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Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Thomas Rahlf

Geschichte und Statistik

Der Wert statistischer Betrachtungen gilt heutzutage als unbestreitbar, auch wenn gewisse Gefahren damit einhergehen können. Bereits in der Vergangenheit wurde kontrovers die Verwendung quantitativer Methoden und deren Aussagekraft in den Geisteswissenschaften debattiert.

1863 fragte sich Johann Gustav Droysen, was die Geschichte in den Rang einer Wissenschaft erhebe. Anlass dafür war eine Publikation von Henry Thomas Buckle, die wenige Jahre zuvor erschienen war und ein immenses Publikumsinteresse hervorrief. Buckle unternahm in seiner zweibändigen "History of Civilization in England" den Versuch, die Geschichte des Landes mit naturwissenschaftlichen Methoden zu erklären. Nicht nur das: Ausschließlich diese Vorgehensweise ermögliche es, so Buckle, die auch für die Geschichte geltenden, unwandelbaren und allgemeinen Gesetze zu formulieren. Die Statistik spielte bei seinem Ansatz eine wesentliche Rolle. Droysen nahm sich die Argumente Buckles in seiner Besprechung in der Historischen Zeitschrift im Einzelnen vor.[1] Seine Einwände gegen dessen Anwendung der Statistik veranschaulichte er an einem Beispiel:

"Mag immerhin die Statistik zeigen, daß in dem bestimmten Lande so und so viele uneheliche Geburten vorkommen, […] daß unter tausend Mädchen 20, 30, wie viele es denn sind, unverheiratet gebären, – jeder einzelne Fall der Art hat seine Geschichte und wie oft eine rührende und erschütternde, und von diesen 20, 30 Gefallenen wird schwerlich auch nur eine sich damit beruhigen, daß das statistische Gesetz ihren Fall ,erkläre‘;"[2]

Nun könnte man meinen, es handele sich hierbei um einen rein akademischen Disput zweier gelehrter Männer, aber das war mitnichten so. Im Grunde genommen hat die Frage nach der Bedeutung der Statistik – auch wenn es seither vermutlich nicht mehr so formuliert worden ist – in den folgenden 150 Jahren die Gemüter vielfach entzweit – und sie fiel in eine Aufbruchsphase, deren Dynamik bis heute beeindruckend ist.[3]

Buckle sah sich in der Tradition des Belgischen Statistikers und Astronomen Adolphe Quetelet. Zwischen 1827 und 1835 untersuchte Quetelet eine Vielzahl von statistischen Daten in Form von Tabellen und Grafiken: Geburts- und Todesraten in Abhängigkeit von den Monaten und der Temperatur, den Zusammenhang von Mortalität, Berufen und Orten, in Gefängnissen und Krankenhäusern usw. Seine Erkenntnisse resultierten schließlich 1835 in einer ersten Buchaus­gabe seiner "Physique sociale", die ihm internationale Beachtung als Sozialwissenschaftler einbrachte. Zu seinen größten Bewunderern zählte Ernst Engel, von 1850 bis 1858 Leiter des neu geschaffenen Statistischen Büros des königlichen Ministeriums des Innern in Sachsen und von 1860 bis 1882 Direktor des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus. Ernst Engel gestaltete die Entwicklung der amtlichen Statistik in Deutschland maßgeblich mit. Seine Auffassung über die Bedeutung statistischer Gesetzmäßigkeiten wurde aber in der amtlichen Statistik nicht von jedermann geteilt. Einig war man sich jedoch über die Notwendigkeit des Erhebens, Auswertens und Publizierens entsprechender Daten.

