Datenreport 2021.

Erwerbstätigkeit und Erwerbsabsichten im Ruhestandsalter

Der Eintritt in den Ruhestand markiert für viele ältere Menschen den Übergang vom Arbeitsleben zu einem Lebensabschnitt ohne Erwerbstätigkeit. Sowohl gesellschaftlich akzeptierte Altersnormen als auch über Arbeitsverträge und öffentliche Altersversorgungssysteme formal gesetzte Altersgrenzen bestimmen über den Zeitpunkt des Ruhestandseintritts. Sie machen diesen Übergang für Individuen, Unternehmen und nicht zuletzt für die moderne Arbeitsgesellschaft planbar, indem sie unter anderem die Generationennachfolge auf den Arbeitsmärkten regeln.

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Der Ruhestandsbegriff in den Sozialwissenschaften

Der Begriff "Ruhestand" ist vielschichtig und wird in der sozialwissenschaftlichen Forschung auf unterschiedliche Weise bestimmt. Er kann erstens durch den Bezug einer Altersrente oder -pension aufgrund eigener Erwerbstätigkeit definiert werden, die in Deutschland üblicherweise mit Abschlägen frühestens ab dem Alter von 60 Jahren ausgezahlt werden können.

Ruhestand kann zweitens definiert werden als das Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze, die zum Bezug einer Altersrente oder -pension in vollem Umfang bei gesetzlich Versicherten berechtigt. Seit dem Inkrafttreten des "Altersgrenzenanpassungsgesetzes" wird die Altersgrenze von 65 Jahren schrittweise auf 67 Jahre heraufgesetzt.

Drittens kann der Ruhestand durch den Umfang der Arbeitsmarktbeteiligung älterer Menschen bestimmt werden, also durch eine deutliche Reduzierung des wöchentlichen Arbeitsumfangs oder einen kompletten Ausstieg aus der Erwerbstätigkeit.

Viertens kann der Ruhestand durch persönliche Einschätzung bestimmt werden, etwa wenn ältere Menschen zwar noch keine Altersrente beziehen, aber seit längerer Zeit erwerbslos sind und nicht mehr ins Erwerbsleben zurückkehren möchten beziehungsweise können.

Quelle: Frank T. Denton / Byron G. Spencer, What is retirement? A review and assessment of alternative concepts and measures, in: Canadian Journal of Aging / Revue canadienne du viellissement, 28 (2009) 1, S. 63–76.

Mit dem stetigen Gewinn an Lebensjahren erhält die Ruhestandsphase im persönlichen Lebensverlauf einen erheblichen Bedeutungszuwachs: Sie wird länger, und erfreulicherweise wird sie größtenteils in guter Gesundheit verbracht. So konnten 65-jährige Männer in Deutschland laut den Daten des European Health and Life Expectancy Information Systems (EHLEIS) im Jahr 2015 mit rund 11 weiteren Lebensjahren in guter Gesundheit rechnen. Dies entsprach 61 % ihrer gesamten Lebenserwartung in diesem Alter (18 Jahre). 65-jährige Frauen konnten im Jahr 2015 mit 12 weiteren Jahren in guter Gesundheit rechnen, was 57 % ihrer verbleibenden Lebenserwartung (21 Jahre) entsprach. Angesichts einer steigenden Lebenserwartung überrascht es nicht, dass auch die Daten der Deutschen Rentenversicherung Bund zur durchschnittlichen Dauer des Bezugs einer Altersrente den Zugewinn an Lebenszeit im Ruhestand widerspiegeln: Lag die durchschnittliche Rentenbezugsdauer von Versichertenrenten im Jahr 1970 bei 11 Jahren, so betrug sie aufgrund des Anstiegs der ferneren Lebenserwartung bei einem nur leicht gestiegenen Rentenzugangsalter im Jahr 2017 rund 20 Jahre.

