BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Datenreport 2021.

10.3.2021 | Von:
Jule Adriaans, Stefan Liebig

Unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe für eine gerechte Einkommensverteilung

Ob Ungleichheiten als gerecht oder ungerecht bewertet werden, hängt davon ab, ob die Verteilungsergebnisse den normativen Vorstellungen, nach welchen Prinzipien Güter und Lasten in einer Gesellschaft verteilt werden sollten, zuwiderlaufen oder damit übereinstimmen. Auch wenn individuelle Vorstellungen von Gerechtigkeit durchaus heterogen sind, können vier grundlegende Verteilungsprinzipien unterschieden werden: Gleichheit, Bedarf, Leistung und Anrecht.

Das Gleichheitsprinzip verlangt, Güter und Lasten in einer Gesellschaft gleich zu verteilen. Stark ausgeprägte Einkommensungleichheiten laufen diesem Prinzip zuwider. Das Bedarfsprinzip setzt auf eine Verteilung, die individuell unterschiedliche Bedarfe anerkennt. Das Leistungsprinzip hingegen fordert, dass diejenigen in einer Gesellschaft mehr erhalten sollten, die höhere Leistungen erbringen. Ungleichheiten, die auf Leistungsunterschiede zurückzuführen sind, können demnach durchaus als gerecht bewertet werden. Gemäß des Anrechtsprinzips sollten Güter und Lasten auf Basis von Statusmerkmalen wie Familienansehen, Herkunft oder in der Vergangenheit Erreichtem verteilt werden.

In der 2018 / 2019 durchgeführten 9. Welle des European Social Survey (ESS) wurden Personen aus 27 europäischen Ländern auch zu ihren Gerechtigkeitseinstellungen befragt. Auf einer Skala von 1 "stimme stark zu", 2 "stimme etwas zu", 3 "weder noch", 4 "lehne etwas ab" und 5 "lehne ganz ab" konnten die Befragten ihre Ablehnung oder Zustimmung zu den vier Verteilungsprinzipien angeben. In Abbildung 1 ist dargestellt, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die den jeweiligen Prinzipien entweder etwas oder stark zustimmten. Für das Gleichheitsprinzip gab es im europäischen Durchschnitt mit rund 54 % Zustimmung eine knappe Mehrheit, allerdings unterschieden sich die Länder hier deutlich. Während in Norwegen nur rund ein Viertel (23 %) der Befragten die Verteilung von Gütern und Lasten nach dem Prinzip der Gleichheit unterstützte, waren es in Portugal mehr als drei Viertel (78 %). In Deutschland unterstützten rund 42 % der Befragten das Gleichheitsprinzip und lagen damit deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.
Zustimmung zu verschiedenen Verteilungsprinzipien im europäischen Vergleich 2018 / 2019 — in ProzentZustimmung zu verschiedenen Verteilungsprinzipien im europäischen Vergleich 2018 / 2019 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Zustimmung zu verschiedenen Verteilungsprinzipien im europäischen Vergleich 2018 / 2019 — in ProzentZustimmung zu verschiedenen Verteilungsprinzipien im europäischen Vergleich 2018 / 2019 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Beim Bedarfsprinzip hingegen gehört Deutschland mit 83 % zu den Ländern, in denen sich die im europäischen Vergleich stärkste Zustimmung zur Verteilung der Güter nach individuellem Bedarf fand. Insgesamt zeigt sich für das Bedarfsprinzip auch im europäischen Durchschnitt eine breite Zustimmung (76 %). Lediglich in Tschechien fand sich mit 47 % keine mehrheitliche Zustimmung.

Das Leistungsprinzip ist ein zentraler normativer Pfeiler moderner Gesellschaften. Wer mehr leistet, sollte auch mehr bekommen. Wenig überraschend fand das Leistungsprinzip als Grundlage einer gerechten Gesellschaft in ganz Europa eine breite Zustimmung. Deutschland liegt mit einer Zustimmungsrate von 86 % deutlich über dem europäischen Durschnitt von 81 %.

Während Leistung als gerechtes Verteilungskriterium hohe Anerkennung genoss, fand eine Verteilung nach dem Anrechtsprinzip – also auf Basis zugeschriebener oder erworbener Statusmerkmale – kaum Unterstützung in Europa. Im europäischen Durchschnitt stimmte lediglich jede / jeder Achte (13 %) dem Anrechtsprinzip zu. Deutschland liegt hier genau im europäischen Mittelfeld. Auch wenn in der Slowakei und in Irland die Zustimmungsraten fast ein Drittel (30 %) erreichten, spielte das Anrechtsprinzip für die Bürgerinnen und Bürger in Europa eher eine geringere Rolle für eine gerechte Verteilung von Gütern und Lasten.

Insgesamt zeigt der Vergleich der 27 europäischen Länder, dass sowohl das Leistungs- als auch das Bedarfsprinzip die Vorstellungen der Menschen von einer gerechten Verteilung der Güter und Lasten in einer Gesellschaft mehrheitlich prägt. Beide Prinzipien schließen sich also keineswegs aus. Vielmehr geht die Erwartung, dass individuelle Leistungen belohnt werden sollten, mit einer breiten Befürwortung des Prinzips einher, dass eine grundlegende Bedarfsabsicherung Teil einer gerechten Gesellschaft ist. In Deutschland finden das Leistungs- und Bedarfsprinzip besonders hohe und mehrheitliche Zustimmung, das Gleichheitsprinzip hingegen nicht.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Stefan Liebig Jule Adriaans für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.