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28.1.2016 | Von:
Heike Wolter
Bernd Wedemeyer-Kolwe

Theater: Vom Spiegel der Volksseele zum Musentempel

Lange Zeit waren Theater vor allem private Einrichtungen. Erst in der Weimarer Republik wurden Theater zunehmend aus öffentlichen Töpfen finanziert.

Das Theater entwickelte sich im 19. Jahrhundert vom Hoftheater zum Geschäftstheater. Besonders augenfällig war wegen der Zersplitterung des deutschen Territoriums die hohe Theaterdichte. Ab 1869 wurden Theater als Gewerbe verstanden, in der Folge wurden mehr und mehr Konzessionen vergeben. Die Neugründungen waren teilweise privat finanziert, noch immer aber machten subventionierte kommunale oder staatliche Theater einen ebenso gewichtigen Teil aus. Das Theater war gleichwohl mehr als nur Unterhaltungsmedium, sondern behielt – je nach politischem und gesellschaftlichem Willen im Wandel der Jahrzehnte – seinen Charakter als anregende Störung, als Ort der nationalen Bildung, als Volksbühne. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert setzte ein zunächst ungebrochenes Bewusstsein von Modernität und Andersartigkeit ein, das zu einem stürmischen Wechsel der Stile und zur Erschließung neuer Besuchergruppen führte.

Tabelle 3: Kinos, Theater und BibliothekenTabelle 3: Kinos, Theater und Bibliotheken Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In der Weimarer Republik wurden Theater zunehmend von der öffentlichen Hand übernommen. Als Theatermetropole galt Berlin. Ab etwa 1930 machte sich die zunehmende Verbreitung der Kinos deutlich bemerkbar, wodurch zwischen Ende der 1920er und Mitte der 1930er Jahre ein großes Theatersterben einsetzte, das sich auch in der abnehmenden Zahl der Sitzplätze zeigte. (siehe Tab 3)

Im Nationalsozialismus stagnierte die Entwicklung zunächst und kehrte sich sogar um, da das Theater als Ort der Erziehung sowohl staatlich geschützt als auch gleichgeschaltet und propagandistischen Erfordernissen unterworfen wurde. Die Subventionen stiegen, zudem wurden große Kartenkontingente fest im Rahmen von organisations- und parteigebundenen Massenveranstaltungen vergeben. Die umfangreiche Zensur veränderte den Spielplan. Operetten und Lustspiele sollten zudem vor allem ab Kriegsbeginn Ablenkung verschaffen. Erst im September 1944 wurde der Spielbetrieb der in der Reichstheaterkammer organisierten Häuser eingestellt.

In der SBZ und später in der DDR galt das vorrangige Interesse der Inszenierung von Stücken, die den Aufbau des Sozialismus stützten. Zu diesem Zweck wurden die wieder aufgebauten oder neu geschaffenen Bühnen stark subventioniert. Die Preise fielen und breite Bevölkerungsschichten wandten sich dem Theater zu, das aber durch die Medienkonkurrenz spürbare Einschnitte hinnehmen musste. Nach dem Höhepunkt mit 17,9 Millionen Theaterbesucherinnen und -besuchern im Jahr 1956 ging die Besucherzahl kontinuierlich zurück. Teilweise etablierte das Theater eine subtile Kritikkultur, die nicht immer hingenommen wurde und zum Exodus zahlreicher Theaterschaffender führte. Die für die DDR propagierte "Bühnenrepublik" diente der Bildung sozialistischer Persönlichkeiten, gleiches sollten Laienspielgruppen und Arbeiterfestspiele erreichen. Der Erfolg dieser Bemühungen war begrenzt. (siehe Tab 3, Abb 4)

Abbildung 4: TheaterbesucheAbbildung 4: Theaterbesuche Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In den westlichen Besatzungszonen galt es in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Theater im Sinne einer Re-Education auch baulich rasch wieder zu errichten. Hinzu kam, dass es die Menschen nach Kultur hungerte; der an traditionellen, klassischen Stücken ausgerichtete Publikumsgeschmack wollte bedient werden. Die Besucherzahlen stiegen bis 1958, blieben fast ein Jahrzehnt etwa konstant, danach begann der langsame und in den 1980er Jahren raschere Abstieg.

Dieser Besucherrückgang setzte sich auch nach der Wiedervereinigung bis in die Gegenwart fort. Demografische Umbrüche und die vorhandene Medienvielfalt haben daran bis heute entscheidenden Anteil. Die eventorientierten Theater, zumeist privat betrieben, allen voran die Musicaltheater sowie die Kinder- und Jugendtheater, verzeichnen in den letzten Jahren hingegen einen Boom.

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