Mit der Institutionalisierung der amtlichen Statistik ging eine wahre Publikationsflut einher. Statistik wurde auf Drängen der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit, dank des Engagements einzelner Amtsleiter und schließlich auch durch aufgeschlossene Mitglieder verschiedener Herrschaftshäuser von einer geheimen Staats- zu einer öffentlichen ­Angelegenheit.[4] Während ausgesuchte Tabellen zunächst in ­Regierungsblättern oder Almanachen ihren Platz fanden,[5] wurden ab der Jahrhundertmitte in Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg und andernorts eigene Publikations­or­gane ins Leben gerufen.[6] Alleine von der "Preußischen ­Sta­tistik" wurden zwischen 1861 und 1934 nicht weniger als 305 Bände publiziert. Auf Reichsebene wurde 1873, ein Jahr nach Gründung des Kaiserlichen Statistischen Amtes, die "Statistik des Deutschen Reichs" als offizielle Publikationsreihe begründet. 1880 erschien, ergänzend dazu, das erste "Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich". Zu diesem Zeitpunkt zählte die "Statistik" schon 40 Bände. Als sie drei Jahre später durch die "Neue Folge" abgelöst wurde, waren bereits in 63 Bänden rund 40 000 Seiten veröffentlicht. Die "Neue Folge" sollte es bis 1944 dann auf nicht weniger als 601 Bände bringen.

Basis der Veröffentlichungen bildete ein stetig wachsendes Programm eigenständiger Großzählungen (Volks-, Berufs-, Betriebs-, Gewerbezählungen etc.) sowie von Statistiken, die aus laufenden Verwaltungsvorgängen heraus erhoben wurden, oder solcher, die die amtliche Statistik von anderen Datenproduzenten übernahm.[7] Ein Großteil dieses Produktions- und Publikationseifers entsprang wirtschafts- und sozialpolitischen Ambitionen, doch lassen sich politisches und wissenschaftliches Erkenntnisinteresse nicht klar trennen.[8] Ernst Engel beließ es nicht bei der Zusammenstellung von Statistiken, sondern sah seine Aufgabe vor allem in deren Analyse. Ähnliches gilt für Georg von Mayr, 1869 bis 1879 Leiter des Bayerischen Statistischen Bureaus und gleichzeitig außerordentlicher Professor an der Staatswirtschaftlichen Fakultät der Universität München. Mayr verfasste ein Werk über die "Gesetzmäßigkeit im Gesellschaftsleben" (1877), vor allem aber das zwischen 1895 und 1917 herausgegebene dreibändige opus magnum "Statistik und Gesellschaftslehre", eine "monumentale Anhäufung von Zahlenreihen über jedes denkbare Thema".[9] Im Vergleich zu Engel sah Mayr aber die statistischen Gesetze viel stärker räumlichen und zeitlichen Einschränkungen unterworfen. Parallel zur amtlichen Statistik, aber weitgehend unter ihrer Beteiligung, gründete man auch eine ganze Reihe wissenschaftlicher Vereine und Zeitschriften, die sich systematisch oder gar ausschließlich wirtschafts- und sozialstatistischen Fragestellungen widmeten.[10] Schließlich wurden, ergänzend zur amtlichen Statistik, eigene Erhebungen (Enqueten) durchgeführt oder das mannigfaltig gewachsene, amtliche Material retrospektiv aufbereitet.[11]

Material war also in Hülle und Fülle vorhanden. An seiner Auswertung schieden sich jedoch nicht nur die Geister von Engel und Mayr. Überwiegend Einigkeit herrschte darüber, dass eine weit in die Vergangenheit zurückreichende, statistische Betrachtung einschließlich eines darauf aufbauenden Postulierens universaler Gesetzmäßigkeiten kaum den Kriterien einer wie auch immer verstandenen Wissenschaft genügen würde. Umstrittener war dagegen, inwieweit historische Studien generell mit statistischen Daten umgehen sollten und bis zu welchem Grad eine statistische Analyse eben auch historisch zu sein habe.

Man würde Droysen Unrecht tun, unterstellte man ihm eine generelle Ablehnung quantifizierender Methoden und statistischer Untersuchungen,[12] aber die sich etablierende, sich insbesondere auf ihn berufende Geschichtswissenschaft entfernte sich zunehmend von der Statistik. Statistik sah man hier grundsätzlich als für historische Fragestellungen ungeeignet an. Differenzierter urteilte die sogenannte jüngere historische Schule der Nationalökonomie, insbesondere ihr Hauptvertreter Gustav Schmoller. Statistiken waren für ihn unumgänglich, aber Gesetze im Sinne Quetelets und seiner Nachfolger lehnte er ebenso ab wie universale ökonomische Gesetze und betonte dagegen die Zeit- und Ortsgebundenheit von Massenphänomenen in der Gesellschaft: "Wir dürfen, wenn wir nach dem historischen Fortschritt suchen, nicht übersehen, daß nur ein sehr kleiner Teil des geistigsittlichen Lebens der Völker eine statistische Beobachtung zulässt, daß eine gewisse Konstanz auf den paar beobachteten Punkten die größten anderweitigen Aenderungen auf dem umfangreichen übrigen Gebiete nicht ausschließt."[13] Noch 1911, 40 Jahre später, schrieb er in seinem Beitrag "Volkswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und -methode" im "Handwörterbuch der Staatswissenschaften", dass solche statistischen Regelmäßigkeiten jedoch nicht überbewertet werden dürften, wie dies etwa durch Quetelet oder Buckle geschehen sei.[14]

