Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Alfred Reckendrees

Handwerk

Der Deutsche Handwerkskammertag bewirbt das Handwerk als die "Wirtschaftsmacht von nebenan". Doch bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert wird regelmäßig der drohende Untergang des Handwerks beklagt. Historische Statistiken geben einen Einblick.

Mit der Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen 1810 und später in anderen deutschen Staaten verloren die Zünfte und die Handwerksmeister ihre privilegierte Stellung. Zwar bildeten Handwerksmeister nach wie vor Lehrlinge aus und es gab auch weiterhin wandernde Gesellen, doch die Gewerbefreiheit ermöglichte es, ein Gewerbe anzumelden oder ein Handwerk zu betreiben, ohne einen Meisterbrief und die Zustimmung einer Handwerkszunft zu besitzen. Die "Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund" von 1869 ermöglichte schließlich jedem Bürger der deutschen Staaten einen Gewerbebetrieb zu gründen, ohne besondere Qualifikationen nachweisen zu müssen, und jeder selbständige Gewerbetreibende erhielt das Recht, Lehrlinge auszubilden. Damit waren die Privilegien der Handwerksmeister beseitigt. Diese gaben ihren Protest gegen die liberalen Bestimmungen jedoch nicht auf; die Gründerkrise (1873/74) und die folgende Preisdeflation führten sie enger zusammen und resultierten 1882 in der Gründung des Allgemeinen Deutschen Handwerkerbundes. Die Handwerker erzielten in den folgenden Jahren weitreichende Erfolge. Die Novelle der Gewerbeordnung von 1897 ermöglichte den selbstständigen Gewerbetreibenden die Gründung von Innungen zur Artikulation ihrer gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen, zur Verständigung über Standards und zur Durchführung von Gesellen- und Meisterprüfungen. Gewählte Handwerkskammern sollten auf bezirklicher Ebene die Interessen der Handwerker vertreten. 1908 wurde der sogenannte kleine Befähigungsnachweis eingeführt. Die Führung eines selbstständigen Gewerbebetriebs oder die Stellung als Werkmeister in einer Fabrik war nun nicht mehr hinreichend, um Lehrlinge auszubilden; seither ist ein von der Handwerkskammer ausgestellter Meisterbrief erforderlich. Die Novellen der Gewerbeordnung legten auch die Grundlage für die duale Berufsausbildung, die neben der fachlichen Lehre einen Schulbesuch vorsieht.

Tabelle 6: HandwerkTabelle 6: Handwerk Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Gründe für die Re-Institutionalisierung des Handwerks lagen zum Teil in der erfolgreichen politischen Arbeit der Handwerkervereine, Handwerkskammern und Innungen, doch vor allem war es die Furcht der politischen und wirtschaftlichen Eliten, denen Mittelstandsförderung als eine innenpolitische "Rückversicherung"[1] gegen die stärker werdende Arbeiterbewegung und den Sozialismus erschien. Doch die amtliche Statistik berichtete damals noch nicht gesondert über das Handwerk. Dies begann erst Mitte der 1930er Jahre, nachdem das Handwerk genauer definiert worden war. In der Handwerksordnung von 1935 hatte die nationalsozialistische Regierung den sogenannten großen Befähigungsnachweis eingeführt. Die Führung eines Handwerksbetriebs und die Ausbildung von Lehrlingen setzten nun eine erfolgreich abgelegte Meisterprüfung und den Eintrag in die Handwerkerrolle der jeweiligen Handelskammer voraus. Zudem wurde Handwerkern die Pflicht zur Buchführung auferlegt.

Diese Regelungen hatten trotz Änderungen der Handwerksordnung im Grundsatz[2] bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts für insgesamt 94 Handwerke bestand. 2004 beschloss der Bundestag, den Qualifikationsnachweis für 53 Handwerksberufe aufzuheben und diese Handwerke zulassungsfrei[3] zu machen. (siehe Tab 6)

