Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

Argumente gegen rechtsextreme Vorurteile

Informationen zur politischen Bildung - aktuell

Umerziehung

Die Vorstellung, in der Besatzungszeit nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staats sei unter der Bezeichnung "Umerziehung" eine Art Gehirnwäsche betrieben worden oder es seien den Deutschen von den alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs fremde Sitten und Gebräuche politischen Verhaltens aufgezwungen worden, ist immer noch verbreitet. Darin kommen Gefühle der Ohnmacht und Demütigung, das Aufbäumen gegen die Fremdherrschaft nach der Niederlage, aber auch die Beschämung über die eigene Rolle in der Nazidiktatur zum Ausdruck. Rechtsradikale Propaganda operiert vor diesem Hintergrund mit Behauptungen, die den Eindruck erwecken sollen, es habe in der Zeit nach 1945 eine Art geistiger Vergewaltigung der Deutschen stattgefunden.

Tatsächlich waren die politischen und kulturellen Anstrengungen auf die Wiederherstellung demokratischer Zustände, auf die Wiedererrichtung des Rechtsstaats gerichtet. Dazu sollten Hilfestellungen gegeben werden durch das Einüben demokratischen Denkens und Verhaltens sowie durch das Erwecken von Bürgersinn. Ziel war die geistige Überwindung des nationalsozialistischen Systems von Unterwerfung und blindem Gehorsam unter den Befehl einer diktatorischen Obrigkeit.

Wenige Begriffe aus der Nachkriegszeit sind ähnlich negativ belastet wie die Umschreibung dessen, was die Alliierten mit der "reorientation" beziehungsweise "reeducation" beabsichtigten, nämlich die Hinführung und Anleitung der Deutschen zur Demokratie. Es ging einmal darum, den Deutschen wieder den Anschluss an das internationale Kulturleben, von dem sie seit 1933 abgeschnitten waren, zu ermöglichen und die von den Nationalsozialisten erzwungene Provinzialität des geistigen Lebens zu überwinden. Kulturoffiziere der Militärregierungen in allen vier Besatzungszonen brachten die Theater wieder in Gang, kümmerten sich um Aufführungsrechte für Stücke, die seit 1933 nicht mehr oder die in Deutschland noch nie gespielt worden waren, besorgten Übersetzungen ausländischer Literatur. Die Bibliotheken und Filmvorführungen etwa der Amerika-Häuser und der englischen "Brücken" öffneten wieder Tore zur Welt. Zum Angebot der Amerikaner gehörten ferner Austauschprogramme für Schüler, Studenten und Lehrer, die Förderung von Schülermitverwaltung und Schülerzeitungen, die Abhaltung von Bürgerforen zur öffentlichen Diskussion von kommunalen politischen Problemen.

Ein anderer Aspekt der "Umerziehungspolitik" betraf die Veränderung traditioneller oder während der NS-Herrschaft entstandener undemokratischer Strukturen in Deutschland. Am nachhaltigsten gelang dies in den Westzonen auf dem Gebiet der Massenkommunikation: Die Lizenzierung der Zeitungen diente nicht nur deren Überwachung, sondern vor allem der Einübung von demokratischem Journalismus durch politische Meinungsvielfalt in Verlag und Redaktion, Trennung von Nachricht und Meinung sowie durch objektive Berichterstattung anstelle des Verlautbarungs- und Propagandajournalismus der NS-Zeit. Neben den erfolgreichen Lizenzblättern (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Die Zeit und andere) unterhielten die Besatzungsmächte eigene Organe, die als Vorbilder wirkten: Legendär wurde die amerikanische Neue Zeitung in München, die für eine ganze Generation deutscher Redakteure und Autoren zur Hohen Schule des Journalismus wurde.

Von nachhaltigem Einfluss war auch die Rundfunkpolitik der Alliierten. Das System der staatsunabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik wurde nach britischem Vorbild (BBC) eingeführt.

