Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Michael Blohm, Jessica Walter

Traditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der Frau im Zeitverlauf

Hinsichtlich der Einstellungen zur Rolle der Frau können mit den Daten des ALLBUS zwei theoretisch bedeutsame Dimensionen unterschieden werden: die Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und die Einstellungen zu den Konsequenzen der Frauenerwerbstätigkeit. Erstere bezieht sich auf Vorstellungen über die geschlechtsspezifische Erwerbsarbeitsteilung sowie auf Vorstellungen über den Stellenwert der Berufstätigkeit der Frau. Letztere betrifft die Einstellungen zu den Konsequenzen, die sich aus der Berufstätigkeit von Frauen insbesondere für die Erziehung und die Entwicklung der Kinder ergeben können.

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Info 1

Traditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der Frau

Traditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der FrauTraditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der Frau Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Aussagen können anhand einer vierstufigen verbalisierten Skala bewertet werden. Als Zustimmung werden "stimme voll und ganz zu" und "stimme eher zu" gewertet. Eine Ablehnung kann mit "stimme eher nicht zu" beziehungsweise "stimme überhaupt nicht zu" zum Ausdruck gebracht werden.

Die vorliegende Analyse unterscheidet zwischen einem "traditionellen" und einem "egalitären" Verständnis der Frauenrolle. Ein "traditionelles" Rollenverständnis geht davon aus, dass die Frau primär zu Hause bleiben und sich um die Erziehung der Kinder und um den Haushalt kümmern soll, während der Mann für die Erwerbstätigkeit zuständig ist; die berufliche Karriere der Frau hat demnach einen geringen Stellenwert. In einem "egalitären" Rollenverständnis hingegen wird nicht nach den Geschlechtern differenziert, vielmehr wird eine Rollenangleichung von Mann und Frau befürwortet. Bei der Interpretation der Geschlechterrollenvorstellungen ist zu berücksichtigen, dass einer Erwerbsbeteiligung von Frauen nicht nur im Sinne der Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch aus ökonomischen Gründen zugestimmt werden kann. Ein weiterer Aspekt der Geschlechtsrollenvorstellungen ist, wie die Befragten die Konsequenzen der Erwerbstätigkeit von Frauen für deren Kinder einschätzen. Werden die Konsequenzen als positiv beziehungsweise als nicht negativ eingeschätzt, so werden diese Einstellungen als "egalitär" gewertet. Wird die Erwerbstätigkeit von Frauen hingegen als hinderlich für die Entwicklung der Kinder betrachtet, so gelten diese Einstellungen als "traditionell".

Den Tabellen 1 und 2 ist zu entnehmen, dass der Anteil von – in diesem Sinne – egalitären Einstellungen über die Jahre in West- und Ostdeutschland zunahm. Für die Einstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war für beide Landesteile zwischen 2000 und 2004 eine verstärkte Zunahme egalitärer Einstellungen festzustellen. Dieser Trend ist in Westdeutschland bis 2016 zu verzeichnen. Im Jahr 2016 vertraten über 86 % der westdeutschen Bevölkerung eine egalitäre Einstellung, 1991 war es nur etwa die Hälfte der Befragten. In Ostdeutschland stieg der Anteil egalitärer Einstellungen nach 2004, ausgehend von einem höheren Ausgangswert, langsamer an. Im Jahr 2016 stimmten 91 % egalitären Einstellungen zu.
Tab 1 Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau 1982 – 2016 — in ProzentVorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau 1982 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Für die Einschätzungen der Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Die Einstellungen wurden insgesamt sowohl in West- als auch in Ostdeutschland egalitärer. Im Westen gab es bis 2016 einen rasanten Anstieg; in dieser Frage waren zuletzt 85 % der Westdeutschen egalitär eingestellt. In Ostdeutschland hingegen stieg der Anteil an egalitären Einstellungen seit 2008 nur geringfügig um einen Prozentpunkt auf 93 % im Jahr 2016 an. Insgesamt äußerten sich Ostdeutsche im Hinblick auf die Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und die Konsequenzen der Berufstätigkeit der Frau deutlich egalitärer als Westdeutsche. Die Unterschiede bei der Einschätzung der Konsequenzen der Berufstätigkeit der Frau waren dabei jedoch etwas größer als bei den Fragen zur Rollenverteilung.
Tab 2 Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau 1982 – 2016 — in ProzentKonsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau 1982 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die höhere Zustimmung zu egalitären Werten in Ostdeutschland bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen kann aber nicht mit der Forderung nach gleichen Erwerbschancen oder nach weiblicher Selbstentfaltung gleichgesetzt werden. Vielmehr war die Frauenerwerbsarbeit vor der Vereinigung im Osten aufgrund unterschiedlicher sozialpolitischer und ideologischer Rahmenbedingungen sowie wegen ökonomischer Bedingungen weiter verbreitet als im Westen. So war in der DDR die staatliche Kinderbetreuung im Vergleich zur Bundesrepublik stärker ausgebaut. Zudem wurde die weibliche Erwerbstätigkeit auch ideologisch gefördert. Offenbar beeinflusste diese Erfahrung nachhaltig die Geschlechterrollenideologie sowie die Bewertung der Konsequenzen der Frauenerwerbsbeteiligung.

