Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

1.2.2008 | Von:
Hans-Gerd Jaschke

Weimarer Republik

Die Suche nach deutschen, ursprünglichen Werten, nach Ord­nungsprinzipien und nach Prinzipien der "Volksgemeinschaft" war das Anliegen der Rechtsintellektuellen in der Zwischenkriegszeit, die den Versailler Vertrag als Erniedrigung empfanden und die parlamentarische Demokratie als Ausgeburt der "Herrschaft der Minderwertigen" (Edgar Julius Jung). In ihren Werken verherrlichen sie die nationale Aufbruchstimmung des Kriegsjahres 1914 und das Kriegserlebnis selbst – am wirkungsvollsten wohl Ernst Jünger in "Stahlgewitter". Für viele von ihnen war, wie auch für die bündische Jugend, die Freikorps und andere militaristische Kreise, der Krieg die "Volksgemeinschaft des Schützengrabens" und die Geburtsstunde einer neuen Nation.

Wie die Mehrheit der gesamten Weimarer Rechten sehen sie den Friedensschluss als aufgezwungenes, nicht akzeptables Diktat. Spengler etwa betrachtete "die schmutzige Revolution von 1918 vom ersten Tage an ... als den Verrat des minderwertigen Teils unseres Volkes an dem starken, unverbrauchten, der 1914 aufgestanden war" (Spengler 1933: Einleitung). Liberale Demokratie ist in ihren Augen, wie Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925) in seinem 1923 erschienen Buch "Das dritte Reich" schrieb, Selbstbetrug und Versklavung des deutschen Volkes: "Der Liberalismus ist der Ausdruck einer Gesellschaft, die nicht mehr Gemeinschaft ist" (Moeller 1923: 97). Nur in der "Gemeinschaft" kann, der ständestaatlichen Konzeption Othmar Spanns (1878-1950) zufolge, der "mechanische Grundsatz der Mehrheit" überwunden werden zugunsten einer organisch gegliederten Staatsform. In der demokratisch-republikanischen Gesellschaft hingegen werde jeder in die gleiche Waagschale geworfen und mitgewogen, "jeder Einzelne ist ein gleichwertiges Atom, Nietzsche und sein Stiefelputzer haben dieselbe Stimme" (Spann 1931: 84). "Die Mehrheit in den Sattel setzen", so Spann weiter, "heißt das Niedere herrschend machen über das Höhere. Demokratie heißt also: Mechanisierung der Organisation unseres Lebens (des Staates) und Ausschaltung jedes Wertgrundsatzes aus dem Baugesetz dieser Organisation durch Abstimmung, durch Herrschaft der Mehrheit" (Spann 1931: 110).

Die hier zutage tretende Kritik des Liberalismus – der Historiker Fritz Stern spricht in seiner 1953 zuerst erschienenen Studie über den Kulturpessimismus vom "Hass" auf den Liberalismus (Stern 2005) – bezieht sich weniger auf die kompromissbereiten Weimarer Liberalen um die Deutsche Volks-Partei (DVP) und die Deutsche demokratische Partei (DDP). Sie reicht tiefer: Hauptgegner sind die liberalen Grundlagen von Demokratie und Republik. Dieses Selbstverständnis ist ein zentrales Leitmotiv: Die Rechts-Intellektuellen der "konservativen Revolution" stehen in der Tradition der gegen die Folgen der Französischen Revolution aufbegehrenden Gegen-Revolution und lehnen jedes politische Arrangement mit den gegebenen Verhältnissen ab. Dazu gehört auch die Kritik des "seelenlosen" Kapitalismus von rechts, wie sie etwa im Werk des Soziologen Hans Freyer und des Dichters Ernst Jünger besonders deutlich wird. Revolutionär-konservatives Denken sollte daran gehen, nicht mehr nur als gut erkannte Verhältnisse zu bewahren, sondern durch Zerstörung des Schlechten, Dekadenten herzustellen, was der Bewahrung lohnt. Die Folgewirkungen von Aufklärung und französischer Revolution, das Denken in Bildern von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, seine Ausformungen in sowjetischem Bolschewismus und westlichem Liberalismus sollten mit den Mitteln der Kulturkritik und der Publizistik attackiert werden.

Die endgültige historische Abspaltung des rechten und linken Extremismus von Konservatismus und Sozialismus erfolgt durch die Gewaltbereitschaft und den strategischen Einsatz der Gewalt im politischen Alltag. Insbesondere rechte Gruppen wie die Freikorps und später die SA, aber auch linke setzten Gewalt als politisches Mittel ein. Unzählige Morde an Politikern prägten die Anfangsjahre der Republik, ab 1930 erlebte sie eine bis dahin unbekannte Brutalisierung des öffentlichen Lebens bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen (Blasius 2005). Damit war nicht nur die Lösung extremistischer Varianten aus den Grundrichtungen Konservatismus und Sozialismus besiegelt, sondern auch der Grundstein gelegt für die Nachkriegsentwicklung des politischen Extremismus. Links- und Rechtsextremismus in der Bundesrepublik setzen Traditionen fort, die von der militanten Rechten und Linken am Ende der Weimarer Republik begonnen worden waren.

Literatur

Blasius, Dirk: Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930-1933, Göttingen 2005.

Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme, München/Wien 1995.

Moeller van den Bruck, Arthur: Ds dritte Reich, Berlin 1923.

Neumann, Sigmund: Die Parteien der Weimarer Republik, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1973 (zuerst 1932).

Piper, Ernst: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005.

Spann, Othmar: Der wahre Staat, Jena 1931.

Spengler, Oswald: Jahre der Entscheidung, München 1933
Aus: Hans-Gerd Jaschke: Politischer Extremismus, Wiesbaden 2006, VS Verlag für Sozialwissenschaften. Der Band aus der Reihe "Elemente der Politik", hrsg. v. Hans-Georg Ehrhart, Bernhard Frevel, Klaus Schubert und Suzanne S. Schüttemeyer ist außerdem als Lizenzausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen und kann hier bestellt werden.


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