Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

28.11.2006 | Von:

Traditioneller und moderner Antisemitismus

Demografische Unterschiede, religiöse und politische Überzeugungen

Anders als vielfach angenommen und in vielen Interventionsprogrammen avisiert, ist Antisemitismus nicht primär ein Problem der Jungen, sondern der Älteren. Die GMF-Umfrage und andere Studien zeigen, dass besonders häufig ältere, weniger gebildete, westdeutsche Männer zu klassisch antisemitischer Einstellungen neigen. Ältere fallen nicht nur durch höhere Zustimmung zum klassischen Antisemitismus auf, sondern auch in Bezug auf die meisten transformierten Facetten mit Ausnahme der Forderung nach einem Schlussstrich; den fordern Befragte mittleren Alters fast ebenso häufig. Insgesamt nehmen antisemitische Einstellungen zu, je geringer das Bildungsniveau der Befragten ist.

Deutlich wird zudem, dass der Antisemitismus mit einer politischen Rechts-Orientierung variiert. Je stärker Befragte ihre politischen Ansichten "rechts" verorten, desto eher stimmen sie antisemitischen Einstellungen zu (Zick/Küpper 2006). Dies gilt auch für antisemitische Einstellungen, die über den Umweg Israel kommunizierte werden. Ein linker Antisemitismus, der als herausragendes Phänomen immer wieder diskutiert wird, tritt in der GMF-Umfrage in den Hintergrund. Doch auch wenn Antisemitismus mit einer politisch rechten Haltung wächst, sind die Linke und vor allem die politische Mitte nicht frei davon. Fast 89% derjenigen, die sich selbst politisch "genau in der Mitte" einordnen, stimmen mindestens einer Facette des Antisemitismus zu. Mehr als Befragte des linken Spektrums unterstützen sie insbesondere eine Israelkritik, die Vergleiche zu den Verbrechen der Nationalsozialisten bemüht.

Dabei spielt auch die Religion eine Rolle. Es gibt im Christentum alltagsweltlich und theologisch begründete Vorbehalte gegenüber Juden, und das spiegelt sich in den Einstellungen wider. Angehörige der beiden großen christlichen Konfessionen äußern signifikant mehr Zustimmung zu antisemitischer Einstellungen (Küpper/Zick 2006). Deutlich wird aber auch, dass weniger die Konfessionszugehörigkeit als vielmehr die Religiosität den Antisemitismus bestimmt. Mit zunehmender Religiosität steigen die Vorbehalte gegenüber Juden und fast allen anderen im GMF-Projekt untersuchten Adressatengruppen. Dies lässt sich z. T. auf einen christlichen Überlegenheitsanspruch zurückführen. Wer die Ansicht vertritt, die eigene Religion sei "die einzig wahre" (23% in 2002), bzw. der eigene Glaube sei anderen überlegen (19% in 2005) neigt deutlich stärker zur Abwertung von Juden. Sehr Religiöse, die diese Haltung nicht vertreten, erweisen sich auch als weniger antisemitisch.

Entfaltung

Ein Antisemitismus, der auf uralte antijüdische Mythen und legitimierende Vorurteile der Ungleichwertigkeit aufbaut, findet in modernem Gewand Zuspruch, indem er sich aktuelle emotionsgeladene Themen zu eigen macht. Regelmäßig versuchen Repräsentanten der politischen Elite, den Konsens einer Ächtung des Antisemitismus zu durchbrechen. Die antisemitische Israelkritik und die Verdrehung der Opfer und Täter des Holocaust sind Beispiele hierfür (vgl. dazu Bergmann/Heitmeyer 2005, Frindte 2006). Kommuniziert werden diese Mythen auch in der Mitte der Gesellschaft, wobei sie keine Besonderheit bilden.

Sie sind Teil eines Syndroms der Abwertung schwacher Gruppen, das die Ungleichwertigkeit befördert. Beachtenswert dabei ist zugleich, dass der Antisemitismus gemeinsam mit der Fremdenfeindlichkeit und einer autoritären Law-and-Order-Haltung Bestandteil eines Rechtspopulismus sind, der Kohäsion und Konformität erzeugt, wenn die gewohnte Ordnung ins Wanken gerät und der eigene Status in der Gesellschaft bedroht scheint. Juden erfüllen wie andere schwache Gruppen die klassische Funktion des Sündenbocks.

Literatur

Bergmann, Werner, Antisemitismus. Information zur politischen Bildung, Heft 271. Bundeszentrale für politische Bildung 2001.

Bergmann, Werner, Geschichte des Antisemitismus. München 2002.

Bergmann, Werner, Anti-Semitic attitudes in Europe – a comparative analysis. Journal of Social Issues, im Druck.

Bergmann, Werner/Heitmeyer, Wilhelm, Antisemitismus: Verliert die Vorurteilsrepression ihre Wirkung? Deutsche Zustände, Folge 3 (S. 224-238). Frankfurt a. M. 2005

Decker, Oliver/Brähler, Elmar, Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung 2006.

Frindte, Wolfgang, Antisemitismus. In W. Frindte (Hrsg.), Fremde Freunde Feindlichkeiten – Sozialpsychologische Untersuchungen (S. 83-102). Westdeutscher Verlag 1999.

Frindte, Wolfgang, Inszenierter Antisemitismus. Eine Streitschrift. Wiesbaden 2006.

Gessler, Philipp (2004). Der neue Antisemitismus: Hinter den Kulissen der Normalität. Freiburg: Herder. Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 1. Frankfurt a.M. 2002.

Heyder, Aribert/Iser, Julia/Schmidt, Peter, Israelkritik oder Antisemitismus? In W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 3 (S. 144-163). Frankfurt a. M. 2005.

Küpper, Beate/Zick, Andreas, Riskanter Glaube: Religiosität und Abwertung. In: W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 4 (S. 179-188). Frankfurt a. M. 2006.

Rabinowitz, Doron/Speck, Ulrich/Sznaider, Natan (Hrsg.)(2004). Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt a. Main: Suhrkamp.

Zick, Andreas/Küpper, Beate, Transformed anti-Semitism – a Report on anti-Semitism in Germany. Journal für Konflikt- und Gewaltforschung, 7, 50-92, 2005a.

Zick, Andreas/Küpper, Beate, "Die sind doch selbst schuld, wenn man was gegen sie hat" – oder wie man sich seiner Vorurteile entledigt. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 3 (S. 129-143). Frankfurt a. M. 2005b.

Zick, Andreas/Küpper, Beate, Politische Mitte. Normal feindselig. In: W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 4 (S. 115-134). Frankfurt a. M. 2006.


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