Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Jan Goebel, Peter Krause

Armut in verschiedenen Bevölkerungsgruppen

Die Armutsrisiken unterscheiden sich erheblich zwischen sozialen Gruppen und variieren im zeitlichen Verlauf, sowohl hinsichtlich der Armutsbetroffenheit als auch hinsichtlich des Bevölkerungsanteils spezifischer Risikogruppen. Um die Differenzierungen und Trends auch für kleine Bevölkerungsgruppen, die von Armut betroffen sind, in robuster Weise abzubilden, werden die Armutsquoten zu den ausdifferenzierten Personengruppen über verschiedene Jahre gemittelt − dazu werden neben der letzten Zweijahresperiode (2015/2016) auch die zurückliegenden Fünfjahresperioden für die Zeiträume (2005 bis 2009) und (2010 bis 2014) betrachtet.

Im Folgenden wird gezeigt, welche Bevölkerungsgruppen, Familien- und Haushaltsformen über- oder unterdurchschnittlich von Armut betroffen sind. Die Armutskennziffern beziehen sich auf die Verteilung des monatlichen Haushaltsnettoeinkommens innerhalb der gesamten Bevölkerung. Neben der gesamtdeutschen Darstellung im zeitlichen Verlauf werden die Armutsrisiken der jeweiligen Bevölkerungsgruppen hier für die Periode 2015/2016 auch in regionaler Differenzierung dargestellt. Dazu werden Bevölkerungsanteile und Armutsrisiken in Ostdeutschland sowie für den ländlichen Raum (im gesamten Bundesgebiet) jeweils separat ausgewiesen.

Die Armutsrisiken haben sich in der Gesamtbevölkerung erhöht, von 12,9 % in den Jahren 2005 bis 2009 und 14,1 % in den Jahren 2010 bis 2014 auf 15,4 % in den Jahren 2015/2016. Die bereits angesprochenen methodischen Anpassungen können sich dabei auch auf die Veränderung von Bevölkerungsanteilen im Periodenverlauf bei spezifischen Risikogruppen niederschlagen. Die Armutsrisikoquoten in Ostdeutschland lagen 2015/2016 bei 21,5 % und damit deutlich über dem gesamtdeutschen Wert. Die Armutsrisikoquoten im ländlichen Raum lagen 2015/2016 bei 16,6 % und damit eher geringfügig über dem gesamtdeutschen Vergleichswert.
Betroffenheit von Armut in Deutschland nach Bevölkerungsgruppen 2005 – 2016 — in ProzentBetroffenheit von Armut in Deutschland nach Bevölkerungsgruppen 2005 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Frauen wiesen in Gesamtdeutschland in den Jahren 2015/2016 keine höheren Armutsrisiken mehr als Männer auf. In Ostdeutschland wie auch in den ländlichen Gebieten lagen die Armutsrisiken bei den Männern etwas höher. Das Armutsrisiko von Kindern, Jugendlichen und mittleren Altersgruppen erhöhte sich im Zeitverlauf. Zudem ergaben sich Verschiebungen bei den höheren Altersgruppen: So haben sich die Armutsrisiken der Personen im höheren Erwerbsalter (51 bis 60 Jahre) verringert, die Armutsrisiken beim Übergang in den Ruhestand (61 bis 70 Jahre) aber erhöht. In Ostdeutschland wiesen alle Altersgruppen mit Ausnahme der Älteren (ab 71 Jahren) überdurchschnittliche Armutsrisiken auf, insbesondere junge Erwachsene (21 bis 30 Jahre) sowie auch Personen im weiteren Erwerbsalter. Zudem waren Ältere in Ostdeutschland beim Übergang in den Ruhestand (61 bis 70 Jahre) weit überdurchschnittlichen Armutsrisiken ausgesetzt. Die ältere ostdeutsche Rentnergeneration profitierte dabei noch von systembedingten Unterschieden in der Arbeitsmarktbeteiligung mit durchgehenden Beschäftigungsverhältnissen bei Männern und Frauen aus der Zeit vor der deutschen Vereinigung. Bei der nachwachsenden Rentnergeneration kommen hingegen bereits die Anpassungsbrüche in den Erwerbskarrieren nach der Vereinigung mit erhöhter Altersarmut zum Tragen. Im ländlichen Raum waren insbesondere junge Erwachsene (21 bis 30 Jahre) stärker von Einkommensarmut betroffen.

Personen mit Migrationshintergrund waren in allen Zeitabschnitten einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Personen mit direktem Migrationshintergrund, sprich mit eigener Migrationserfahrung, wiesen darunter höhere Armutsrisiken auf als Personen mit indirektem Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren wurden. Der starke Anstieg der ausgewiesenen Armutsrisiken bei Personen mit indirektem Migrationshintergrund geht auch mit der genaueren methodischen Erfassung dieser Personengruppen einher. In Ostdeutschland ist die Armutsbetroffenheit bei Migrantinnen und Migranten – insbesondere mit direktem Migrationshintergrund − deutlich höher als in Deutschland insgesamt, allerdings ist ihr Bevölkerungsanteil hier weit geringer als in Westdeutschland. Im ländlichen Raum lagen die Armutsrisiken bei Migrantinnen und Migranten mit direktem oder indirektem Migrationshintergrund in den Jahren 2015/2016 hingegen unter den (hohen) Werten in Deutschland insgesamt, bei einem etwas geringeren Bevölkerungsanteil als in der Gesamtbevölkerung, aber einem höheren als in Ostdeutschland.

