Datenreport 2021.

10.3.2021 | Von:
Reinhard Pollak

Besetzung von Klassenpositionen nach sozialer Herkunft

Die folgenden Ergebnisse basieren auf verschiedenen repräsentativen Bevölkerungsumfragen aus den Jahren 1976 bis 2018. Die Befunde früherer Datenreport-Beiträge werden durch neuere Daten ergänzt und fortgeschrieben. Die betrachteten Personen (die "Kindergeneration") waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 18 und 64 Jahre alt und entweder berufstätig oder arbeitsuchend. Um einen langen Zeitvergleich zu ermöglichen, werden in die Hauptanalysen nur Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit einbezogen. Für Ostdeutschland werden Bevölkerungsumfragen ab 1990 berücksichtigt. Als Maß für die soziale Herkunft, das heißt für die Position der Elterngeneration, wird die Klassenposition des Vaters zu dem Zeitpunkt herangezogen, als die jeweiligen Befragten 15 Jahre alt waren. Angaben zur Klassenposition der Mutter wurden insbesondere in den älteren Befragungen leider nicht oder nur lückenhaft erhoben.

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Info 1

Datenbasis

Die Daten für diese Studie stammen aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Umfrageprogrammen, die im Zeitraum von 1976 bis 2018 durchgeführt wurden. Es wurden Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) von 1980 bis 2018, des Sozio-oekonomischen Panels (jeweils die Neuziehungen), der jeweiligen Neuziehung der Erwachsenenkohorte des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der ZUMA-Standarddemographie (1976 –1982) sowie des International Social Justice Programme (1991, 1996, 2000 und 2006) verwendet. In den jeweiligen Datensätzen gibt es sehr ähnliche Abfragen zum Beruf und zu der beruflichen Stellung. Für die Befragten wurde der aktuelle oder letzte Beruf verwendet, für die Väter der Beruf zum Zeitpunkt, als die Befragten 15 Jahre alt waren. Diese Angaben wurden harmonisiert und in das Goldthorpe-Klassenschema überführt. Daten für den Beruf oder die berufliche Stellung von Müttern liegen insbesondere in den älteren Daten nicht vor. Aus Vergleichsgründen der jeweiligen Stichproben wurden nur Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit berücksichtigt.

In Tabelle 1 wird der Anteil der Befragten dargestellt, deren Väter bereits eine identische Klassenposition innehatten. Für dieses Ausmaß der Selbstrekrutierung der sozialen Klassen werden insgesamt sieben Klassenpositionen unterschieden. Diese folgen dem international häufig verwendeten Klassenschema nach Erikson und Goldthorpe (1992). Die obere Dienstklasse umfasst unter anderem leitende Angestellte und freie Berufe. In der unteren Dienstklasse sind insbesondere hoch qualifizierte Angestellte und Beamtinnen und Beamte im gehobenen Dienst. Die dritte Klasse der qualifizierten Büroberufe bilden unter anderem Sekretärinnen und Sekretäre sowie Buchhalterinnen und Buchhalter. Die vierte Klasse umfasst Selbstständige mit bis zu 49 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Handel und Handwerk. Die fünfte Klasse bilden Landwirtinnen und Landwirte. Die vorletzte Klasse umfasst Facharbeiterinnen und Facharbeiter (auch Meisterinnen und Meister sowie Technikerinnen und Techniker). Und schließlich befinden sich ungelernte Arbeiterinnen und Arbeiter sowie ungelernte Angestellte in der siebten Klasse.

