Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

Vom Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg: Wachstum und Krise


28.1.2016
Mithilfe von Zeitreihen zur Zahlungsbilanz lässt sich die deutsche Wirtschaftsgeschichte gut veranschaulichen. Die Zeit vor dem 2. Weltkrieg ist von Wachstum und Krise geprägt.

Tabelle 1 fasst die wichtigsten Teilbilanzen der Zahlungsbilanz 1883 bis 2010 zusammen, wobei alle Angaben zur besseren Vergleichbarkeit in Euro umgerechnet wurden. Im Folgenden geht der Beitrag in aller Kürze auf einige Entwicklungen ein, die wichtige wirtschaftliche und politische Zusammenhänge der deutschen Wirtschaftsgeschichte deutlich machen. Zunächst fällt auf, dass das Deutsche Reich bis in die 1920er Jahre eine durchwegs negative (passive) Handelsbilanz aufwies, zugleich aber nach Schätzungen umfangreiche Kapitalexporte und seit 1886 kontinuierlich zunehmende Devisenreserven, die jeweils mit negativem Vorzeichen verbucht werden. Da der Saldo der Zahlungsbilanz gleich Null ist, ergeben sich unter der Annahme, dass Übertragungen und Restposten vernachlässigt werden können, eine positive (aktive) Dienstleistungsbilanz und eine insgesamt aktive Leistungsbilanz für die 30 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Torp [1] schätzt, dass der größte Beitrag zu dieser positiven Dienstleistungsbilanz auf Erträge umfangreicher deutscher Direkt- und Portfolioinvestitionen im Ausland zurückzuführen ist.[2] Darin spiegelt sich der enorme wirtschaftliche Aufschwung nach der Gründerkrise bis zum Ersten Weltkrieg wider, der zu stetig steigenden Einkommen und Vermögen führte und Deutschland zum industriellen Kernland des Kontinents werden ließ. Außerdem weisen diese Daten auf ein Konfliktpotenzial mit Handelspartnern wie etwa Russland hin, die gegenüber Deutschland in einer Schuldnerposition waren. Daher versuchten diese Länder einen Überschuss ihrer Handelsbilanz mit Deutschland zu erreichen, um Kredite bedienen und Schulden abbauen zu können. Angesichts der passiven Handelsbilanz des Deutschen Reichs waren so die Handelskonflikte mit Russland (etwa der "Handelskrieg" 1893/94) klar angelegt.[3]

Abbildung 1: Salden der Leistungs-, Übertragungs-, Kapital- und DevisenbilanzAbbildung 1: Salden der Leistungs-, Übertragungs-, Kapital- und Devisenbilanz Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In der Zeit nach 1918 setzten sich diese Entwicklungen in der Handels- und Dienstleistungsbilanz zunächst fort. Bis 1929 blieb Deutschlands Handelsbilanz passiv, die Dienstleistungsbilanz dagegen aktiv. Zudem wurde aber die deutsche Leistungsbilanz durch eine deutlich negative Übertragungsbilanz und Reparationszahlungen belastet. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Reparationszahlungen offenbar nur zu einem geringen Teil aus Überschüssen der Handels- und Dienstleistungsbilanz finanziert wurden, sondern stattdessen bei einer bis 1929 insgesamt stark negativen Leistungsbilanz aus US-amerikanischen Kapitalimporten geleistet wurden. Stephen A. Schuker sprach in diesem Zusammenhang von "American Reparations to Germany". Seit 1925 wurden substanzielle Kapitalimporte registriert, die bereits 1928 zurückgingen, um dann 1931 dramatisch einzubrechen. Weitere Aspekte werden aus der Zusammenfassung der Daten in Tabelle 1 nicht deutlich, gehen aber aus Abbildung 1 hervor. Zunächst führt die Weltwirtschaftskrise zu einer außenwirtschaftlichen "Entflechtung", sichtbar an dem Schrumpfen nahezu aller Teilbilanzen. Nicht nur der Außenhandel, auch der Austausch von Dienstleistungen und grenzüberschreitende Kapitalmarktbeziehungen brachen ein. Durch die Autarkiepolitik der Nationalsozialisten wurde die Entflechtung weiter vorangetrieben. Die Devisenbilanz war in der Zwischenkriegszeit anders als im Kaiserreich überwiegend passiv, es flossen Devisen ins Ausland ab (positives Vorzeichen). Das Jahr 1931 sticht hier besonders hervor, als es zu einer regelrechten Kapitalflucht aus Deutschland kam.[4] (siehe Tab 1, Abb 1)

Tabelle 1: Zahlungsbilanz und Salden der wichtigsten TeilbilanzenTabelle 1: Zahlungsbilanz und Salden der wichtigsten Teilbilanzen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Nach dem stetigen Devisenabfluss und der Kapitalflucht 1931 befand sich das Deutsche Reich in einer akuten Devisenkrise, der man mit einem restriktiven System der Devisenbewirtschaftung zu begegnen versuchte. Dies erschwert auch die Interpretation der Zahlungsbilanz, weil etwa Einnahmeüberschüsse aus Exporten nicht mehr frei verwendet werden konnten, oder weil nach Einführung der sogenannten Transfersperre Zinsen auf Auslandsschulden nicht mehr vollständig in der Devisen- oder Kapitalbilanz verbucht wurden.[5] Nach einer kurzlebigen Verbesserung der Leistungsbilanz 1936/37 kam es 1938 erneut zur Krise, hervorgerufen durch den internationalen Konjunktureinbruch von 1938. Mit dem "Anschluss" Österreichs zeigte sich dann erstmals ein Phänomen, dass die deutsche Zahlungsbilanz in den Kriegsjahren kennzeichnen sollte, nämlich der substanzielle Zufluss von Kapital und Devisen aus Nachbarländern. Zwar geht aus der Kapitalbilanz für 1938 ein Netto-Abfluss an das Ausland hervor, der im Wesentlichen durch das Defizit der Leistungsbilanz hervorgerufen wurde. Aber durch die Vereinnahmung der Gold- und Devisenbestände der österreichischen Nationalbank und den Einzug privater Bestände konnten die Devisenbestände der Reichsbank trotz der passiven Leistungsbilanz sogar gesteigert werden. Ritschl [6] zeigt, dass die umfangreiche Beschlagnahmung von Vermögen aus Frankreich, Polen und anderen Staaten einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Zahlungsbilanz während des Krieges lieferte.


Fußnoten

1.
Cornelius Torp: Die Herausforderung der Globalisierung: Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860 –1914, Göttingen 2005.
2.
Torp (Anm. 1), S. 71 folgt den Schätzungen von Karl Helfferich: Deutschlands Volkswohlstand 1888–1913, Berlin 1913, S. 112, ergänzt um eine nicht näher erläuterte Schätzung von Direktinvestitionen. Siehe dazu Friedrich Lenz: Wesen und Struktur des deutschen Kapitalexports vor 1914, in: Weltwirtschaftliches Archiv, 18 (1922), 1, S. 42 – 54.
3.
Vgl. Torp (Anm. 1), S.73.
4.
Siehe dazu Harold James: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise, Stuttgart 1988, S. 298ff.
5.
Zu diesen Zusammenhängen siehe vor allem Albrecht Ritschl: Die deutsche Zahlungsbilanz 1936 –1941 und das Problem des Devisenmangels vor Kriegsbeginn, Vierteljahreshefte zur Zeitgeschichte, 39 (1991), 1, S. 103–123.
6.
Ebd.
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