längerfristig unzureichenden Einkommen.
Beratene Personen nach dem Hauptauslöser der Überschuldung 2017 — in ProzentBeratene Personen nach dem Hauptauslöser der Überschuldung 2017 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Das Risiko, in eine Überschuldungssituation zu geraten, ist über die verschiedenen Haushaltskonstellationen ungleich verteilt. Es lässt sich durch den Anteil eines Haushaltstyps an der Gesamtbevölkerung einerseits und den entsprechenden Anteil an den Personen in Schuldnerberatung andererseits ausdrücken. Es zeigt sich, dass insbesondere alleinerziehende Frauen und allein lebende Männer überproportional von Überschuldung betroffen sind. Während Erstgenannte einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von nur 6 % haben, machen sie 14 % der beratenen Überschuldeten aus. Bei allein lebenden Männern zeigt sich mit einem Bevölkerungsanteil von 18 % und einem Anteil bei den Überschuldeten von 30 % ein ähnliches Bild. Zusammen mit der Tatsache, dass jeder zehnte überschuldete allein lebende Mann Schulden aus Unterhaltsverpflichtungen hat, lässt sich schließen, dass diese beiden Personengruppen sich vermutlich bedingen. Auf der anderen Seite suchen Paare ohne Kind mit einem Anteil an den Ratsuchenden von gerade einmal 13 % nur sehr selten die Hilfe einer Schuldnerberatung, verglichen mit ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 28 %.

Die Schulden aller Personen in Beratung beliefen sich durchschnittlich auf gut 30.200 Euro. Besonders hoch waren die Verbindlichkeiten bei Paaren ohne Kind mit rund 47.800 Euro und bei alleinerziehenden Männern mit etwas unter 42.000 Euro. In diesen beiden Haushaltstypen belaufen sich die Schulden auf das 45- beziehungsweise 33-Fache des durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkommens. Aber auch eine Schuldenhöhe von rund 20.500 Euro reicht bei alleinerziehenden Frauen aus, um die finanzielle Lage ins Ungleichgewicht zu bringen: Hier machen die Schulden immer noch das 16-Fache des Monatseinkommens aus.
Durchschnittliche Schulden der beratenen Personen nach Haushaltstyp 2017 — in EuroDurchschnittliche Schulden der beratenen Personen nach Haushaltstyp 2017 — in Euro Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

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Überschuldete im Durchschnitt mit dem 28-Fachen ihres Monatseinkommens im Minus

Die durchschnittlichen Verbindlichkeiten einer überschuldeten Person, die im Jahr 2017 die Hilfe einer Beratungsstelle in Anspruch genommen hat, betrugen 30.170 Euro. Das war knapp das 28-Fache des durchschnittlichen monatlichen Einkommens dieses Personenkreises (1.072 Euro). Ein durchschnittlicher Schuldner bräuchte demnach 28 Monate, um seine Verbindlichkeiten komplett zurückzuzahlen, wenn er all seine regelmäßigen Einkünfte für den Schuldendienst einsetzen könnte (Überschuldungsintensität).

Dabei müssten überschuldete Männer in diesem hypothetischen Modell 32 Monatseinkommen für die Rückzahlung aufwenden. Bei überschuldeten Frauen wäre diese Zeit mit 24 Monaten kürzer, aber auch noch zwei volle Jahre. Dies liegt vor allem an den höheren Schulden von Männern.

Betrachtet man alle Überschuldeten, so stehen Personen, die ihren Verpflichtungen für beanspruchte Ratenkredite nicht mehr nachkommen können, bei ihren Banken mit durchschnittlich rund 23.000 Euro im Soll. Hat eine Person Schulden bei anderen Privatpersonen, so belaufen sich diese im Durchschnitt auf etwa 10.000 Euro. Für nicht geleistete Unterhaltsverpflichtungen ergibt sich ein durchschnittlicher Rückstand von rund 9.000 Euro.

Je nach Alter und Lebensform gibt es unterschiedliche Schwerpunkte, was die Art und die Höhe der Schulden anbelangt. Aus den Erkenntnissen, die die Überschuldungsstatistik bietet, sind einige beispielhaft herausgegriffen: So sind die 20- bis 24-jährigen Überschuldeten zwar mit der niedrigsten Summe an Ratenkrediten in Rückstand (durchschnittlich rund 6.500 Euro), weisen allerdings mit durchschnittlich etwa 2.500 Euro die höchsten nicht beglichenen Telefonrechnungen auf. Die Altersgruppe der über 70-Jährigen weist die höchsten durchschnittlichen Mietrückstände mit über 5.000 Euro auf. Schulden aus Unterhaltsverpflichtungen haben vor allem Männer: Allein lebende Männer sind dabei durchschnittlich mit rund 9.000 Euro verschuldet.


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