Am anschaulichsten kann das Ausmaß an Selbstrekrutierung anhand der Betrachtung der Landwirte (Männer) in Westdeutschland dargestellt werden: Bis zur Jahrtausendwende hatten über 90 % der Landwirte einen Vater, der ebenfalls Landwirt war. Fast alle Landwirte kamen folglich aus einer Bauernfamilie. Dies änderte sich jedoch im neuen Jahrtausend deutlich. Im jüngsten Jahrzehnt (2010 – 2018) waren nur noch 58 % der heutigen Landwirte Söhne von Bauern. Bei Facharbeiterpositionen findet man ebenfalls eine beachtliche Selbstrekrutierungsrate. Gut die Hälfte der heutigen Facharbeiter in Westdeutschland (53 %) hatte auch einen Facharbeiter zum Vater. Dieser Anteil ist in der Tendenz eher höher als in früheren Jahrzehnten, das heißt, die Klasse der heutigen Facharbeiter wird bezüglich ihrer sozialen Herkunft eher homogener. Die Gruppe der Selbstständigen ist dagegen deutlich heterogener geworden: Hatten die Selbstständigen in den 1970er- und 1980er-Jahren noch Selbstrekrutierungsraten von etwa 36 %, so sank der Anteil im jüngsten Jahrzehnt auf 19 %. Bei allen anderen Klassen zeigen sich zwar leichte Schwankungen, ein deutlicher Trend bezüglich der Selbstrekrutierungsraten ist jedoch für diese Klassen nicht zu beobachten. Interessant ist, dass im jüngsten Jahrzehnt 37 % der ungelernten Arbeiter und Angestellten ebenfalls einen ungelernten Arbeiter oder Angestellten als Vater hatten. Bei der oberen Dienstklasse waren die Selbstrekrutierungsraten dagegen mit 30 % deutlich geringer. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass es mehr Auf- als Abstiege bei westdeutschen Männern geben könnte.
Selbstrekrutierungsraten 1976 – 2018 — in ProzentSelbstrekrutierungsraten 1976 – 2018 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Für Frauen in Westdeutschland sind hohe Selbstrekrutierungsraten unter den Landwirtinnen, bei Facharbeiterinnen, in der oberen Dienstklasse und auch bei den ungelernten Arbeiterinnen zu finden. Während diese Selbstrekrutierungsraten für westdeutsche Landwirtinnen, Facharbeiterinnen und ungelernte Arbeiterinnen etwas geringer sind als bei westdeutschen Männern, rekrutierten sich westdeutsche Frauen in der oberen Dienstklasse häufiger aus dieser Klasse als westdeutsche Männer, mit steigender Tendenz. Frauen in Selbstständigkeit in Westdeutschland hatten in den 2000er-Jahren hingegen eher selten einen selbstständigen Vater. Auch bei der unteren Dienstklasse deutet sich ein Trend zu einer geringeren Selbstrekrutierung an. Bei den übrigen Klassenpositionen ergaben sich wenige Veränderungen über die Zeit.

Die Ergebnisse für Ostdeutschland sind aufgrund der Fallzahlen und der besonderen Umbruchsituation in den ersten Jahren nach der deutschen Vereinigung mit Vorsicht zu interpretieren. Es werden daher in den Tabellen nur solche Werte ausgewiesen, die auf belastbaren Fallzahlen basieren. Die meisten Beschäftigten in Ostdeutschland befinden sich in vier Klassenpositionen: in der oberen und in der unteren Dienstklasse sowie in der Facharbeiterklasse und der Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Angestellten. Dagegen sind vergleichsweise wenige Ostdeutsche in den Klassenpositionen der Selbstständigen, der Landwirtinnen und Landwirte sowie der qualifizierten Büroberufe zu finden. Entsprechend können für diese Gruppen die Selbstrekrutierungsraten wegen zu geringer Fallzahlen nicht für jedes Beobachtungsjahrzehnt ausgewiesen werden.

Bei den Männern in Ostdeutschland findet man für die obere Dienstklasse eine deutliche Zunahme der Selbstrekrutierungsrate: Während kurz nach der Vereinigung nur 19 % der Mitglieder dieser Klasse auch aus einem solchen Elternhaus kamen, waren es in dem Zeitraum 2000 bis 2009 bereits 31 % und im jüngsten Jahrzehnt 37 %. Diese Werte sind damit sogar höher als in Westdeutschland. Bei der unteren Dienstklasse blieben die Raten für Männer weitgehend konstant und auf gleichem Niveau wie in Westdeutschland. Die Facharbeiterklasse ist in Ostdeutschland sogar noch homogener als in Westdeutschland und der Trend zur gleichen Herkunft in dieser Klasse zeigt sich auch für diesen Teil Deutschlands. Mehr als jeder zweite ostdeutsche Facharbeiter (59 %) hatte bereits einen Facharbeiter als Vater. Bei ungelernten Arbeitern und Angestellten war diese Rate nur etwa halb so hoch und zeigte auch keinen robusten Trend über die Zeit.