Interessant ist, dass sich die Unterschiede in beiden Dimensionen zwischen West- und Ostdeutschland weiterhin zeigen. Die Einstellungen glichen sich zwischen West- und Ostdeutschland erst in den letzten Jahren etwas an. Dies wurde durch die der deutschen Vereinigung folgenden sozialpolitischen und ideologischen Änderungen insbesondere in Ostdeutschland von vielen schon früher und eindeutiger erwartet. Die Unterschiede in den Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau vergrößerten sich ab den frühen 1990er-Jahren zwischen West und Ost zunächst jedoch teilweise. Erst seit 2008 näherten sich die Einstellungen zwischen West- und Ostdeutschland etwas an. Im Jahr 2016 war der Unterschied für den gesamten Beobachtungszeitraum am geringsten. Diese Annäherung spiegelt wider, dass sich bei vergleichbarer Entwicklung der Frauenerwerbsquoten in West und Ost die Zahl der Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Westdeutschland zwar vergrößert hat, aber im Vergleich zu Ostdeutschland immer noch deutlich niedriger ist (siehe Kapitel 2.2).

Frauen äußerten in beiden Landesteilen etwas häufiger egalitäre Einstellungen bezüglich der Rollenverteilung als Männer und schätzten auch die Konsequenzen der Müttererwerbstätigkeit für die Kinder weniger negativ ein. Dieser Unterschied war bis 2012 im Westen deutlich größer als im Osten, ging jedoch 2016 deutlich zurück. Auch diese Beobachtung kann mit der Erfahrung ostdeutscher Familien mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erklärt werden: In Ostdeutschland konnten und können mehr Männer die Erfahrung machen, dass sich die Erwerbstätigkeit der Frau nicht negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Die Verringerung der Unterschiede in den Einstellungen zwischen den Geschlechtern in Westdeutschland in den letzten Jahren lässt sich wohl auch auf die Veränderung der weiblichen Erwerbstätigkeit, auf den Ausbau der Kinderbetreuung und Veränderungen in der Regelung zum Elterngeld zurückführen. Müttererwerbstätigkeit ist auch im Westen selbstverständlicher geworden.

Einen großen Einfluss auf die Einstellungen zur Rolle der Frau im Erwerbsleben hat das Alter der Befragten. Im Großen und Ganzen sind jüngere Menschen egalitärer eingestellt als ältere. Dies gilt für beide untersuchten Dimensionen und trifft auf West- und Ostdeutschland gleichermaßen zu. Die Unterschiede in den je nach Altersgruppe vorliegenden Einstellungen zur Rolle der Frau haben 2016 allerdings abgenommen. Auch ältere Befragte zeigen sich inzwischen deutlich egalitärer als früher. Unterschiede im Bildungsniveau haben im Osten und im Westen ähnliche Auswirkungen auf die Einstellungen. So ist ein höherer Bildungsstand mit egalitäreren Einstellungen verbunden. In allen Bildungsgruppen nahmen egalitäre Einstellungen über die Zeit zu, wobei in den unteren Bildungsgruppen der Anstieg stärker war als in den höheren Bildungsgruppen. Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nahmen über alle Bildungsgruppen ab.


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