30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Reinhard Pollak

Vererbung von Klassenpositionen nach sozialer Herkunft

In Tabelle 2 wird die Sichtweise auf soziale Mobilität umgedreht. Die Zahlen geben nun ausgehend von der Klassenposition der Väter an, wie viele Kinder wieder in die gleiche Klassenposition gelangen. Bei diesen Vererbungsraten ist nun nicht mehr die Klassenposition der Befragten die Prozentuierungsgrundlage für die Ergebnisse, sondern die Klassenposition des Vaters. Deutlich wird dieser Unterschied bei den Landwirten: Wie oben gezeigt, hatten die meisten heutigen Landwirte auch einen Landwirt zum Vater. Allerdings ist die Vererbungsrate deutlich geringer. Nur gut jeder fünfte Sohn eines Landwirtes in Westdeutschland wurde später ebenfalls Landwirt (22 % im aktuellen Jahrzehnt). Das bedeutet, dass die meisten Bauernsöhne heute eine andere Klassenposition haben als ihre Väter und damit sozial mobil waren. Ähnliche Vererbungsraten findet man in der Klasse der Selbstständigen und etwas stärker in der Klasse der ungelernten Arbeiter und Angestellten. Die höchsten Vererbungsraten gibt es in Westdeutschland in der oberen Dienstklasse und in der Klasse der Facharbeiter: Etwa 46 % der Väter in der oberen Dienstklasse konnten im jüngsten Beobachtungszeitraum ihre vorteilhafte Position an ihre Söhne weitergeben; von den Facharbeitervätern waren es 39 %, die ihre Arbeiterposition an ihren Sohn vermachten. Die niedrigste Vererbungsrate findet man bei Männern in der Klasse der qualifizierten Büroberufe (14 %). Für die meisten Klassen haben sich Vererbungsraten in den vergangenen Jahrzehnten für westdeutsche Männer als weitgehend stabil erwiesen. Nur in der Facharbeiterklasse zeigt sich nach der Jahrtausendwende eine merkliche Abnahme der Vererbungsraten.
Vererbungsraten 1976–2016 – in ProzentVererbungsraten 1976–2016 – in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Vererbungsraten von Vätern auf ihre Töchter sind in der Tendenz niedriger als die Vererbungsraten von Vätern auf ihre Söhne. Dies liegt vor allem an geschlechtsbedingten Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt. Frauen und Männer besetzen typischerweise unterschiedliche Berufsfelder (zum Beispiel Arzthelferin, KFZ-Mechatroniker) und finden sich somit auch in unterschiedlichen Klassenpositionen wieder. Ausnahmen von dem typischen Vererbungsmuster von Vater-Sohn und Vater-Tochter gibt es für westdeutsche Frauen bei der unteren Dienstklasse, bei ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen und vor allem in der Klasse der qualifizierten Büroberufe. Im Schnitt nahmen etwa 37 % der Töchter eines Vaters aus dieser Klasse eine Position in der Klasse der qualifizierten Bürotätigkeiten ein. Bei den Söhnen waren es im aktuellen Jahrzehnt nur 14 %. Ähnlich hoch sind die Vererbungsraten für westdeutsche Frauen in der unteren Dienstklasse und bei ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen. Knapp zwei Fünftel (36 % beziehungsweise 37 %) der Töchter nahmen die gleiche Klassenposition ein wie ihre Väter. Doch während es bei der unteren Dienstklasse und bei den qualifizierten Bürotätigkeiten Schwankungen über die Zeit gibt, findet man bei den ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen eine merkliche Abnahme der Vererbungsraten von 47 % auf 37 %. Genau entgegengesetzt ist der Trend in der oberen Dienstklasse. In den 1970er-Jahren gelang es nur 15 % der Töchter aus dieser Klasse, ebenfalls eine solche vorteilhafte Position zu erreichen. Bis zur aktuellsten Beobachtung hat sich dieser Anteil mehr als verdoppelt: Im aktuellsten Beobachtungszeitraum schaffte es ein Drittel der Frauen, diese vorteilhafte Position aus dem Elternhaus zu behaupten.

Die übrigen Klassen der Selbstständigen, Landwirte und Facharbeiter wurden in Westdeutschland selten an die Töchter weitergegeben (knapp 10 %), und dies veränderte sich auch nicht über die Zeit. Die entscheidenden Entwicklungen finden also am oberen und unteren Ende der Klassenskala statt. Westdeutschen Frauen gelingt es in zunehmendem Maße, ebenso gute Positionen wie ihre Väter einzunehmen. Gleichzeitig gelingt es ihnen häufiger, die weniger vorteilhafte Klasse der ungelernten Arbeiter und Angestellten zu verlassen.