Hindernisse für die "Umerziehung" bildeten nicht nur die mangelnde Bereitschaft auf deutscher Seite, den guten Rat französischer, britischer und amerikanischer Experten anzunehmen (aus Trotz oder im Gefühl der eigenen kulturellen Überlegenheit), sondern auch die Uneinigkeit der vier Besatzungsmächte. Der Kalte Krieg bedeutete das Ende ihrer Zusammenarbeit. Entsprechend den unterschiedlichen politischen Systemen entwickelten sich dann die Ostzone und die drei Westzonen rasch auseinander.

Trotzdem erzielten die Alliierten dauerhafte Erfolge in der Demokratisierungspolitik, die sich in Institutionen der Bundesrepublik (Presse, Rundfunk, Bildungswesen) bis heute zeigen.

Literatur
  • Benz, Wolfgang: Potsdam 1945. Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland, München 1986.


18.08.2006



bpb-Pressemitteilung (25.10.2018)

„Weil ich hier leben will…“

Unter dem Titel "Weil ich hier leben will…" lädt der Jüdische Zukunftskongress vom 5. bis 8. November alle Interessierten ein, über die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland und Europa zu diskutieren.

Mehr lesen

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Rassismus, Antisemitismus, Homophobie… Aspekte der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit begegnen uns in vielen Bereichen der Gesellschaft. Die "Begegnen-Reihe" soll in unterschiedlichen Formaten auf Aussagen und Handlungen vorbereiten, in denen Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Mehr lesen

Mediathek

Antisemitismus, was ist das? Kurz erklärt auf bpb.de

Antisemitismus, was ist das? Kurz und leicht verständlich erklärt im Glossar des Dossiers Rechtsextremismus auf www.bpb.de. Getextet von Toralf Staud, Johannes Radke, Heike Kleffner und FLMH. Eingesprochen von Jungschauspielern/-innen.

Jetzt ansehen

Publikationen zum Thema

Globaler Antisemitismus

Globaler Antisemitismus

Antisemitismus findet sich sowohl im rechten und im linken Spektrum als auch im radikalen Islam. Zud...

Neuer Antisemitismus?

Neuer Antisemitismus?

Antisemitismus hat viele Wurzeln und Facetten. Seine Erscheinungsformen wechseln, ebenso die Bezüge...

Coverbild Antisemitismus

Antisemitismus

Antisemitische Ressentiments finden sich im Islamismus, sind verankert im Rechtsextremismus und brec...

Nationalsozialismus

National-
sozialismus

Wie wurden aus "ganz normalen Männern" Massenmörder? Was konnten, was wollten die Deutschen über ...

Coverbild Antisemitismus

Antisemitismus

Die antisemitische Anklageschrift ist lang: "Die" Juden seien schuld an Armut und Krisen; sie kont...

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus

Gedenkstätten für die Opfer des National-
sozialismus

Die beiden Bände zu den Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus liegen nun auch als P...

Fragiler Konsens

Fragiler Konsens

Antisemitismuskritische Bildung in einer Migrationsgesellschaft steht vor zahlreichen Herausforderun...

Coverbild Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft

Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft

Die Nationalsozialisten verwandelten Deutschland nach ihrem Machtantritt binnen weniger Monate von e...

Coverbild Nationalsozialismus: Krieg und Holocaust

Nationalsozialismus: Krieg und Holocaust

Der Wille zu Expansion und Krieg bestimmte von Beginn an die NS-Herrschaft, es galt neuen "Lebensrau...

Judenhass im Internet

Judenhass im Internet

Antisemitismus ist keine neue Erscheinung, aber mit den medialen Möglichkeiten des Internets bekomm...

Zum Shop

Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
Israel

Israel

Die Entwicklung Israels ist eine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung hat es Menschen aus über 120 Ländern in einen jüdisch-demokratischen Staat integriert. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land ist eine Hightech-Nation geworden.

Mehr lesen