Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Reinhard Pollak

Besetzung von Klassenpositionen nach sozialer Herkunft

Die folgenden Ergebnisse basieren auf verschiedenen repräsentativen Bevölkerungsumfragen aus den Jahren 1976 bis 2016. Die Befunde früherer Datenreport-Beiträge werden durch neuere Daten ergänzt und fortgeschrieben. Die betrachteten Personen der Kindergeneration waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 18 und 64 Jahre alt, entweder berufstätig oder arbeitsuchend und hatten aus Vergleichsgründen alle die deutsche Staatsangehörigkeit. Für Ostdeutschland werden Bevölkerungsumfragen ab 1990 berücksichtigt. Als Maß für die soziale Herkunft, das heißt für die Position der Elterngeneration, wird die Klassenposition des Vaters zu dem Zeitpunkt herangezogen, als die jeweiligen Befragten ungefähr 15 Jahre alt waren. Angaben zur Klassenposition der Mutter wurden leider nicht oder nur lückenhaft erhoben.

In Tabelle 1 wird der Anteil der Befragten dargestellt, deren Väter bereits eine identische Klassenposition innehatten. Für dieses Ausmaß der Selbstrekrutierung der sozialen Klassen werden sieben Klassenpositionen unterschieden: obere Dienstklasse (zum Beispiel leitende Angestellte, freie Berufe), untere Dienstklasse (zum Beispiel hoch qualifizierte Angestellte, gehobene Beamtenschaft), qualifizierte Büroberufe (zum Beispiel Sekretärinnen und Sekretäre, Buchhalterinnen und Buchhalter), Selbstständige mit bis zu 49 Mitarbeitern (in Handel und Handwerk), Landwirtinnen und Landwirte, Facharbeiterinnen und Facharbeiter (auch Meisterinnen und Meister sowie Technikerinnen und Techniker) und schließlich die Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Angestellten.

Am anschaulichsten kann das Ausmaß an Selbstrekrutierung anhand der Betrachtung der Landwirte (Männer) in Westdeutschland dargestellt werden: Bis zur Jahrtausendwende hatten gut 90 % der Landwirte einen Vater, der ebenfalls Landwirt war. Fast alle Landwirte kamen folglich aus einer Bauernfamilie. Dies änderte sich jedoch im neuen Jahrtausend deutlich. Im aktuellen Jahrzehnt sind nur noch 63 % der heutigen Landwirte Söhne von Bauern. Eine beachtliche Selbstrekrutierungsquote findet man ebenfalls bei Facharbeiterpositionen. Gut die Hälfte der heutigen Facharbeiter in Westdeutschland (54 %) hatte auch einen Facharbeiter zum Vater. Dieser Anteil ist in der Tendenz eher höher als in früheren Jahrzehnten, das heißt, die Klasse der heutigen Facharbeiter wird bezüglich ihrer sozialen Herkunft zunehmend homogener. Die Gruppe der Selbstständigen ist dagegen deutlich heterogener geworden: Hatten die Selbstständigen in den 1970er- und 1980er-Jahren noch Selbstrekrutierungsraten von 36 %, so sank der Anteil im aktuellen Jahrzehnt auf 20 %. Bei allen anderen Klassen zeigen sich zwar leichte Schwankungen, ein deutlicher Trend bezüglich der Selbstrekrutierungsraten ist jedoch für diese Klassen nicht zu beobachten. Interessant ist, dass knapp 40 % der ungelernten Arbeiter und Angestellten ebenfalls einen ungelernten Arbeiter oder Angestellten als Vater hatten. Bei der oberen Dienstklasse waren die Selbstrekrutierungsraten dagegen mit 29 % deutlich geringer. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass es mehr Auf- als Abstiege bei westdeutschen Männern geben könnte.
Selbstrekrutierungsraten 1976–2016 — in ProzentSelbstrekrutierungsraten 1976–2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Für Frauen in Westdeutschland sind hohe Selbstrekrutierungsraten unter den Landwirtinnen, den Facharbeiterinnen und in der oberen Dienstklasse zu finden. Während diese Raten für westdeutsche Landwirtinnen und Facharbeiterinnen etwas geringer waren als bei westdeutschen Männern, rekrutierten sich westdeutsche Frauen in der oberen Dienstklasse viel häufiger aus dieser Klasse als westdeutsche Männer, mit steigender Tendenz. Frauen in Selbstständigkeit in Westdeutschland hatten in den 2000er-Jahren hingegen nur selten einen selbstständigen Vater. Auch bei der unteren Dienstklasse deutet sich ein Trend zu einer geringeren Selbstrekrutierung an. Bei den übrigen Klassenpositionen ergeben sich wenige Veränderungen über die Zeit.