Ostdeutsche Frauen in der oberen Dienstklasse hatten ähnliche Selbstrekrutierungsraten wie ostdeutsche Männer. Diese Frauen kamen immer häufiger aus einem Elternhaus, in dem bereits der Vater in der oberen Dienstklasse war. Für die untere Dienstklasse war die Selbstrekrutierungsrate ähnlich wie bei den Männern und zeigte keine klare Entwicklung. Bei den Facharbeiterinnen war die Selbstrekrutierungsrate im neuen Jahrtausend höher als vor der Jahrtausendwende und im jüngsten Jahrzehnt auf ähnlichem Niveau wie bei den ostdeutschen Männern. Auffallend ist, dass ostdeutsche Frauen in der Facharbeiterklasse eine deutlich stärkere Selbstrekrutierung aufwiesen als westdeutsche Facharbeiterinnen (58 % im Vergleich zu 45 % im jüngsten Jahrzehnt).

Bei den ungelernten Arbeiterinnen und Angestellten in Ostdeutschland ist die Selbstrekrutierungsrate etwas niedriger als bei ostdeutschen Männern oder westdeutschen Frauen. Die Rate stieg im jüngsten Jahrzehnt wieder an, nachdem es einen massiven Rückgang im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gegeben hatte. Bei den beiden Dienstklassen gibt es keine großen Unterschiede zwischen Frauen in Ost und West.

Bei allen genannten Unterschieden im Detail zeigt sich für Ost- und Westdeutschland eine eher hohe Stabilität in den Selbstrekrutierungsraten. Eine wichtige Ausnahme hiervon ist die zunehmende Selbstrekrutierung der oberen Dienstklasse insbesondere in Ostdeutschland. Das bedeutet, dass die höchsten gesellschaftlichen Positionen in zunehmendem Maße von Personen besetzt werden, deren Eltern bereits diese vorteilhaften Positionen innehatten. Die Gruppe wurde homogener und es gab anteilig weniger Personen, die es auch mit einem anderen familiären Hintergrund in die vorteilhafteste Klasse schafften. Auch die Klasse der Facharbeiterinnen und der Facharbeiter wurde in Ostdeutschland zunehmend homogener.

Nicht nur die eigene Klassenlage, sondern auch das Risiko, arbeitslos zu werden, steht in Zusammenhang mit der sozialen Herkunft. Auch wenn die Arbeitslosigkeit in Ost und West bis 2018 merklich gesunken ist, gibt es anteilig nach wie vor mehr arbeitslose Menschen in Ostdeutschland als in Westdeutschland. Aus welchen Herkunftsklassen kommen die Arbeitslosen und zeigen sich hier auch unterschiedliche Muster zwischen Ost und West? Zusätzliche – hier nicht dargestellte – Analysen zeigen, dass von den arbeitslosen Männern und Frauen im jüngsten Jahrzehnt in Westdeutschland über zwei Drittel einen Vater aus der Facharbeiterklasse oder der Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Arbeiter und Angestellten hatten. In Ostdeutschland entstammten sogar knapp vier Fünftel der Arbeitslosen einem solchen Haushalt. Vergleicht man diese Zahlen mit dem Anteil an Menschen, deren Vater aus einer der beiden Arbeiterklassen kommt (53 % in Westdeutschland beziehungsweise 64 % in Ostdeutschland), so wird klar, dass sich in beiden Landesteilen die Gruppe der arbeitslosen Männer und Frauen überproportional stark aus den beiden Arbeiterklassen rekrutiert.

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