Für Ostdeutschland können aufgrund der Fallzahlen für einige Klassenpositionen keine gesicherten Aussagen getroffen werden. Bei den Klassen, für die gesicherte Erkenntnisse vorliegen, fällt auf, dass für ostdeutsche Männer die Vererbungsraten in den beiden Dienstklassen geringer sind als für westdeutsche Männer. Insbesondere in der oberen Dienstklasse gelang es ostdeutschen Männern seltener, eine ebenso vorteilhafte Position wie die ihrer Väter einzunehmen. 36 % der ostdeutschen Männer vermochten in der jüngsten Zeit die oberste Klassenposition zu behaupten, im Westen waren es dagegen 46 %. Die Vererbungsrate in der unteren Dienstklasse war in Ostdeutschland mit zuletzt 23 % deutlich geringer als die Vererbungsrate in der oberen Dienstklasse. Während die Väter in Ostdeutschland ihre obere Dienstklassenposition in zunehmendem Maße an ihre Söhne weitergeben konnten (Steigerung von rund einem Viertel in den 1990er-Jahren auf mehr als ein Drittel im aktuellen Jahrzehnt), pendelten die Vererbungsraten in der unteren Dienstklasse um ein Fünftel.

Deutliche Veränderungen sind in der Facharbeiterklasse und der Klasse der ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen zu verzeichnen. Während im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung knapp zwei Drittel der ostdeutschen Facharbeitersöhne ebenfalls eine Position in der Facharbeiterklasse einnahmen, ist dieser Anteil auf 53 % gesunken. Die abnehmende Vererbungsrate bei gleichzeitiger Zunahme der Selbstrekrutierungsrate deutet auf ein deutliches Schrumpfen solcher Positionen in Ostdeutschland hin. Bei den ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen hingegen kam es zu einem deutlichen Anstieg der Vererbungsraten. Während in den 1990er-Jahren 18 % der Söhne aus der Klasse der ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen mit der gleichen Position vorliebnehmen mussten, ist dieser Anteil zu Beginn des Jahrtausends deutlich angestiegen. Im aktuellen Jahrzehnt nahm ein gutes Viertel (26 %) der Söhne von ungelernten Arbeitern und Angestellten wiederum eine solche Klassenposition ein.

Die Befunde für ostdeutsche Frauen zeigen ein eigenständiges Muster. In der oberen Dienstklasse stieg die Vererbungsrate wie bei den ostdeutschen Männern über die Zeit an, von 21 % in den 1990er-Jahren auf 27 % im aktuellen Jahrzehnt. Der Trend ist für beide Geschlechter ähnlich, allerdings gelang es Männern besser, die Positionen ihrer Väter zu übernehmen (36 % im Vergleich zu 27 % der Frauen im aktuellen Jahrzehnt). Bei der unteren Dienstklasse gibt es – anders als bei Männern – für Frauen einen Trend zu höheren Vererbungsraten. Die Vererbungsraten waren generell bei Frauen deutlich höher als bei Männern in dieser Klasse (45 % im Vergleich zu 23 % im aktuellen Jahrzehnt). Genau umgekehrt verhält es sich für die Klasse der Facharbeiter: Die Vererbungsraten waren hier bei ostdeutschen Frauen deutlich geringer als bei ostdeutschen Männern und sie nahmen über die Zeit kontinuierlich ab. Zuletzt hatten nur 13 % der Facharbeitertöchter wiederum eine Facharbeiterposition. Bei den ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen sank die Vererbungsrate leicht von 36 % auf 32 %. Ostdeutsche Frauen konnten folglich – anders als Männer – diese Klassenposition zunehmend vermeiden. Jedoch ist die Vererbung bei den Frauen insgesamt höher als bei den ostdeutschen Männern. Bei den beiden Dienstklassen gibt es zwischen Frauen in Ost- und Westdeutschland noch Unterschiede: Während die Vererbungsraten bei der unteren Dienstklasse bei ostdeutschen Frauen höher ist, stellt sich dies bei der oberen Dienstklasse umgekehrt dar.

Die Betrachtung einzelner Klassenpositionen lässt keine Schlüsse darauf zu, welche Klassenpositionen die Söhne und Töchter einnehmen, wenn sie nicht in die Fußstapfen ihrer Väter getreten sind. Daher sollen im Folgenden nicht die einzelnen Klassenpositionen betrachtet werden, sondern es wird versucht, ein Gesamtbild der sozialen Mobilität aufzuzeigen. Eine solche Gesamtbetrachtung ermöglicht auch eine Aussage darüber, ob diejenigen, die nicht die Klassenposition ihrer Väter übernehmen, eher vorteilhaftere oder eher weniger vorteilhafte Klassenpositionen erreichen als ihre Väter.


Lexika-Suche

Zahlen und Fakten

Top 15

Wer zahlt am meisten an die EU? In welches Land wandern die meisten Personen ein? Wie entwickelt sich der Welthandel? Wo sind die meisten Menschen arm? Hier finden Sie 15 Zahlen und Fakten-Grafiken, die regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht werden...

Mehr lesen

Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Zahlen und Fakten

Die soziale Situation in Deutschland

Wie sind die sozialen Aufgaben in Deutschland verteilt? Und für welche Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft müssen Lösungen gefunden werden? Das Online-Angebot hilft dabei, die soziale Situation in Deutschland besser einschätzen und beurteilen zu können.

Mehr lesen