Die Ergebnisse für Ostdeutschland sind aufgrund der Fallzahlen und der besonderen Umbruchsituation in den ersten Jahren nach der deutschen Vereinigung mit Vorsicht zu interpretieren. Es werden daher in den Tabellen nur solche Werte ausgewiesen, die auf belastbaren Fallzahlen basieren. Die meisten Beschäftigten in Ostdeutschland befinden sich in vier Klassenpositionen: in der oberen und in der unteren Dienstklasse sowie in der Facharbeiterklasse und der Klasse der ungelernten Arbeiter sowie Angestellten. Bei den Männern findet man für die obere Dienstklasse eine deutliche Zunahme der Selbstrekrutierungsrate: Während kurz nach der Wende nur 19 % der Mitglieder dieser Klasse auch aus einem solchen Elternhaus kamen, waren es in dem Zeitraum 2000 bis 2009 bereits 31 % und im aktuellen Jahrzehnt 38 %. Diese Werte sind damit sogar höher als in Westdeutschland. Bei der unteren Dienstklasse blieben die Raten für Männer weitgehend konstant. Die Facharbeiterklasse ist in Ostdeutschland sogar noch homogener als in Westdeutschland, und der Trend zur gleichen Herkunft in dieser Klasse zeigt sich auch für diesen Teil Deutschlands. 61 % der derzeitigen ostdeutschen Facharbeiter hatten bereits einen Facharbeiter als Vater. Bei ungelernten Arbeitern und Angestellten war diese Rate nur halb so hoch und zeigte auch keinen eindeutigen Trend über die Zeit.

Ostdeutsche Frauen in der oberen Dienstklasse hatten ähnliche Selbstrekrutierungsraten wie ostdeutsche Männer. Diese Frauen kamen immer häufiger aus einem Elternhaus, in dem bereits der Vater der oberen Dienstklasse angehörte. Für die untere Dienstklasse, für die Klasse der Facharbeiterinnen und für die Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Angestellten zeigen sich hingegen keine langfristigen Trends. Bei der unteren Dienstklasse gibt es kaum Veränderungen, bei Facharbeiterinnen scheint sich die Selbstrekrutierung aus der Facharbeiterklasse nach einem Anstieg Anfang des Jahrtausends wieder abzuschwächen, bei Frauen aus der Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Angestellten ist es umgekehrt: Die Rate stieg zuletzt wieder an, nachdem es einen massiven Rückgang im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gegeben hatte.

Auffallend ist, dass ostdeutsche Frauen in der Facharbeiterklasse eine deutlich stärkere Selbstrekrutierung aufwiesen als westdeutsche Facharbeiterinnen (56 % im Vergleich zu 45 % im aktuellen Jahrzehnt). Bei den beiden Dienstklassen gibt es keine großen Unterschiede zwischen Frauen in Ost und West, bei der Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Angestellten wiesen die ostdeutschen Frauen eine etwas geringere Selbstrekrutierung auf.

Bei allen genannten Unterschieden im Detail zeigt sich für Ost- und Westdeutschland eher eine hohe Stabilität in den Selbstrekrutierungsraten. Eine wichtige Ausnahme hiervon ist die zunehmende Selbstrekrutierung der oberen Dienstklasse insbesondere in Ostdeutschland. Das bedeutet, dass die höchsten gesellschaftlichen Positionen in zunehmendem Maße von Personen besetzt werden, deren Eltern bereits diese vorteilhaften Positionen innehatten. Die Gruppe wird homogener und es gibt anteilig weniger Personen, die es auch mit einem anderen familiären Hintergrund in die vorteilhafteste Klasse schaffen. Für Männer in Ostdeutschland wird auch die Facharbeiterklasse zunehmend homogener.

Nicht nur die eigene Klassenlage, sondern auch das Risiko, arbeitslos zu werden, steht in Zusammenhang mit der sozialen Herkunft. Auch wenn die Arbeitslosigkeit in Ost und West in den vergangenen Jahren merklich gesunken ist, gibt es anteilig nach wie vor mehr arbeitslose Menschen in Ostdeutschland als in Westdeutschland. Aus welchen Herkunftsklassen kommen die Arbeitslosen und zeigen sich hier auch unterschiedliche Muster zwischen Ost und West? Zusätzliche – hier nicht im Einzelnen dargestellte – Analysen zeigen, dass von den heute arbeitslosen Männern und Frauen in Westdeutschland ungefähr zwei Drittel einen Vater aus der Facharbeiterklasse oder der Klasse der ungelernten Arbeiter und Angestellten hatten. In Ostdeutschland entstammten sogar knapp vier Fünftel der Arbeitslosen einem solchen Haushalt. Der durchschnittliche Anteil an Menschen, deren Vater aus einer der beiden Arbeiterklassen kam, ist in beiden Teilen Deutschlands wesentlich geringer (54 % beziehungsweise 63 %). In beiden Landesteilen rekrutiert sich die Gruppe der arbeitslosen Männer und Frauen damit überproportional aus den beiden Arbeiterklassen, in Ostdeutschland ist dies noch etwas stärker ausgeprägt als in Westdeutschland.


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