Die Abgewogenheit derartiger Urteile übersah man zu dieser Zeit aber bereits. Die Ökonomie wurde zunehmend theoretisch, die Soziologie gegenwartsbezogen, die Geschichtswissenschaft ereignisorientiert. Eine Verbindung von Geschichte und Statistik galt als gemeinhin diskreditiert.[15] Abgesehen von wenigen Randgebieten wurde in Deutschland erst wieder in den 1970er Jahren, nun aus dem Ausland in­spiriert, in größerem Rahmen und mit breiterem Anspruch eine quantitative Geschichtswissenschaft betrieben. Diese schoss teilweise über das Ziel hinaus, wenn sie Problemauswahl und Themendefinition von den Quantifizierungsmöglichkeiten her auslotete. Rückblickend betrachtet darf man aber festhalten, dass zum einen der Verallgemeinerungsanspruch der konkreten Ergebnisse in aller Regel erheblich geringer ausfiel als etwa bei Buckle, die Kritiker der Statistik andererseits weitaus ablehnender gegenüber standen, als es zum Beispiel bei Droysen der Fall war.

In den letzten Jahren ist das Klima in der Wissenschaftslandschaft ideologisch deutlich entspannter geworden. Die Soziologie zeigt, von Ausnahmen abgesehen, ein eher geringes Interesse an historisch-statistischen Daten, dagegen sind die Berührungsängste zwischen der theoretischen Ökonomie und der Wirtschaftsgeschichte wieder geringer geworden. Die Verwendung statistischer Daten in der Geschichtswissenschaft wird heute weder verteufelt noch glorifiziert.

Um es in Droysens Worten zu sagen: "Es wird keinem Verständigen einfallen zu bestreiten, daß auch die statistische Betrachtungsweise der menschlichen Dinge ihren großen Werth habe; aber man muss nicht vergessen, was sie leisten kann und leisten will."[16]

