Nationalsozialismus

3. "Vergangenheitsbewältigung"

Im Umgang der beiden dt. Nachkriegsstaaten mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zeigen sich deutliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Für beide deutsche Staaten diente die Erinnerung an den NS, der in der → DDR immer als Faschismus bezeichnet wurde, zur normativen Abgrenzung und Legitimation der neuen Ordnung. Für die frühe BRD war die Erinnerung an die NS-Zeit Teil eines antitotalitären Grundkonsenses, der vor allem die Neubegründung eines freiheitlichen Verfassungs- und → Sozialstaates rechtfertigte. Für die DDR war dies die Grundlage eines verordneten Antifaschismus, der behauptete, mit der Errichtung einer sozialistischen Gesellschafts- und Herrschaftsordnung alle Wurzeln des Faschismus getilgt zu haben. Tatsächlich wurde damit nur eine Diktatur gegen eine andere eingetauscht. Von einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Problemen einer millionenfachen Verstrickung in das NS-Regime und den dadurch ausgeformten politischen Verhaltensmustern war man durch die bis zum Ende der DDR gültige marxistisch-leninistische Faschismusdoktrin entbunden, die die nationalsozialistische Diktatur als die Herrschaft einer kleinen Gruppe des "Monopolkapitals" über das deutsche Volk darstellte. Umgekehrt haben in der BRD eine "gewisse Zurückhaltung in der öffentlichen Thematisierung individueller oder auch institutioneller Nazi-Vergangenheiten" (Lübbe) zusammen mit den Stimmungslagen des Kalten Krieges zu einer Verdrängung der Vergangenheit beigetragen, die zwar einerseits die Integration der Mio. von Mitläufern in den neuen demokratischen Staat erlaubte, andererseits seit den 60er Jahren zu einer Belastung der → politischen Kultur der BRD wurde. Seither brach immer wieder eine heftige politisch-moralische Debatte um die NS-Vergangenheit in der Öffentlichkeit auf, die auch die geschichtswissenschaftliche Forschung berührte. Nun fanden auch die wissenschaftlichen Kontroversen um die Interpretation des NS, der so intensiv erforscht wurde wie keine andere Epoche der dt. Geschichte, eine große Resonanz in der Öffentlichkeit. Dies galt für den "Historikerstreit" von 1986/87 wie für die Diskussion über die Thesen von D. Goldhagen 1996 und die heftigen Auseinandersetzungen um die "Wehrmachtsausstellung" seit 1995. Zwar brachten diese Kontroversen wissenschaftlich keine neuen Erkenntnisse, veränderten aber das öffentliche Geschichtsbewusstsein, indem sie oft in polemischer Überzeichnung und in einer Art Schocktherapie das Wissen um die Verstrickung weiter Teile der dt. → Gesellschaft in die Ausgrenzungs- und Vernichtungspraxis des NS-Unrechtsregimes verbreiteten und die Erinnerung an die NS-Zeit zu einem Element einer negativen dt. Identität machten.


Literatur

Broszat, Martin 1984: Die Machtergreifung. Der Aufstieg der NSDAP und die Zerstörung der Weimarer Republik. München.

Frei, Norbert 1996: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München.

Herbst, Ludolf 1996: Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Frankfurt a. M.

Kershaw, Ian 1998-2000: Hitler 1889-1936; 1936-1945. Stuttgart.

Kielmannsegg, Peter Graf 1989: Lange Schatten. Vom Umgang der Deutschen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Berlin.

Thamer, Hans-Ulrich 1986: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945. Berlin.

Wildt, Michael 2008: Geschichte des Nationalsozialismus. Göttingen.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Hans-Ulrich Thamer



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