Die regionale Differenzierung verdeutlicht nochmals, dass die Armutsrisiken in Ostdeutschland weiterhin höher sind als in den anderen Landesteilen. Allerding wiesen die Stadtstaaten zuletzt hohe Zuwächse bei den Armutsrisikoquoten auf, mit deutlich überdurchschnittlichen Werten. Auch in den nordwestlichen Flächenländern stiegen die Armutsrisikoquoten. Die Bundesländer im Südwesten Deutschlands wiesen weiterhin die geringsten Armutsrisiken auf. Die Armutsrisiken im ländlichen Raum lagen etwas über denen der Gesamtbevölkerung und variierten wie diese nach Regionen.

Die Armutsrisiken stiegen zuletzt insbesondere in mittleren und größeren Städten. In Ostdeutschland waren städtische und ländliche Gebiete gleichermaßen von hohen Armutsrisiken betroffen. Mieterhaushalte waren erwartungsgemäß weitaus stärker von Armutsrisiken betroffen als Eigentümerhaushalte; dies gilt in gleicher Weise auch für Ostdeutschland und den ländlichen Raum.

Verheiratet Zusammenlebende sind nach wie vor am geringsten von Armut betroffen. Getrenntlebende, Ledige und Geschiedene tragen ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko. Dies gilt in gleicher Weise auch für Ostdeutschland und den ländlichen Raum. Für Personen mit Hauptschulabschluss ohne beruflichen Abschluss oder mit sonstigem Bildungshintergrund erhöhten sich die Armutsrisiken im Zeitverlauf. Diese Personen wiesen in Deutschland insgesamt wie auch in Ostdeutschland oder dem ländlichen Raum jeweils eine weit überdurchschnittliche Betroffenheit von Armut auf.
Betroffenheit von Armut in Deuschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen 2005 – 2016 — in ProzentBetroffenheit von Armut in Deuschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen 2005 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Arbeitslose tragen nach wie vor ein sehr hohes Armutsrisiko, das sich im zeitlichen Verlauf (ungeachtet der zuletzt sinkenden Bevölkerungsanteile) noch weiter erhöht hat. Sie waren in den Jahren 2015/2016 mit 65 % in Gesamtdeutschland, 80 % in Ostdeutschland und 72 % im ländlichen Raum die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Armutsbetroffenheit. Auch in den anderen Erwerbsgruppen hatten jeweils nicht alle Personen an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung teil und die Armutsrisiken erhöhten sich im Zeitverlauf jeweils etwas. Die Differenzierung der Armutsrisiken nach der Erwerbsbeteiligung gilt in gleicher Weise für Ostdeutschland wie auch für den ländlichen Raum.

Innerhalb der beruflichen Statusgruppen fanden sich, von den Auszubildenden sowie Volontärinnen und Volontären, die erwartungsgemäß erhöhten Armutsrisiken unterliegen, einmal abgesehen, die höchsten Armutsquoten unter den un- und angelernten Arbeiterinnen und Arbeitern mit im Zeitverlauf steigender Tendenz. Insbesondere in Ostdeutschland befanden sich un- und angelernte Arbeiterinnen und Arbeiter in erheblichem Ausmaß in prekären Lebenslagen. Bei einfachen und qualifizierten Angestellten stieg das Armutsrisiko im Unterschied zu den Facharbeiterinnen und Facharbeitern sowie Meisterinnen und Meistern im Zeitverlauf an, wohingegen Beamtinnen und Beamte sowie hoch qualifizierte Angestellte 2015/2016 unverändert ein sehr geringes Armutsrisiko trugen. Selbstständige wiesen insgesamt ein eher unterdurchschnittliches Armutsrisiko auf, mit allerdings etwas höheren Armutsquoten in Ostdeutschland sowie im ländlichen Raum. Die im Zeitverlauf gestiegenen Armutsquoten betrafen innerhalb der erwerbstätigen Bevölkerung demzufolge insbesondere gering qualifizierte Arbeiterinnen und Arbeiter und einfache Angestellte.

Bei der Betrachtung nach Haushaltstypen zeigte sich im Zeitverlauf ein Anstieg der Armutsquoten bei Einpersonenhaushalten und Mehrpersonenhaushalten ab 5 Personen sowie bei jüngeren Haushalten. In Ostdeutschland waren zudem die Armutsquoten von Haushalten beim Eintritt in den Ruhestand (Haushaltsvorstand 55 bis 74 Jahre) überdurchschnittlich hoch.
Betroffenheit von Armut in Deuschland nach Haushaltsmerkmalen 2005 – 2016 — in ProzentBetroffenheit von Armut in Deuschland nach Haushaltsmerkmalen 2005 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Ordnet man die unterschiedlichen Haushaltstypen nach dem Ablauf im Lebenszyklus, so fällt zuerst der starke Anstieg der Armutsquoten bei jungen Alleinlebenden ins Auge. In den Jahren 2015/2016 waren jeweils mehr als ein Drittel aller jungen Einpersonenhaushalte von Einkommensarmut (36 %) betroffen; sogar noch höher lagen die Anteile in Ostdeutschland (49 %) wie auch im ländlichen Raum (46 %). Damit sind jüngere Alleinlebende inzwischen ähnlich stark von Armut betroffen wie Alleinerziehende. Auch Paarhaushalte mit drei und mehr Kindern waren überdurchschnittlich stark von Armut betroffen. Bei Singlehaushalten im Alter von 55 bis 74 Jahren war das Armutsrisiko in den Jahren 2015/2016 in Ostdeutschland überdurchschnittlich ausgeprägt. Ungeachtet der insgesamt noch weiterhin eher niedrigen Altersarmut gab es offenkundig innerhalb der Älteren vermehrt Gruppen mit wachsenden Armutsrisiken. Die niedrigsten Armutsquoten hatten Paarhaushalte ohne Kinder.


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