Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

23.11.2006 | Von:
Philipp Gessler

Antisemitismus heute

Die Verbreitung antisemitischer Einstellungen

Wer ermittelt, wie viele Menschen in Deutschland antisemitische Einstellungen haben, steht vor dem Problem, dass diese meist nicht offen geäußert werden. Auch Meinungsumfragen müssen um die Ecke fragen, denn auf die Frage "Lehnen Sie Juden ab?" ist kaum eine ehrliche Antwort zu erhalten.

Wenn jedoch etwa danach gefragt wird, ob man gern einen Nachbarn jüdischen Glaubens hätte, erhalten die Meinungsforscher Daten, die auf antisemitische Einstellungen schließen lassen. Aufgrund solcher Umfragen kann man davon ausgehen, dass etwa 13 Prozent der deutschen Bevölkerung antisemitische Vorbehalte haben - je nach konkreter Fragestellung kann dieser Prozentzahl auch höher liegen. Der Anteil der Personenkreise mit latent antisemitischen Einstellungen, die nur gelegentlich hervortreten, liegt bei bis zu 20 Prozent.

Jüngste Forschungsergebnisse belegen diese Zahlen. So stimmen derzeit beispielsweise 13,8 Prozent der Menschen hierzulande zumindest überwiegend, wenn nicht voll und ganz der Aussage zu: "Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um zu erreichen, was sie wollen." Einen ähnlichen Wert gibt es beim Satz "Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.": 13,5 Prozent. Bei der Aussage "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß." liegt die mindestens überwiegende Zustimmungsquote gar bei 17,9 Prozent. Als "unbelehrbar" in Sachen Antisemitismus gelten 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung.

Interessant ist die regionale Differenzierung: So ist der Westen der Bundesrepublik, wie schon häufiger festgestellt wurde, Umfragen zufolge deutlich antisemitischer als der Osten. Der genannten Aussage "Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks ..." stimmen beispielsweise 6,1 Prozent der Ostdeutschen zu, aber 15,8 Prozent der Westdeutschen. Auch die neuesten Zahlen belegen die bisherigen Ergebnisse der Forschung, dass generell Frauen etwas weniger zu antisemitischen Aussagen neigen als Männer, dass unter jungen Menschen weniger Antisemiten zu finden sind als unter älteren, dass Katholiken sich etwas häufiger antisemitisch äußern als Protestanten und dass Menschen mit größerer formaler Bildung eher immun sind gegen antisemitische Ansichten als weniger gut ausgebildete. Die Parteipräferenz der Befragten spielt übrigens bei der Antisemiten-Quote keine herausragende Rolle: So kommen die Rechtsextremismus-Forscher Oliver Decker und Elmar Brähler etwa bei westdeutschen Grünen-Wählern auf eine Antisemitenquote von 9,4 Prozent!

Die Zahl der antisemitischen Straftaten

Die Zahl der antisemitischen Straftaten schwankt seit dem Jahr 2001 – seit diesem Jahr gibt es eine neue Erfassungsgrundlage – zwischen etwa 1.200 und 1.700 Delikten pro Jahr. Im Jahr 2005 wurden 1.658 "politisch rechts motivierten Straftaten mit extremistischen und antisemitischen Hintergrund", so fasst sie der Verfassungsschutz, registriert. Das sind so viele antisemitische Straftaten wie nie zuvor seit der Jahrtausendwende. Gegenüber dem Vorjahr ist dies eine Zunahme um fast 26 Prozent (2004: 1316 Straftaten). Allerdings handelt es sich bei diesen Straftaten – wie bei den politisch rechts motivierten Straftaten insgesamt – zum großen Teil um Propagandadelikte. Genauer und eindeutiger sind die Zahlen für antisemitische Gewalttaten. Diese Zahl stieg von 18 im Jahr 2001, auf 28 (2002), 35 (2003), 37 (2004) und schließlich 49 im Jahr 2005.

Umstritten ist, inwieweit gerade die antisemitischen Gewalttaten vermehrt auf gewalttätige islamistische Fundamentalisten zurückgehen. Zu denken gibt, dass der Antisemitismus nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz wieder "der kleinste gemeinsame Nenner der heterogenen rechtsextremistischen Szene" ist.

Literatur

Dietz Bering, Gutachten über den antisemitischen Charakter einer namenpolemischen Passage aus der Rede Jörg Haiders vom 28. Februar 2001, in: "Dreck am Stecken". Politik der Ausgrenzung, hrsg. v. Anton Pelinka/Ruth Wodak, Wien 2002, S. 173-186, S. 174.

Die Einschätzung dieser Definition als international anerkannt, betonen die Antisemitismus-Experten Werner Bergmann und Juliane Wetzel in ihrer Expertise für das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) in Wien: Manifestations on anti-Semitism in tue European Union. First Semster 2002. Synthesis Report. Draft 20 February 2003, S. 18

Siehe dazu beispielsweise: Benz, Antisemitismus, S. 9f.

Ausführlicher dazu: Philipp Gessler, Der neue Antisemitismus. Hinter den Kulissen der Normalität, Freiburg 2004, S. 10-12.

Siehe dazu etwa: Rensmann, Demokratie, 91.

Siehe dazu: Wolfgang Benz. Was ist Antisemitismus?, München 2004, Seite 194.

ebendort, Seite 194.

Verfassungsschutzbericht 2005, hrsg. v. Bundesministerium des Innern, Berlin 2006, Seite 121 (Vorabfassung).

Oliver Decker und Elmar Brähler (Mitarbeit: Norman Geißler), Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland, hsrg. V. d. Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin, Berlin 2006, Seite 33.

Benz, Seite 196.

Decker, Brähler, Seite 38. Schon in den Neunziger Jahren wurde diese Ost-West-Differenz diagnostiziert, siehe Benz, Seite 194.

ebendort, Seiten 47f, 50 und 55.

ebendort, Seite 51.

Siehe zu den Zahlen: Bundesamt für Verfassungsschutz, Die Bedeutung des Antisemitismus im aktuellen deutschen Rechtsextremismus, Köln 2002, Seite 40. Sowie den Verfassungsschutzbericht 2003, Seite 91, und den Verfassungsschutzbericht 2005, Seite 28.

Siehe dazu: Bundesamt (wie Anm. 13), Seiten 38-40, Verfassungsschutzbericht 2003, Seite 91, und Verfassungsschutzbericht 2005, Seite 26.

Verfassungsschutzbericht 2005, Seite 113.


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