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Akquisos

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6.6.2016

Gespräche im Fundraising für politische Bildung

"Ich muss zeigen, dass ich für die Sache brenne"

Ulrich BallhausenUlrich Ballhausen (© Katharina Reinhold)
Ulrich Ballhausen ist Vorsitzender des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB e.V.) und Mitarbeiter am Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover. Er war langjähriger Leiter der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW), zuvor war er für verschiedene Bildungsträger tätig. Die Einwerbung von Drittmitteln sieht er als Chance für die Träger, neue Konzepte zu entwickeln.

Akquisos: Abgesehen von den "klassischen" öffentlichen Geldgebern: Wer kommt aus Ihrer Sicht als potenzielle Partner und Mittelgeber für Träger der politischen Bildung in Frage?

Da sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt, besonders lokal vor Ort – seien es Stiftungen, Wirtschaftsunternehmen oder auch Baugenossenschaften. Eine Zusammenarbeit und Vernetzung mit den möglichen Ressourcengebern in der eigenen Stadt oder Region ist extrem wichtig. Für Einzelmaßnahmen ist es oft möglich, Sachmittel kostenlos zur Verfügung gestellt zu bekommen – das können Getränke vom Lieferanten der Einrichtung sein, oder Gebäck vom örtlichen Bäcker. Es sind jedoch auch ganz andere Formen der Unterstützung denkbar. Für die Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW) stellte zum Beispiel die kommunale Wohnungsbaugesellschaft zwei Wohnungen für die Freiwilligen kostenfrei zur Verfügung. Voraussetzung für solche Formen der Unterstützung ist, dass ich Beziehungen zu den Unternehmen habe. Persönliche Gespräche sind dabei unersetzlich.

Akquisos: Wie können Bildungsträger vorgehen, wenn sie tragfähige Netzwerke aufbauen möchten?

Eine offensive regionale Vernetzungsstrategie ist zentral. Es ist wichtig, zu den Schlüsselpersonen hinzugehen, und sie persönlich zu treffen. In jeder Stadt und Region gibt es Gremien und Organisationen, in denen man sich engagieren kann. Zum Beispiel ist der örtliche Jugendhilfeausschuss für Träger der Jugendbildung bedeutsam. Die dortigen Schlüsselpersonen können wiederum gut vernetzt sein mit den örtlichen Clubs der Unternehmerinnen und Unternehmer und so weiter.

Mir haben außerdem Partner, mit denen ich bereits gearbeitet habe und zu denen ich eine gute Beziehung pflege, dabei geholfen, Zugänge zu anderen Stiftungen oder Zuwendungsgebern zu bekommen. Im Übrigen ist es aus meiner Sicht ebenso wichtig, mit Schlüsselpersonen bei öffentlichen Förderinstitutionen Kontakt zu halten und regelmäßig im Gespräch zu sein. So können sich auch abseits von Trägerförderung und Förderungen im Rahmen ausgeschriebener Programme interessante Kooperationsmöglichkeiten ergeben.

Akquisos: Was ist aus Ihrer Sicht besonders wichtig in persönlichen Gesprächen mit potenziellen Förderern oder Partnern?

Die erfolgreichsten Gespräche sind meiner Erfahrung nach die, in denen ich Leidenschaft für die Sache vermittle, also für die Ziele und Inhalte, die ich transportieren will, oder auch für die Zielgruppe. Ich muss meinem Partner zeigen, dass ich für die Sache brenne und mit Leidenschaft etwas von hoher Qualität entwickeln möchte – zum Beispiel für mehr Solidarität, weniger soziale Exklusion usw. Und das Ganze muss authentisch sein, das ist für mich absolut zentral. Eher ungünstig ist es, wenn mein Gegenüber zu schnell das Gefühl bekommt, dass es mir im Gespräch ausschließlich um die Ressourcen geht, die ich von ihm oder ihr haben will. Dann sollten die Gewinnfaktoren oder die gemeinsamen Interessen beider Seiten offen ausgelotet werden. Was man als Träger anzubieten hat, kann sehr verschieden aussehen – von der Nennung des Firmennamens in Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit über Mitarbeiterschulungen bis hin zur Bereitstellung von Räumlichkeiten für Firmenevents ist vieles denkbar. Manchen Geldgebern ist eine Gegenleistung auch gar nicht wichtig, wenn sie selbst von der Sache begeistert sind.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass ich dem Partner signalisiere, dass es Projekte gibt, die ich nur mit ihm mache und die ich nicht gleichzeitig fünf weiteren Partnern "verkaufen" will. Es ist gut zu versuchen, gemeinsam mit den Partnern etwas Spezifisches zu entwickeln, von dem beide Seiten profitieren. Das kann zum Beispiel die Weiterentwicklung einer bestehenden Maßnahme für eine neue Zielgruppe sein, die für den Partner besonders wichtig ist.

Akquisos: Was gilt es bei der Kommunikation im Gespräch noch zu bedenken?

Manchmal sind andere Kommunikationsstrategien nötig, wenn man Partner oder Partnerinnen aus anderen Bereichen mit ins Boot holen will. Das kann bei der Wortwahl anfangen. Benutze ich Fachsprache der politischen Bildung, die ja auch durchaus ausschließend wirken kann, oder formuliere ich meine Ziele und Methoden anders? Viele potenzielle Partner aus anderen Bereichen können schon mit dem Begriff politische Bildung wenig anfangen und vermuten dahinter möglicherweise parteipolitische Interessen oder Beeinflussungen. Begriffe wie zum Beispiel "menschenrechtsorientierte Bildung" oder "demokratische Bildung" sind zugänglicher.

Akquisos: Spielen solche Netzwerke und Gespräche im Sinne eines strategischen Fundraisings in der Trägerlandschaft der politischen Bildung in Deutschland eine wichtige Rolle?

Bei vielen Akteurinnen und Akteuren gerade der politischen Bildungsarbeit bestehen große Vorbehalte und Ängste gegenüber der Drittmittelakquise und Partnerschaften mit privatwirtschaftlichen Akteuren. Ich kann das durchaus verstehen, doch ich persönlich habe es immer spannend gefunden, mit Partnern aus anderen Bereichen in Austausch und Diskurs zu treten. Natürlich muss man Grenzen ziehen und als Träger sein Profil wahren. Viele betreiben bereits systematisches Fundraising und arbeiten mit verschiedenen Partnern zusammen. Andere sind noch sehr vorsichtig und haben übertriebene Ängste vor möglichen Einflussnahmen, davor, sich zu verkaufen und kein wirklich "freier" Träger mehr zu sein. Mein Eindruck ist, dass bei vielen Trägern in dieser Hinsicht noch Entwicklungspotenzial besteht.

Akquisos: Vielen Dank für das Gespräch!