Tabelle 7: DDR - Berufstätige nach Wirtschaftszweig und Betriebsart und Struktur des HandwerksTabelle 7: DDR - Berufstätige nach Wirtschaftszweig und Betriebsart und Struktur des Handwerks Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In der DDR war das Handwerk einer der wenigen Bereiche, in denen sich Sachkapital in privater Hand befinden konnte. Doch die Handwerksbetriebe waren in die zentrale Planung und Bewirtschaftung eingebunden und besaßen daher wenig Gestaltungsspielraum. Zudem wurden seit 1952 Produktionsgenossenschaften gebildet, in denen viele Handwerksbetriebe vor allem des "Maschinen- und Fahrzeugbaus", der Holzbearbeitung und des Bauhandwerks aufgingen. Weil ein industrielles Arbeitsverhältnis eine sicherere und zum Teil einträglichere Existenz als die eines selbstständigen Handwerkers versprach (sieht man von dem ausgedehnten Segment der Schwarzarbeit ab) und weil zudem zahlreiche Arbeitskräfte in die Bundesrepublik abwanderten, nahm die Zahl der im Handwerk Tätigen in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre um etwa ein Drittel ab (1955: 858 000, 1961: 580 000). (siehe Tab 7, Abb 7)

Abbildung 7: Beschäftige im Handwerk der DDRAbbildung 7: Beschäftige im Handwerk der DDR Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Wenngleich der Deutsche Handwerkskammertag heute das Handwerk als die "Wirtschaftsmacht von nebenan"[4] bewirbt, so wurde doch seit Einführung der Gewerbefreiheit und dem Beginn der Industrialisierung stets der drohende Untergang des Handwerks beklagt. So unzureichend die statistische Erfassung der handwerklichen Unternehmen auch ist, gibt sie jedoch wenig Anlass für eine pessimistische Betrachtung. Zwar nahm die Zahl der Handwerksunternehmen nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik bis zum Ende der 1970er Jahre deutlich ab, doch danach stabilisierte sich die Lage. Sowohl die Zahl der Unternehmen als auch die Zahl der Beschäftigten blieb relativ stabil. Auch in den vergangenen 15 Jahren hat das Handwerk an Beschäftigten verloren, doch verglichen mit dem produzierenden Gewerbe (Industrie), wo die Zahl der Beschäftigten seit 1991 um fast 40 Prozent zurückgegangen ist, ist die Beschäftigungsquote im Handwerk bemerkenswert stabil. Es sei daran erinnert, dass die Daten für das produzierende Gewerbe größere Handwerksbetriebe einschließen und dass diese Daten den Beschäftigungsrückgang in der Industrie daher noch unterschätzen.

Die einzelnen Handwerkszweige waren sehr unterschiedlich von strukturellen Wandlungsprozessen betroffen. Eine langfristige Tendenz ist kaum zu ermitteln, da nach der letzten Handwerkszählung von 1995 (für das alte Bundesgebiet) die Erfassungskriterien radikal verändert wurden und die jüngeren Daten mit den vorherigen mit Ausnahme des Lebensmittelgewerbes nicht mehr vergleichbar sind. Bereits in der alten Bundesrepublik waren die verschiedenen Zweige sehr unterschiedlich betroffen. Während die Zahl der Unternehmen im metallverarbeitenden Gewerbe stieg, verlor das Bekleidungs-, Textil- und Ledergewerbe über 90 Prozent der Unternehmen (insbesondere Schneider und Schuster) und das Nahrungsmittel- und das Holzgewerbe jeweils fast 60 Prozent. In der gleichen Zeit hat die Gesamtzahl der Beschäftigten um mehr als zwei Drittel zugenommen, jedoch nicht im Bekleidungs-, Textil- und Ledergewerbe, wo sie um über 80 Prozent zurückgegangen ist.

Bis heute wächst die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitsgewerbe, im Lebensmittelgewerbe bleibt sie bemerkenswert stabil. Seit der deutschen Einigung hat insbesondere das Baugewerbe verloren. Hier arbeiteten 2010 540 000 Beschäftigte weniger als im Jahr 1995. Dies ist nur zum Teil durch Technisierung zu erklären, eine wichtige Rolle spielen auch der Europäische Binnenmarkt und die Tätigkeit ausländischer Unternehmen in Deutschland sowie die Folgen der Finanzkrise.

Fußnoten

1.
Heinrich August Winkler: Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus: Die politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik, Köln 1972, S. 60.
2.
In der amerikanischen Besatzungszone war die Zulassungspflicht Anfang 1949 aufgehoben worden. Dies wurde mit der Handwerksordnung von 1953 rückgängig gemacht. In einigen Handwerken waren seit 1965 Ausnahmebewilligungen möglich.
3.
Die Ausübung eines zulassungsfreien Handwerks muss nur gegenüber der zuständigen Handwerkskammer angezeigt werden.
4.
www.handwerk.de (5.11.2014).
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