Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

20.9.2007 | Von:
Jochen Müller

Islam, Islamismus und Jihadismus in den Medien

Von Erlaubtem und Verbotenem

Das unter jungen Muslimen weltweit bekannteste und meist zum islamistischen Spektrum gezählte Internetportal ist zweifellos IslamOnline. Spiritus rector von IslamOnline ist Scheich Yussuf al-Qaradawi. Qaradawi steht der Muslimbruderschaft nahe und ist der gegenwärtig wohl international einflussreichste islamische Gelehrte. Über den Nahen und Mittleren Osten hinaus bekannt geworden ist er durch seine wöchentliche Sendung auf Al-Jazeera "Al-Sharia wal-Hayat" ("Die Scharia und das Leben"), in der er Fragen aus Politik und Gesellschaft aus religiöser Sicht diskutiert. Um ähnliche Themen geht es auch in seinem bekannten Buch "Al-Halal wal-Haram fil-Islam" (dt. Titel: "Erlaubtes und Verbotenes im Islam"). Und eben auf IslamOnline. IslamOnline ist Teil einer "Fatwa-Industrie", jener in den vergangenen Jahren stark anwachsenden TV- und Internetprogrammsparte, in denen islamische Gelehrte auf Fragen von Zuschauern oder Lesern mit religiösen Gutachten (Fatwas) antworten. IslamOnline richtet sich dabei auch an Muslime, die in nicht-islamischen Gesellschaften leben. Ihnen geben religiöse Gelehrte Auskunft in allen Lebenslagen:

Darf ich auch ohne Kopftuch beten, wenn an meiner Arbeitsstelle Kopftücher verboten sind? (Nein, das Gebet ohne Kopftuch ist immer ungültig.) Darf ich Augenkontakt mit dem anderen Geschlecht haben? (Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt.) Darf ich die Zinsen behalten, die mir die Bank zahlt? (Nein, sie sollten an eine wohltätige Einrichtung gespendet werden.) Darf meine Freundin einen nicht-muslimischen Freund haben? (Sie darf überhaupt keinen Freund haben, sondern muss die Beziehung sofort beenden und hoffen, dass Gott ihr vergibt.) Sind Selbstmordanschläge von Palästinensern erlaubt? (Sie sind nicht nur erlaubt, sondern eine religiöse Pflicht.) Für ein Attentat in Israel darf eine Muslima laut Qaradawi sogar ohne Erlaubnis und – zwecks Unauffälligkeit - ohne Kopftuch das Haus verlassen. Trotz solcher Positionen orientieren sich viele Jugendliche aus der Strömung des Pop-Islam (s. Beitrag zu Islamismus und islamischer Jugendkultur) an Yussuf al-Qaradawi und IslamOnline. (www.islamonline.net)

Das "Frag-den-Gelehrten"-Prinzip ist aber nicht nur typisch für diese Websites islamistischer Prägung. Im Zweifel geht es auch in nicht-islamistischen Foren oft weniger darum, sich eine eigene Meinung zu bilden oder kontroverse Positionen zu diskutieren. Die Antwort gibt auch hier oft der religiöse Gelehrte. Mit dem Koran in der Hand und dem vorbildhaften Leben des Propheten vor Augen kennt er die Quellen, findet eine Lösung für jedes Problem und befindet, was richtig und falsch, was erlaubt und was verboten ist im Islam.

Jihad und Kalifat im Internet

Wenn sich auch die meisten islamistischen Medien strikt anti-liberal und in Opposition zum imperialistischen Westen und seiner materialistisch-kapitalistischen Ordnung präsentieren, so sind die Differenzen innerhalb dieses Spektrums dennoch groß. Eine deutlich radikale Haltung nimmt etwa die Organisation Hizb ut-Tahrir (HuT/Partei der Befreiung) ein. Diese in Deutschland verbotene aber weiterhin unter jungen Muslimen aktiv rekrutierende Gruppierung mit Sitz in London propagiert im Internet, in Büchern und ihrem Magazin (Khilafah; dt. Explizit; türk. Hilafet; arab. Al-Waye) einen Kalifat-Staat, dessen Bürger Muslime sein müssen – Nicht-Muslime und "sündige" Muslime kämen dagegen ins Höllenfeuer. So heißt es jedenfalls auf der deutschsprachigen Seite kalifat.com, wo auch ein "Aufruf an die muslimische Jugend" zu finden ist. Ausdrücklich wandte sich die HuT in den vergangenen Monaten zudem gegen Bestrebungen von Muslimen, einen "deutschen", "säkularen" oder "Euro-Islam" zu errichten. Insbesondere muslimische Verbände, die sich um Integration bemühen und etwa an der Islam-Konferenz teilnehmen würden, werden scharf verurteilt. Ihnen wirft kalifat.com Unterwürfigkeit gegenüber den "Kuffar", den Ungläubigen, vor. Sie würden den Islam verfälschen, wenn sie etwa Homosexualität, Mädchen beim Schwimmunterricht oder einen islamischen Religionsunterricht akzeptierten. (www.kalifat.com)

