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28.1.2016 | Von:
Heike Wolter
Bernd Wedemeyer-Kolwe

Tourismus: Von der Sommerfrische zum touristischen Take-off

Norderney statt Mallorca: In den Anfängen des modernen Tourismus waren die Nord- und Ostseeküste bei vielen Deutschen besonders beliebt.

Wesentliche Bedingungen für Tourismus sind freie Zeit, verfügbares Einkommen und eine Urlaubsregelung für Berufstätige. All dies war im 19. Jahrhundert nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung gegeben. Reisen galt lange Zeit entweder als privates Vergnügungs- oder als Bildungsunternehmen.

Tabelle 4: Tourismus (1)Tabelle 4: Tourismus (1) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Erholung stand zunächst, wenn überhaupt, unter der Prämisse, die Arbeitskraft wieder herzustellen. Die rasante technische Entwicklung beförderte jedoch den Ortswechsel: Eisenbahn und Dampfschiff konnten Menschen rasch, preiswert und in großer Zahl transportieren. Im Kaiserreich wurde die Sommerfrische für den Adel und wohlhabende bürgerliche Kreise zu einer Selbstverständlichkeit. Es entstanden erste traditionelle Tourismusregionen, besonders in den Alpen und an Nord- und Ostsee. (siehe Tab 4) Um die Jahrhundertwende setzten sich nach und nach bescheidene Urlaubsregelungen durch. Viele Menschen reisten trotzdem vor allem nur kurz an Wochenenden und Feiertagen, doch insgesamt stieg die Reiseintensität enorm. Der Erste Weltkrieg bremste dann zunächst die touristische Weiterentwicklung.

Tabelle 5: Tourismus (2)Tabelle 5: Tourismus (2) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In der Weimarer Republik entfaltete sich der Tourismus weiter, hin zu einem Massenphänomen. Verkehrstechnisch wurden immer mehr Gegenden erschlossen, ein Großteil der Arbeitnehmer konnte Urlaubsregelungen für sich geltend machen, Gewerkschaften und einige Parteien förderten den sogenannten "Sozialtourismus" für Arbeiter und Angestellte. Die touristische Entwicklung blieb allerdings stark an konjunkturelle Bedingungen gebunden. So lag etwa die Zahl der Gästemeldungen während der Inflation 1923 mit 7,3 Millionen deutlich unter dem Wert von 10,3 Millionen für 1922. (siehe Tab 5, Abb 6)


Tabelle 6: Tourismus in der DDRTabelle 6: Tourismus in der DDR Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Im Nationalsozialismus wurde das Reisen politisch instrumentalisiert und reglementiert. Die 1 000-Mark-Sperre gegenüber Österreich zwischen 1933 und 1936 beispielsweise sollte die österreichische Tourismuswirtschaft zugunsten der deutschen schwächen. Dies belegen starke Zuwächse bei den Gästemeldungen in Bad Reichenhall, wo 157 000 Gästen 1933 283 000 Gäste 1937 gegenüberstehen. (siehe Tab 4)

Im Zuge einer propagandistisch gebundenen Sozialpolitik waren Reisen weiterhin ein – sich intensivierendes – Massenphänomen. Die Zahl der Übernachtungen in Deutschland stieg von 49,2 Millionen 1932 auf 114,8 Millionen 1938. Dazu trugen auch NS-Organisationen bei, insbesondere "Kraft durch Freude" (KdF), die Arbeitern und Angestellten In- und Auslandsreisen zu günstigen Preisen ermöglichten. Kriegsbedingt sanken touristische(s) Angebot und Nachfrage stark ab. (siehe Tab 5)

Abbildung 6: GästemeldungenAbbildung 6: Gästemeldungen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Bereits unmittelbar nach dem Krieg setzte sich der Aufschwung des Tourismus fort. Er gewann sogar noch an Dynamik, im Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre sprach man von einer Reisewelle oder einem "touristischen Take-off". Dies belegt der Zuwachs bei der Bettenzahl von 1952 bis 1966 um 175 Prozent. Mit der raschen Motorisierung stieg die Zahl der Individualreisen stark an. Aber auch das Interesse an und die Kaufkraft für organisierte Reisen nahmen zu. Es entfaltete sich der Prototyp des Pauschaltourismus: standardisiert, in Serie und massenhaft vertrieben. Neben die inländischen Traditionsorte traten zunehmend nachgefragte Fernziele. Die Krisenerscheinungen der 1970er Jahre konnten den kontinuierlichen Anstieg – vor allem im Auslandsreiseverkehr – nur kurz bremsen. Die Reiseintensität und damit auch die Übernachtungszahlen stiegen weiter, allerdings ab den 1980er Jahren nicht mehr vorrangig im Inland.

Tourismus in der DDR fand unter gänzlich anderen Vorzeichen statt. Während im Inland durch den vorherrschenden, staatlich organisierten und hoch subventionierten Sozialtourismus die Reiseintensität beträchtlich stieg, waren DDR-Bürgern die meisten ausländischen Ziele versperrt. Trotzdem waren wesentliche Entwicklungen des Tourismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch in der DDR spürbar, so der Wiederaufbau nach dem Krieg und der touristische Take­off in den 1950er und 1960er Jahren. In der Tabelle nicht sichtbar ist die nachweisbare, allerdings statistisch nicht verlässlich erfasste Internationalisierung der Reiseverkehrsströme, vor allem die zunehmenden Auslandsreisen von DDR-Bürgern, zumeist in die sogenannten "sozialistischen Bruderländer". (siehe Tab 6)

Im vereinigten Deutschland ist vor allem in den letzten Jahren eine starke Ausdifferenzierung zu beobachten: Bedingt durch mehrere Faktoren, besonders die Globalisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, verändert sich der Tourismus, durch zunehmende Individualisierung expandiert das Spektrum des Angebots. Innerhalb Deutschlands gibt es nach wie vor besonders beliebte Ziele, nicht jeder Traditionsort aber konnte die touristische Nachfrage – sichtbar an Gästemeldungen und Übernachtungen – festigen oder ausbauen. Im aufnehmenden Tourismus ist hingegen offensichtlich, dass Deutschland ein beliebtes Reiseziel ist, das seine Attraktivität in den letzten Jahren zudem deutlich stärken konnte. Die Zahlen der Übernachtungen und Meldungen von Gästen aus dem Ausland verdoppelten sich von 1996 bis 2011 nahezu. (siehe Tab 4, Tab 5)

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