Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Jan Goebel, Peter Krause

Einkommensschichtung und relative Armut

Die Zunahme der Ungleichheit geht mit einer Veränderung der Einkommensschichtung einher. Bei der Schichtung der Bevölkerung nach Einkommen werden verschiedene Einkommensklassen in prozentualer Relation zu einem Referenzwert, hier dem mittleren Wert der Einkommensverteilung (Median), betrachtet. Die Berechnung der Einkommensschichten erfolgt auf Grundlage der gesamtdeutschen Einkommensverteilung anhand der Realeinkommen zu Preisen von 2016.

Die beiden untersten Einkommensschichten mit weniger als 60 % beziehungsweise 50 % der mittleren bedarfsgewichteten Medianeinkommen leben in relativer Einkommensarmut (unter 60 % des Medianeinkommens) oder strenger Einkommensarmut (unter 50 % des Medianeinkommens), die höchsten Einkommensklassen ab dem Doppelten der mittleren bedarfsgewichteten Einkommen (ab 200 % des Medianeinkommens) kennzeichnen den Bevölkerungsanteil mit ausgeprägtem materiellen Wohlstand.

Anhand der relativen Einkommensschichtung lassen sich die bei der Einkommensungleichheit beschriebenen Trends differenzierter abbilden. Es lässt sich ablesen, inwieweit alle Bevölkerungsteile in gleicher Weise an der Wohlstandsentwicklung des Landes teilhaben. Die Bevölkerungsanteile am unteren Rand der Einkommensverteilung erhöhten sich in den letzten Dekaden. Auch die Bevölkerungsanteile am oberen Rand erhöhten sich bis 2009 und blieben seitdem relativ stabil. Entsprechend gingen die Anteile in den dazwischenliegenden mittleren Einkommensschichten insgesamt zurück. Der Rückgang der mittleren Einkommensgruppen erfolgte aber nicht linear für alle Teilgruppen gleichermaßen.
Einkommensschichtung und Einkommensarmut 1995 – 2016 — in ProzentEinkommensschichtung und Einkommensarmut 1995 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Der hier verwendete Armutsbegriff beruht auf dem sogenannten relativen Armutskonzept und orientiert sich an der Definition der Europäischen Union. Gemäß den vom Statistischen Amt der EU (Eurostat) empfohlenen Schwellenwerten gilt demnach als arm, wer in einem Haushalt lebt, dessen Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 % des Medians der Einkommen in der gesamten Bevölkerung beträgt. Genau genommen wird ab dieser Schwelle von einem deutlich erhöhten Armutsrisiko gesprochen, da das Einkommen nur einen indirekten Indikator für Armut darstellt. Deshalb wird im EU-Kontext eher der Begriff "Armutsrisikoquote" genutzt; in diesem Kapitel werden die Begriffe "Armutsquote" und "Armutsrisikoquote" synonym verwendet.

Die auf dem Median basierenden Armutsquoten werden anhand des sogenannten FGT-Maßes (nach den Autoren Foster, Greer und Thorbecke) weiter differenziert: Neben der Armutsquote FGT (0), die den Umfang der Armutspopulation in Prozent ausweist, werden dabei auch die Armutsintensität und die Armutsungleichheit berücksichtigt. Die Kennziffer FGT (1) entspricht der Armutslücke, das heißt dem relativen Einkommensbetrag (in Prozent des Schwellenwertes), der erforderlich wäre, um die Armutsgrenze zu überwinden. Die erweiterte Armutsintensität FGT (2) berücksichtigt zudem die Ungleichheit innerhalb der Armutspopulation und gewichtet Personen innerhalb der Armutspopulation stärker, je weiter sie von der Armutsgrenze entfernt sind; besonders niedrige Einkommen fallen also stärker ins Gewicht als Einkommen die knapp unter der 60-Prozent-Schwelle liegen.

Im Jahr 2016 lebten auf Grundlage der monatlichen Haushaltsnettoeinkommen 15,7 % der gesamtdeutschen Bevölkerung in relativer Einkommensarmut und bei Verwendung entsprechender Vorjahreseinkommen 15,9 %. Damit hat sich die Armutsrisikoquote im Vergleich zum Vorjahr (15,1 % bei Monats- und 15,2 % bei Vorjahreseinkommen) jeweils nur leicht erhöht. Die Armutslücke FGT (1) betrug 3,7 % gemessen am Monatseinkommen und 4,1 % bei Zugrundelegen des Jahreseinkommens. Das heißt, im Durchschnitt wäre eine Einkommenssteigerung um gut 4 % erforderlich gewesen, um die Armutsschwelle zu überwinden. Die längerfristige Entwicklung belegt eine deutliche Zunahme des Armutsrisikos gegenüber den zurückliegenden Dekaden. Übereinstimmend weisen Monats- und Jahreseinkommen auch bei Betrachtung der Armutslücke (FGT1) und der erweiterten Armutsintensität (FGT2) innerhalb der letzten 20 Jahre eine deutliche Erhöhung auf.

Die amtliche Sozialberichterstattung der EU weist darüber hinaus noch weitere Armutsindikatoren aus. Diese alternativen Armutsmessungen – zum Beispiel auf Basis der monatlichen Einkommen nach Abzug von Wohnkosten oder auf Basis der Vorjahreseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben oder mit Einkommenszuschlag für selbstgenutztes Wohneigentum – wiesen innerhalb der letzten Jahre ebenfalls leichte bis mäßige Anstiege der Armutsrisiken auf. Ein weiterer Indikator ist die zeitversetzte Armutsrisikoquote, bei der als Armutsschwelle die mittleren Werte der beiden vorausgehenden Armutsschwellen verwendet wurden. Diese zeitversetzte Armutsrisikoquote war seit 2014 rückläufig – die zuletzt beobachteten Armutszuwächse sind demzufolge auf allgemeine Einkommensanstiege zurückzuführen, an denen die untersten Einkommensschichten nicht oder nur unterdurchschnittlich teilhatten. Der ebenfalls zu beobachtende (leichte) Anstieg an permanenter Armut deutet indes darauf hin, dass derzeit noch keine Anzeichen für eine grundlegende Umkehrung des Trends anhaltend hoher Armutsrisiken zu erkennen sind. Über die verschiedenen Indikatoren zeigt sich daher im längerfristigen Trend konsistent eine Zunahme der gemessenen Armut. Dies gilt auch, wenn man berücksichtigt, dass die Armutszuwächse wegen der erforderlichen methodischen Anpassungen bei einzelnen Messungen seit 2010 wahrscheinlich leicht überzeichnet sind.
Entwicklung der Bevölkerungsanteile in Armut nach unterschiedlichen Indikatoren 1992 – 2016 — in ProzentEntwicklung der Bevölkerungsanteile in Armut nach unterschiedlichen Indikatoren 1992 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



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