Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Alfred Reckendrees

Unternehmen

Unternehmen gibt es in unterschiedlichen Rechtsformen. In historischen Statistiken fanden aber vor allem die Kapitalgesellschaften Beachtung. Diese Daten bieten eine Grundlage zur Rekonstruktion einer Geschichte der deutschen Volkswirtschaft seit dem 19. Jahrhundert.

Unternehmen haben vielfältige (Rechts-) Formen, die meisten sind Einzelunternehmen oder offene Handelsgesellschaften bzw. Gesellschaften bürgerlichen Rechts, in denen sich natürliche Personen zusammenschließen. Doch nur Kapitalgesellschaften (und in der Zwischenkriegszeit auch Genossenschaften) fanden in der Statistik größere Beachtung. Denn Aktiengesellschaften (AG), Kommanditgesellschaften auf Aktien (KGaA) und Gesellschaften mit begrenzter Haftung (GmbH) sind meist größere Unternehmen, für die leichter Daten zu erheben sind. Daher spielen sie auch in der Volkswirtschaft eine wichtigere Rolle. In Kapitalgesellschaften finden sich mehrere Eigentümer (Aktionäre oder Gesellschafter) zusammen, wenn die erforderlichen Investitionen für Einzelne zu hoch sind, oder wenn einzelne Personen das mit solchen Investitionen verbundene Risiko nicht allein tragen wollen. Zudem ist die Haftung der Beteiligten auf den Anteil am Stammkapital bzw. die Erwerbskosten der Aktien begrenzt.[1] Kapitalgesellschaften sind darüber hinaus theoretisch "unsterblich"; weder das Ausscheiden noch der Tod eines Gesellschafters betrifft ein solches Unternehmen juristisch, denn Aktien oder Anteile können vererbt oder verkauft werden. Zudem müssen sich die Eigentümer nicht am Geschäft beteiligen, sondern sie können Angestellte mit der Geschäftsführung beauftragen.

Die Institution der Kapitalgesellschaft hat sich in Deutschland sehr langsam während des 19. Jahrhunderts durchgesetzt. Zunächst wurden AGs gegründet (allerdings in sehr viel geringerer Zahl als in England oder den USA). Vor allem für Versicherungen, Eisenbahn- oder Schifffahrtsgesellschaften war die begrenzte Haftung interessant. Preußen erlebte in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine erste "Gründungswelle" von AGs im Kohlebergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie, dennoch erreichte die Gesamtzahl nur wenige hundert Gesellschaften. Denn für die Gründung war in den deutschen Staaten eine Genehmigung oder Konzession der Regierung erforderlich (in Preußen des Königs), und die Vorbehalte gegen AGs waren lange Zeit groß, da sie das ursprüngliche Gewerbe gefährden und den "Spekulationsgeist" regen würden.

Tabelle 2: Aktiengesellschaft und Gesellschaften mit beschränkter HaftungTabelle 2: Aktiengesellschaft und Gesellschaften mit beschränkter Haftung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In gewisser Weise war diese Skepsis berechtigt, denn nachdem der Konzessionszwang 1870 aufgehoben worden war, herrschte Euphorie an den Börsen, und in nur drei Jahren wurden 928 AGs gegründet.[2] Doch bald zerplatzte die Aktienblase, worauf die "Gründerkrise" folgte. Aufgrund dieser Erfahrung wurde das Aktienrecht novelliert; unter anderem sollten höhere Kapitaleinzahlungen der Gründer die Wiederholung hochspekulativer Gründungen verhindern. 1892 wurde die Gründung von Gesellschaften mit begrenzter Haftung (GmbH) gesetzlich ermöglicht, in denen, wie bei Aktiengesellschaften, die Haftung auf die Höhe der Kapitalbeteiligung begrenzt war. Jedoch konnten die Anteile an einer GmbH nicht an der Börse gehandelt werden, zugleich bestanden für GmbHs geringere Veröffentlichungspflichten. In kurzer Zeit wurden tausende neuer GmbHs gegründet, sodass 1913 fast fünfmal so viele GmbHs wie AGs bestanden.

