Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Michael Blohm, Martina Wasmer

Einstellungen zu ausländerdiskriminierenden Forderungen

In der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ALLBUS wurde seit 1980 wiederholt die Zustimmung zu verschiedenen Aussagen erfasst, die restriktive beziehungsweise diskriminierende Forderungen gegenüber Ausländern beinhalten. Im Einzelnen sind dies: dass die in Deutschland lebenden Ausländer ihren Lebensstil besser an den der Deutschen anpassen sollten, dass sie wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollten, wenn Arbeitsplätze knapp werden, dass ihnen jede politische Betätigung in Deutschland untersagt werden sollte und dass sie sich ihren Ehepartner unter ihren eigenen Landsleuten auswählen sollten.

Mit Abstand am meisten Zustimmung fand 2016 die vergleichsweise gemäßigte Forderung nach Assimilation an den deutschen Lebensstil. Sie wurde im Westen von über 70 %, im Osten von über 80 % der befragten erwachsenen Deutschen unterstützt. Den anderen Aussagen, in denen Ausländern eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben abgesprochen wird, stimmte demgegenüber die Mehrheit der Befragten eher nicht zu. Das galt insbesondere für die Forderung danach, dass Ausländer "unter sich" heiraten sollten, von der sich 87 % der Westdeutschen und 75 % der Ostdeutschen distanzierten. Auch bei den anderen beiden ausländerdiskriminierenden Aussagen gab es in beiden Landesteilen eine Mehrheit für die ausländerfreundliche Position, die allerdings bei den Ostdeutschen weniger deutlich ausfiel als bei den Westdeutschen.
Abb 1 Zustimmung zu ausländerdiskriminierenden Forderungen 2016 — in ProzentZustimmung zu ausländerdiskriminierenden Forderungen 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Während Männer und Frauen sich in ihren Einstellungen gegenüber in Deutschland lebenden Ausländern kaum unterschieden, spielten Alter und Bildung eine bedeutende Rolle. In beiden Landesteilen äußerten ältere Befragte mehr Vorbehalte gegenüber Ausländern als jüngere, wobei im Westen zwischen der jüngsten und der mittleren Altersgruppe kaum Unterschiede zu erkennen waren. Bei den über 59-Jährigen lag in beiden Landesteilen der Anteil derjenigen, die den verschiedenen Aussagen zustimmten, um jeweils mindestens 4 Prozentpunkte höher als bei den 40- bis 59-Jährigen.
Tab 1 Zustimmung zu ausländerdiskriminierenden Forderungen in ausgewählten Bevölkerungsgruppen 2016 — in ProzentZustimmung zu ausländerdiskriminierenden Forderungen in ausgewählten Bevölkerungsgruppen 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

In West und Ost gilt: je gebildeter desto weniger ausländerdiskriminierend. Personen mit höherer formaler Bildung forderten deutlich seltener eine stärkere Anpassung der Ausländer an deutsche Gepflogenheiten und stimmten auch seltener den drei weiteren ausländerdiskriminierenden Aussagen zu als Personen mit einem niedrigeren allgemeinbildenden Schulabschluss. In West und Ost fanden letztgenannte Aussagen nur bei einer kleinen Minderheit von jeweils unter 10 % der Personen mit Fachhochschulreife oder Abitur Unterstützung. Bei den Befragten, die höchstens einen Hauptschulabschluss hatten, lagen die Zustimmungsraten bei den genannten drei Forderungen jeweils um ein Vielfaches höher, etwa viermal so hoch bei den Forderungen nach einem Heimschicken der Ausländer bei knapper Arbeit und nach einem Verbot politischer Betätigung; bei der Forderung, unter sich zu heiraten, sogar um einen Faktor von etwa 6,5 höher.

Was den Wandel der Einstellungen über die Zeit angeht, so ist in den alten Bundesländern von 1980 bis 1994 ein – mehr oder weniger starker – kontinuierlicher Rückgang der Zustimmung zu allen vier Aussagen zu beobachten. Für diesen Zeitraum kann man eine zunehmend tolerantere Haltung gegenüber Ausländern konstatieren. Seit 1994 ist das Bild weniger eindeutig. Auffällig ist vor allem die Entwicklung bei der Forderung nach mehr Lebensstilanpassung. Diese Aussage thematisiert im Unterschied zu den anderen nicht direkt eine Diskriminierung oder Ausgrenzung und ist somit auch nicht unbedingt als ausländerfeindlich zu bewerten. Hier war zwischenzeitlich eine starke Zunahme der Zustimmungsquoten zu verzeichnen. Seit 2010 lagen sie relativ konstant bei knapp 75 % im Westen und etwa 80 % im Osten. Im Gegensatz zu dieser Forderung nach der Anpassung des Lebensstils war bei den anderen Items bislang im Großen und Ganzen eine Fortsetzung des liberalen Trends auch nach 1994 zu beobachten. Dementsprechend stimmten 2016 sowohl der Forderung nach Heirat innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe als auch der Forderung, bei angespannter Arbeitsmarktsituation Ausländer in ihre Heimat zurückzuschicken, in beiden Landesteilen so wenige Befragte zu wie niemals zuvor in den ALLBUS-Erhebungen. Etwas anders sieht es beim Verbot politischer Betätigung für Ausländer aus. Diese Forderung fand gegen den generellen Trend in West- und Ostdeutschland 2016 etwas mehr Zustimmung als bei der vorherigen Erhebung 2012. Hier mögen die Diskussionen um aktuelle Ereignisse wie die Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland eine Rolle gespielt haben.
Abb 2 Zustimmung zu ausländerdiskriminierenden Forderungen 1980 – 2016 
— in ProzentZustimmung zu ausländerdiskriminierenden Forderungen 1980 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Bei der Betrachtung der Zeitreihen für die vier Items muss man beachten, dass 1994 der bis dahin verwendete Begriff "Gastarbeiter" durch "in Deutschland lebende Ausländer" ersetzt wurde, um den veränderten Gegebenheiten und dem damit verbundenen geänderten Sprachgebrauch Rechnung zu tragen. Wie man an den Zahlen für 1994, als beide Formulierungsvarianten bei jeweils der Hälfte der Befragten verwendet wurden, sehen kann, hatte dies allerdings kaum Auswirkungen auf das Antwortverhalten der Befragten.


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