Fußnoten

1.
Johann Gustav Droysen: Die Erhebung der Geschichte zum Rang ­einer Wissenschaft, in: Historische Zeitschrift, 9 (1863), S. 1– 22.
2.
Ebd., S. 14.
3.
Zum konzeptionellen Aspekt ausführlich Thomas Rahlf: Deskription und Inferenz. Methodologische Konzepte in der Statistik und Ökonometrie (= Historical Social Research Supplement 9), Köln 1998.
4.
Zur Vorgeschichte jetzt Lars Behrisch: Die Berechnung der Glückseligkeit. Statistik und Politik in Deutschland und Frankreich im späten Ancien Régime (= Beihefte der Francia 78), Ostfildern 2015.
5.
Wieland Sachse: Die publizierte Statistik bis um 1860, in: Wolfram ­Fischer/Andreas Kunz (Hrsg.): Grundlagen der Historischen Statistik von Deutschland. Quellen, Methoden, Forschungsziele (Schriften des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Univer­sität Berlin 65), Opladen 1991, S. 3 –14.
6.
In Preußen etwa die "Tabellen und amtliche Nachrichten über den Preußischen Staat“ (ab 1851 herausgegeben vom Statistischen Bureau zu Berlin), die "Zeitschrift des Königlich Preussischen Statistischen Bureaus" (ab 1861) sowie die "Preußische Statistik" als "Amt­liches Quellenwerk", herausgegeben in zwanglosen Heften vom Königlich Preußischen Statistischen Landesamt. In Bayern erschienen die "Beyträge zur Statistik des Königreichs Bayern" (ab 1850), die "Zeitschrift des Königlich-Bayerischen Statistischen Bureaus" (ab 1869) sowie ab 1894 das "Statistische Jahrbuch für das Königreich Bayern", in Sachsen das "Jahrbuch für Statistik und Staatswirtschaft des Königreichs Sachsen" (ab 1853) sowie die "Zeitschrift des Statistischen Bureaus" (ab 1855).
7.
Bis heute verfügen wir über keine moderne, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Gesamtdarstellung des Programms der amtlichen Statistik. Nach wie vor unverzichtbar ist der Überblick von Gerhard Fürst: Wandlungen im Programm und in den Aufgaben der amtlichen Statistik in den letzten 100 Jahren, in: Statistisches Bundes­amt (Hrsg.): Bevölkerung und Wirtschaft 1872 –1972, Stuttgart/Mainz 1972, S. 13 – 83 sowie ders.: 100 Jahre Reichs- und Bundes­statistik. Gedanken und Erinnerungen, in: Allgemeines Statistisches Archiv, 56 (1972), S. 336 – 363.
8.
Beispielhaft für Preußen Michael C. Schneider: Wissensproduktion im Staat. Das königlich preußische statistische Bureau 1860 ‒1914, Frankfurt a. M. 2013. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Adam Tooze: Statistics and German State 1900-1945: The Making of Modern Economic Knowledge (= Cambridge Studies in Modern Economic ­History 9), Cambridge 2001.
9.
Anthony Oberschall: Empirische Sozialforschung in Deutschland 1848‒1914 (Alber-Reihe Kommunikation 21), Freiburg/München 1997, S. 93.
10.
1873 der Verein für Socialpolitik, 1909 die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, zwei Jahre später die Deutsche Statistische Gesellschaft, bereits 1863 die "Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik" (in neuer Folge 1880), 1877 das "Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche" (das spätere "Schmollers Jahrbuch"), 1890 das "Allgemeine Statistische Archiv".
11.
Siehe ebd.
12.
Christian-Georg Schuppe: Der andere Droysen: neue Aspekte seiner Theorie der Geschichtswissenschaft (= Studien zur modernen Geschichte 51), Stuttgart 1998, S. 64ff.; Arthur Alfaix Assis: What Is History For?: Johann Gustav Droysen and the Functions of Historiography, New York u.a. 2014.
13.
Gustav Schmoller: Ueber die Resultate der Bevölkerungs- und ­Moral-Statistik. Vortrag (= Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, VI/123), Berlin 1871, S. 23.
14.
Ebd.
15.
Die Entwicklungen dieser Jahre und der Folgezeit mit ihren Differenzierungen, erbitterten Auseinandersetzungen und Schulenbildungen sind umfassend erforscht worden. Vgl. hierzu die in Thomas Rahlf: Voraussetzungen für eine Historische Statistik von Deutschland (19./20. Jahrhundert), in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 101/3 (2014), S. 322 – 352 angegebene Literatur, insbes. Anm. 58, 79. Zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte überblicksartig Jürgen Kocka: Historische Sozialwissenschaften zu Anfang des 21. Jahrhunderts, in: ders.: Arbeiten an der Geschichte. Gesellschaftlicher Wandel im 19. und 20. Jahrhundert (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 200), Göttingen 2011, S. 78 – 93; Josef Mooser: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Historische Sozialwissenschaft, Gesellschaftsgeschichte, in: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs, 3. Aufl., Reinbek 2007, S. 568 – 591; Benjamin Ziemann: Sozialgeschichte und Empirische Sozialforschung. Überlegungen zum Kontext und zum Ende einer Romanze, in: Pascal Maeder/Barbara Lüthi/Thomas Mergel (Hrsg.): Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch, Göttingen 2012, S. 131 –150.
16.
Droysen (Anm. 1), S. 14. Droysen hatte im Übrigen Schmollers Leistung durchaus anerkannt. Vgl. Wolfgang Neugebauer: "Großforschung" und Teleologie. Johann Gustav Droysen und die editorischen Projekte seit den 1860er Jahren, in: Stefan Rebenich/Hans-Ulrich Wiemer (Hrsg.): Johann Gustav Droysen: Philosophie und Politik – ­Historie und Philologie, Frankfurt a. M. 2012, S. 261– 292, hier S. 283; Assis (Anm. 12), S. 92.
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