Die deutsche Statistik berücksichtigt AGs erst seit 1906 und GmbHs seit 1909. Sie berichtet nicht nur über die Zahl der Gründungen, sondern auch über Geschäftseinstellungen und erlaubt daher für etwa 90 Jahre, bis deren Erfassung 1994 eingestellt wurde, einen Überblick über die bestehenden Gesellschaften. Seither berichtete nur noch das Deutsche Aktieninstitut zusammenfassend über die deutschen AGs. (siehe Tab 2) Einen neuen Aufschwung erlebten die Kapitalgesellschaften in den Anfangsjahren der Weimarer Republik. Dazu trug auch die Inflation bei, da die Aktie einen Sachwert darstellte, während der Kaufpreis durch den Wertverlust der Mark schnell bedeutungslos wurde. Doch erneut brachen bald viele der neuen Gesellschaften zusammen, diesmal wegen der Stabilisierung der Währung. Zahlreiche Unternehmenszusammenschlüsse taten ein Übriges.

Selbst in dieser historischen Hochphase war die Zahl der AGs in Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten noch immer gering.[3] Über die Gründe besteht in der Forschung keine Einigkeit. Viele Autoren sind der Ansicht, dass das Aktienrecht Kleinaktionäre benachteiligte. Die Zahl der Aktionäre sei in Deutschland gering gewesen, weil der Nominalwert einer Aktie im Kaiserreich mindestens 1 000 Mark betrug. Die Minderheitenrechte kleiner Aktionäre reichten gegenüber Großaktionären und Banken (wegen des Depotstimmrechts) nicht aus. Zudem bevorzugte das Konkursrecht die Kreditgeber gegenüber Kapitaleigentümern. So blieb der Aktienmarkt für viele uninteressant und gegenüber den USA oder Großbritannien relativ klein, und Unternehmen nahmen eher Kredite auf, als Aktien auszugeben. Ein ebenso wichtiger Faktor war die große Zahl von Familienunternehmen und die Möglichkeit der Haftungsbegrenzung durch die Gründung einer GmbH. In jedem Fall hat der Nationalsozialismus sich sehr negativ auf Kapitalgesellschaften ausgewirkt, nicht nur wegen der Kriegsverluste. In nur sechs Jahren zwischen 1933 und 1939 wurden 43 Prozent der AGs und der GmbHs aufgelöst oder wieder in Personengesellschaften umgewandelt. Dazu trug auch die Beschränkung der möglichen Gewinnausschüttung einer AG auf 4 Prozent Dividende bei.

Tabelle 3: Bilanzen der AktiengesellschaftenTabelle 3: Bilanzen der Aktiengesellschaften Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Leider sagt die Statistik nur wenig über die Erträge und die Gewinnausschüttungen der AGs aus. Der Anteil der ausgewerteten Bilanzen schwankte von Jahr zu Jahr und lag zwischen 22 (1929) und 88 Prozent (1908); in der Bundesrepublik wurden 40 bis 65 Prozent der Bilanzen ausgewertet. Es handelte sich jedoch nicht immer um dieselben Unternehmen. Die präsentierten Daten haben daher nur eingeschränkte Aussagekraft, doch sie entsprechen der wirtschaftshistorischen Forschung zur Dividendenrendite der Aktiengesellschaften weitgehend. Gemessen am Eigenkapital (das Grundkapital plus Reserven oder Rücklagen des Unternehmens) bewegte sich die durchschnittlich ausgezahlte Dividende der erfassten Gesellschaften vor dem Ersten Weltkrieg zwischen 6 und 7 Prozent[4]. Demgegenüber war die Zwischenkriegszeit weniger freundlich zu den Aktionären. In der jungen Bundesrepublik hielten sich die Unternehmen zunächst mit der Ausschüttung von Dividenden zurück, Gewinne wurden stattdessen in einem hohen Maß reinvestiert und im Gegenzug hielten sich die Gewerkschaften mit Lohnforderungen zurück. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre erreichten die Dividenden wieder das Niveau des Kaiserreichs, doch seither schwanken die Ausschüttungen erheblich. In den 1970er Jahren lagen sie sogar unter der Inflationsrate. (siehe Tab 3)