Im Hinblick auf die Gestaltung von Arbeitsleben und Freizeit bieten sich dem Einzelnen viele Möglichkeiten an, das länger werdende Leben im Ruhestand für viele persönliche Lebenspläne zu nutzen: die Ruhe genießen, verreisen, sich stärker in Partnerschaft und Familie einbinden, sich ehrenamtlich betätigen oder auch einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Unter diesen Bedingungen ist mit dem Ruhestandseintritt ein abrupter, vollständiger Rückzug aus dem sozialen und wirtschaftlichen Leben und den damit einhergehenden Tätigkeiten nicht zwingend zu erwarten. Tatsächlich ist, im Alter weiterhin aktiv zu bleiben, ein gesellschaftlicher Trend, der sich im Lauf der vergangenen zwei Jahrzehnte auch in Deutschland immer deutlicher zeigte.

Im Zusammenhang mit aktivem Altern ist Erwerbstätigkeit im Ruhestand, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten oder Großbritannien, in Deutschland ein recht junges Phänomen: Erst seit den 1990er-Jahren kann es in nennenswertem Umfang beobachtet werden. Vor dem Hintergrund der oben genannten Altersnormen und -grenzen, die die aufeinander aufbauenden Lebensphasen in der Reihenfolge "Schule/Ausbildung", "Erwerb" und "Ruhestand" umfassen, kann Erwerbstätigkeit im Ruhestand als ein von weitverbreiteten Vorstellungen abweichendes Verhalten eingestuft werden, das einer näheren Erklärung bedarf. Da ältere Menschen nach dem Ruhestandseintritt von der Erwartung und – bei entsprechenden Rentenanwartschaften – auch von der finanziellen Notwendigkeit befreit sind, weiterhin am Arbeitsmarkt teilzunehmen, spielt der freiwillige Charakter einer bewussten individuellen Entscheidung für oder gegen eine Erwerbstätigkeit im Vergleich zu früheren Lebensphasen eine größere Rolle. Falls passende Erwerbsmöglichkeiten verfügbar sind, entscheidet das Individuum weitgehend frei von gesellschaftlichen Erwartungen, ob oder zu welchem Umfang eine Erwerbstätigkeit im Ruhestandsalter übernommen wird. Neben entsprechenden Angeboten auf dem Arbeitsmarkt setzen Freiheit und Freiwilligkeit jedoch ein Mindestmaß an individuellen Kapazitäten voraus, insbesondere eine gute Gesundheit und die erforderlichen Qualifikationen für eine bezahlte Tätigkeit. Andererseits ist zu bedenken, dass sich Personen mit einem niedrigen Einkommen gezwungen sehen, aus einer finanziell schwierigen Lage heraus einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, sodass eher materielle Zwänge als persönliche Vorlieben diese Entscheidung bestimmen. Unabhängig davon müssen entsprechende Möglichkeiten auf den Arbeitsmärkten existieren, um die individuellen Präferenzen und Anforderungen seitens der Unternehmen in Einklang zu bringen.

Mit Blick auf die Situation in Deutschland wird im Folgenden beschrieben, wie häufig eine Erwerbstätigkeit im Ruhestandsalter zu beobachten ist, welche Merkmale diese Erwerbsform aufweist und welche Voraussetzungen dafür zu finden sind. Darüber hinaus wird auf Erwerbsabsichten für das Ruhestandsalter eingegangen und es werden Bedingungen für deren Verwirklichung dargestellt. Dabei fußen die Befunde in weiten Teilen auf der Studie "Transitions and Old Age Potential" (TOP), die vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) durchgeführt wurde. Als Ausblick wird erörtert, welche Entwicklungspfade in den "Seniorenarbeitsmärkten" für das kommende Jahrzehnt erwartet werden können, wenn man den altersbedingten Austritt der geburtenstarken Jahrgänge aus den 1950er- und 1960er-Jahren (Babyboomer) aus dem Erwerbsleben berücksichtigt.