Die Positionen von Hizb ut-Tahrir sind nicht nur verfassungsfeindlich, die von ihnen erhobenen Anklagen von Verrat und Spaltung der muslimischen Gemeinschaft (umma) können auch als Vorstufe zu Militanz und Jihadismus betrachtet werden. Sind es doch eben jene vermeintlichen Feinde des Islam und angeblich vom wahren Glauben abgefallene Muslime, die auch im Visier der Jihad-Agitation stehen. Mord und Totschlag an diesen Gruppen sind für den Jihad-Islamismus legitim (oder gelten gar als religiöse Pflicht) und werden im Internet auf Hunderten von Webseiten gefordert und mit Hinrichtungs- und Attentatsvideos insbesondere aus dem Irak illustriert und gefeiert. [3]

Zu diesem professionell betriebenen, vielfach untereinander verlinkten Spektrum der meist arabischsprachigen Jihad-Foren zählt auch der Propaganda-Arm von Al-Qaida, die Global Islamic Media Front (GIMF), mittlerweile eine Art Sammelbecken für Online- Sympathisanten von Al-Qaida. Die seit Ende 2006 vorübergehend mit deutschen Übersetzungen von GIMF-Statements und Terrordrohungen im Netz hervorgetretene "Stimme des Kalifat" (Caliphate Voice Channel) ist dabei ein Ausdruck von Bemühungen der GIMF, Anhänger unter jungen nicht-arabischsprechenden Muslimen in Europa zu rekrutieren. [4] Die mutmaßlichen Betreiber der Seite wurden Anfang September 2007 in Österreich festgenommen.

Nun sind diese jihadistischen Internetseiten nicht repräsentativ für das Mediennutzungsverhalten junger deutscher Muslime. Sie sind vielmehr Ausdruck eines religiös legitimierten Radikalisierungsprozesses, den eine insgesamt betrachtet nur sehr kleine Zahl von Jugendlichen durchläuft. Als Mittel von Kommunikation, Propaganda und interner Selbstvergewisserung spielen Medien, allen voran das Internet, bei diesem Prozess jedoch eine wesentliche Rolle. Umso wichtiger ist es vor diesem Hintergrund, auf islamische Medien zu verweisen, die einer solchen religiöse legitimierten Radikalisierung vorbeugen und entgegenwirken wollen. Ein Versuch, die Deutungshoheit islamistischer Positionen zu durchbrechen, stellt die Internetplattform Muslimische Stimmen dar (www.muslimische-stimmen.de). Hier sollen Diskussionen unter jungen Muslimen zu religiösen und nicht-religiösen gesellschaftlichen Fragen initiiert werden.

Auch das vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) iniitierte Jugendportal Waymo (www.waymo.de) eröffnet jungen Muslimen Raum für eine Mitwirkung am öffentlichen Diskurs. Es ermöglicht seinen Nutzern vor allem das Video- und Audiosharing von Inhalten, die in manchen Fällen selbst produziert sind. Vorgestellt wird bei Waymo auch die Initiative "Zeig mir den Propheten" – ein Wettbewerb, in dem junge Muslime aufgefordert waren, die Bedeutung des Propheten Muhammad für ihr Leben künstlerisch darzustellen. Angesprochen werden hier zwar vor allem religiöse Muslime – eine kreative Antwort auf den Karikaturenstreit ist es jedoch allemal: "Wie soll ich Dich lieben", fragt etwa die Preisträgerin Yildiz Kaya aus Hamburg in ihrem Beitrag, "wenn mir in Deinem Namen auf die Finger geschlagen wird und nie von Deiner Barmherzigkeit die Rede ist?"

Fußnoten

3.
Dass der Jihadismus auch schon den Kleinsten nahe gebracht werden soll, zeigt die arabischsprachige Kinderseite awladnaa.net ("Unsere Kinder"). Hier werden Selbstmordattentäter als Helden gefeiert und gegen Israel und Juden agitiert: "In dem Moment, in dem Du diese Worte liest" - so heißt es etwa in einem kurzen Text unter dem Titel "So sind die Juden" - "sind diese Nachkommen von Affen und Schweinen vielleicht gerade dabei, mit Raketen und Panzern Häuser und Schulen zu zerstören (...). Denn sie kennen keine Barmherzigkeit und keine Menschlichkeit (...). In ihrem falschen Glauben gehört das Töten von Nicht-Juden zu den frommsten Taten". (www.awladnaa.net)
4.
Über die Zunahme auch türkischer Jihadpropaganda im Internet berichtete zuletzt die liberale türkische Zeitung Milliyet (10.9.2007). Im türkischsprachigen islamistischen Milieu spielt neben dem Internet auch die Zeitung Milli Gazete eine gewisse Rolle. Mit ihren Positionen steht die Milli Gazete (dt. Auflage ca. 3000) der islamistischen Milli Görüs-Bewegung nahe. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz stellt die Milli Gazete "(...) einen weiteren Bestandteil der ‚Milli-Görus‘-Bewegung dar und ist ein wichtiges Mittel, um deren Ideologie zu verbreiten und zu festigen". (Verfassungsschutzbericht 2006, S. 244). Und weiter zur Milli Görüs: ".Nach Auffassung der ‚Milli-Görus‘-Bewegung gelten nicht islamisch geprägte Regierungen oder Gesellschaftssysteme letztlich als 'nichtig' und 'ungerecht'." (ebd., S. 246)
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