Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Jan Goebel, Peter Krause

Dynamik von Einkommen und Armut

Die Stabilität beziehungsweise die Dynamik von Einkommen und Armut gibt Auskunft über die Chancen und Risiken zur Verbesserung beziehungsweise Verschlechterung der materiellen Grundlagen in einer Gesellschaft. Die Veränderung von Einkommenspositionen im Zeitverlauf ist deshalb auch ein entscheidender Hinweis dafür, inwieweit es Personen und Haushalten gelingt, defizitäre Positionen zu überwinden, und welchem Risiko sie ausgesetzt sind, in unzureichende Einkommenslagen zu gelangen. Diese Mobilität zwischen verschiedenen Einkommenspositionen im zeitlichen Verlauf kann unter anderem durch sogenannte Mobilitätsmatrizen berechnet und dargestellt werden. Hierbei wird berechnet, welcher Bevölkerungsanteil zu zwei Zeitpunkten in denselben Einkommensschichten (Quintilen) geblieben beziehungsweise in höhere oder niedrigere Einkommensschichten gewechselt ist.

Um die Mobilitätsmuster über längere Zeitabstände vergleichend darzustellen, wurden Verbleib und Übergänge in und aus Einkommensquintilen in einem vierjährigen Abstand zu drei verschiedenen Perioden betrachtet: 1992 bis 1996, 2002 bis 2006 sowie 2012 bis 2016. Das Risiko, während der vier Folgejahre im untersten Quintil zu verbleiben, erhöhte sich deutlich von 52 % in den 1990er-Jahren auf 59 % in der Periode 2002 bis 2006 und verharrte von 2012 bis 2016 auf ähnlichem Niveau. Der Anteil an Aufstiegen von der untersten in höhere Einkommenslagen verringerte sich entsprechend. In allen weiteren Quintilen erhöhte sich der Verbleib in der Periode 2012 bis 2016 im Vergleich zu den Jahren 2002 bis 2006. Die Risiken des Abstiegs in untere Einkommenslagen sanken. Die Mobilität zwischen den Einkommensschichten verringerte sich demnach im Zeitverlauf. Weiterführende Analysen mit zusätzlichen zusammenfassenden Mobilitätskennziffern bestätigen, dass die Einkommensschichten weniger durchlässig geworden sind.
Einkommensdynamik: Quintilsmatrizen im Zeitverlauf, stabiler / mobiler Bevölkerungsanteil gegenüber Ausgangszeitpunkt 1992–2016 — in ProzentEinkommensdynamik: Quintilsmatrizen im Zeitverlauf, stabiler / mobiler Bevölkerungsanteil gegenüber Ausgangszeitpunkt 1992–2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Abschließend wird der Frage nachgegangen, in welchem Umfang die Bevölkerung in verschiedenen Einkommensschichten eines Jahres in den zurückliegenden vier Jahren Einkommensarmut erfahren hat. Dabei bleibt unbeachtet, ob diese individuellen Armutserfahrungen zuvor im selben oder in einem anderen Haushalt gemacht wurden. Abbildung 6 weist die zurückliegenden individuellen Armutserfahrungen für die Ausgangsjahre 1996, 2006 und 2016 aus; für das Jahr 2016 werden diese zudem für die jüngste Altersgruppe bis 30 Jahre und für die Älteren ab 60 Jahren getrennt dargestellt.
Armutsdynamik verschiedener Einkommensschichten im zeitlichen Verlauf 1996–2016 — in ProzentArmutsdynamik verschiedener Einkommensschichten im zeitlichen Verlauf 1996–2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Von den Personen, die im Jahr 2016 in der untersten Einkommensschicht und damit in relativer Einkommensarmut lebten, waren 85 % bereits in den vier Vorjahren (2012 bis 2015) zumindest einmal von Armut betroffen, darunter war mehr als die Hälfte (55 %) in diesem Zeitraum dauerhaft arm mit Armutsepisoden von mindestens drei Jahren. Die Bevölkerung in relativer Einkommensarmut setzte sich im Jahr 2016 demnach in folgender Weise zusammen: 37 % aller Personen in dieser Einkommensschicht waren auch in allen vier Jahren zuvor sowie weitere 18 % in drei der vier vorausgehenden Jahre arm. Insgesamt 30 % erlebten in den zurückliegenden vier Jahren transitorische Verläufe mit Ein- und Ausstiegen in und aus Armut, darunter jeweils 15 % mit ein- oder zweimaligen Armutserfahrungen in den zurückliegenden vier Jahren; weitere 14 % waren Neuzugänge bei der Armutspopulation.

Im Vergleich dazu setzte sich die Einkommensschichtung im Jahr 2006 noch in folgender Weise zusammen: Nur 49 % aller Personen in dieser Einkommensschicht waren dauerhaft (in mindestens drei Jahren) arm, 33 % hatten einen transitorischen Armutsverlauf mit ein oder zwei Armutsepisoden in den vier Jahren zuvor und weitere 18 % hatten zuvor keinerlei Armutserfahrung. Im Ausgangsjahr 1996 war der Anteil mit permanenter Armutserfahrung noch geringer (36 %) und der Anteil mit transitorischen Armutserfahrungen sowie die Neuzugänge in Armut höher (38 % beziehungsweise 26 %). Der Anteil an Personen, die im zurückliegenden Zeitraum von vier Jahren mindestens einmal unter der Armutsgrenze lagen, nahm innerhalb der letzten beiden Dekaden stark zu, wobei insbesondere mehrfache und dauerhafte Armutsepisoden weiter anstiegen.

Mit zunehmender Höhe der Einkommen nimmt der Personenkreis mit Armutserfahrungen erwartungsgemäß ab. Im Bereich des prekären Wohlstands unmittelbar oberhalb der Armutsschwelle (60 % bis 75 % des Medianeinkommens) lebten 2016 etwa 45 % der Personen zumindest einmal innerhalb der zurückliegenden vier Jahre unterhalb der Armutsgrenze − mit im Vergleich zu 2006 leicht rückläufiger Tendenz bei den permanenten Armutserfahrungen. Kurzfristige Armutserfahrungen reichten bis in die mittleren Einkommenslagen hinein. Selbst im Bereich überdurchschnittlicher Einkommen fanden sich noch rund 3 %, die zumindest kurzfristige Armutserfahrungen gemacht hatten. Insgesamt erhöhten sich insbesondere die Risiken anhaltender Armutsepisoden, folglich verringerten sich die Chancen, Armutsepisoden zu überwinden.

Die Muster der Armutsdauer variieren mit dem Lebensalter. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene (im Alter bis 30 Jahre) wiesen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung höhere Anteile an transitorischen Armutserfahrungen auf. Dies gilt auch für die mittleren und höheren Einkommensschichten, die möglicherweise nach Abschluss der für diese Altersgruppe typischen Ausbildungsphasen temporäre Armutsphasen überwinden konnten. Der Anteil junger Menschen im untersten Einkommensbereich, der sich permanent in Armut befand, lag dagegen unterhalb des Werts in der Gesamtbevölkerung. Ältere im untersten Einkommensbereich trugen indes ein besonders hohes Risiko, länger im prekären Einkommensbereich zu verbleiben.


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