Die alte Bundesrepublik erlebte keine neue Aktienwelle, allerdings wählten immer mehr Unternehmen die Rechtsform der GmbH oder der GmbH & Co. KG (eine Personengesellschaft mit einer GmbH als haftendem Gesellschafter). Vor allem Handel und Dienstleistungen, aber auch Familienunternehmen nutzen diese Form, die keine Veröffentlichung von Bilanzen und Geschäftsberichten erfordert. Die Finanzierung über den Aktienmarkt war für die meisten Unternehmen in dieser Zeit nicht notwendig, da Banken bereitwillig langfristige Kredite bereitstellten, was sich auch an der seit 1949 schrumpfenden Eigenkapitalquote der Aktiengesellschaften zeigt. Allerdings erschien möglichen Investoren wohl auch die Gewinnausschüttung in der Regel wenig interessant. (siehe Abb 1)

Abbildung 1: Eigenkapitalquote und Dividenden der AktiengesellschaftenAbbildung 1: Eigenkapitalquote und Dividenden der Aktiengesellschaften Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Vor dem Hintergrund der Globalisierung und der Shareholder-Value-Orientierung spielt der Aktienmarkt allerdings seit Ende des 20. Jahrhunderts eine größere Rolle. Doch das Statistische Bundesamt hat Anfang der 1990er Jahre die Berichterstattung über Kapitalgesellschaften grundlegend revidiert. Daten, die es ermöglichen verschiedene Unternehmensformen zu beobachten, liefert nun nur noch die Umsatzsteuerstatistik. Sie weist eine deutlich geringere Anzahl von Kapitalgesellschaften aus, bestätigt aber die skizzierte Tendenz. Zwar machen noch immer natürliche Personen und Einzelunternehmen den größten Teil der Umsatzsteuerpflichtigen aus (2012 2,2 Millionen Personen). Doch seit der deutschen Einigung vervierfachte sich die Zahl der AGs fast, die Zahl der GmbH & Co. KGs verdoppelte sich. Die Statistik zeigt auch, dass Gesellschaften ohne Veröffentlichungspflicht wichtiger für die deutsche Wirtschaftsleistung sind als Aktiengesellschaften. GmbHs und Kommanditgesellschaften führen zusammen 60 Prozent der Umsatzsteuer ab (bezahlt wird sie ja von den Kunden der Unternehmen), AGs sind nur mit knapp 18 Prozent beteiligt.

Angaben zur Eigenkapitalausstattung oder zu den ausgeschütteten Dividenden werden seit 1994 nicht mehr in der Statistik ausgewiesen. Allerdings spielt die Dividende seit dieser Zeit eine immer geringere Rolle für die Entscheidung, Aktien zu kaufen. Viel wichtiger ist heute die Erwartung eines steigenden Unternehmenswertes und damit des Erlöses, der beim Verkauf einer Aktie erzielt werden kann (Shareholder-Value).

Fußnoten

1.
Es gibt noch einige andere Formen der Kapitalgesellschaft, beispielsweise die Kommanditgesellschaft auf Aktien oder die GmbH & Co. KG, auf die hier nicht eingegangen werden kann.
2.
Bis 1910 gab es 6 524 neue AGs, vgl. Jacob Riesser: Die deutschen Großbanken und ihre Konzentration im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesamtwirtschaft in Deutschland, 4. Aufl., Glashütten 1912, S. 109.
3.
Leslie Hannah: A Global Census of Corporations in 1910, CIRJE Discussion Papers F-878, 2013.
4.
Mark Spoerer: Von Scheingewinnen zum Rüstungsboom: Die Eigenkapitalrentabilität der deutschen Industrieaktiengesellschaften 1925 –1941, Stuttgart 1996.
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