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Info 2

Die Studie "Transitions and Old Age Potential" (TOP) des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

Bei der Studie "Transitions and Old Age Potential" (TOP) handelt sich um eine Panelstudie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), die drei Befragungswellen in den Jahren 2013, 2016 und 2019 umfasst. Zum ersten Erhebungszeitpunkt haben 5.002 Männer und Frauen, die zwischen 1942 und 1958 geboren sind, an der für die deutschsprachige Wohnbevölkerung repräsentativen Befragung teilgenommen. In der aktuellen Welle des Jahres 2019 konnten insgesamt 1.561 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer erneut befragt werden.

Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden telefonisch interviewt. Hierzu wurde vom BiB in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnerinnen und -partnern mehrerer Universitäten und Hochschulen ein eigener Fragebogen erarbeitet, der im Lauf der folgenden Wellen durch weitere Themen und in der dritten Welle durch eine Stichprobe der Lebenspartnerinnen und -partner der Befragten erweitert wurde. Unter anderem konnten die Befragten in allen drei Wellen Angaben zu ihrer Beteiligung am Erwerbsleben, im zivilgesellschaftlichen Bereich oder in der Familie machen. Der Scientific Use File der ersten zwei Befragungswellen kann unter der Archivnummer ZA6597 bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften abgerufen werden.

Mithilfe des Längsschnittdesigns kann beispielsweise untersucht werden, ob Erwerbsabsichten im Ruhestand zu einem späteren Zeitpunkt realisiert werden können und welche Einflussfaktoren dafür ausschlaggebend sind.

Quelle: Volker Cihlar / Frank Micheel / Laura Konzelmann / Andreas Mergenthaler / Norbert F. Schneider, Grenzgänge zwischen Erwerbstätigkeit und Ruhestand: Prozesse der Arbeitsmarktbeteiligung älterer Menschen, Opladen / Berlin / Toronto 2019.


Autor(en): Andreas Mergenthaler, Frank Micheel
Herausgeber: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)

Datenreport: Kapitel 10.3.1

Erwerbstätigkeit im Ruhestandsalter in Deutschland

Aus der amtlichen Statistik lässt sich bei Personen im Alter von 65 und mehr Jahren für den Zeitraum von 2000 bis 2019 ein stetig steigender Beschäftigungstrend im Ruhestandsalter erkennen.

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Datenreport: Kapitel 10.3.2

Erwerbsabsichten für das Ruhestandsalter

In der Studie TOP wurden die Personen in allen drei Wellen wiederholt gefragt, ob sie es sich grundsätzlich vorstellen können, im Ruhestand noch eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen, egal ob in Teil- oder in Vollzeit.

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Datenreport: Kapitel 10.3.3

Motive für eine Erwerbstätigkeit

Die Befragten in der Studie TOP, die eine Erwerbsabsicht für das Ruhestandsalter äußerten, wurden gebeten, die Gründe für eine verlängerte Arbeitsmarktbeteiligung zu nennen. Personen, die mehr als einen Grund genannt haben, wurden zudem in Welle zwei (2016) und Welle drei (2019) jeweils nach dem Hauptgrund für eine Erwerbstätigkeit im Ruhestandsalter gefragt.

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Datenreport: Kapitel 10.3.4

Verwirklichung von Erwerbsabsichten

Bei den Befragten, die bereits im Jahr 2013 eine Altersrente oder -pension erhalten haben oder die zwischen 2013 und 2019 in den Ruhestand wechselten, wurde im Folgenden betrachtet, wie häufig eine Erwerbsabsicht im Ruhestandsalter verwirklicht werden konnte.

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Datenreport: Kapitel 10.3.5

Zusammenfassung und Ausblick

Insgesamt lassen die Ergebnisse den Schluss zu, dass eine Zunahme der Erwerbsbeteiligung im Ruhestandsalter, wie wir sie in Deutschland in den vergangenen Jahren beobachten konnten, zu einem gewissen Wandel des institutionell vorgegebenen Eintritts in den Ruhestand führt, diesen aber nicht völlig auflöst.

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