Herausforderung Salafismus


Studie: Warum desertieren IS-Kämpfer – und was bedeutet das für die Prävention?

Der Terrorismusexperte Peter R. Neumann vom Londoner King’s College hat 58 Fälle von Anhängern des IS ausgewertet, die desertiert sind. Die Fälle könnten Hinweise darauf liefern, mit welchen Mitteln der IS wirkungsvoll bekämpft werden könnte, so Neumann.

In der im September 2015 veröffentlichten Studie Victims, Perpetrators, Assets: The Narratives of Islamic State Defectors von Peter R. Neumann geht es darum, wie ehemalige IS-Unterstützer ihren Ausstieg begründen. Neumanns Team hat 58 Fälle untersucht, die zwischen Januar 2014 und August 2015 öffentlich bekannt geworden sind. Die Quellen sind öffentlich zugängliche Interviews oder Berichte, teilweise mit den Aussteigern selbst, teilweise handelt es sich um Berichte Dritter, zum Beispiel von Angehörigen. Zu den Fällen zählt auch der des deutschen Syrien-Rückkehrers Ebrahim B., der seit August 2015 in Celle vor Gericht steht. Er hat dem NDR ein Interview gegeben, das in der ARD-Mediathek online verfügbar ist. Eine Übersicht aller Fälle und Quellen findet sich im Anhang der Studie.

„Mächtiges Werkzeug im Kampf gegen den IS“
Laut Neumann sind die Berichte der Aussteiger ein potenziell mächtiges Werkzeug, um den IS zu bekämpfen. Zwar wird betont, dass unsicher ist, wie repräsentativ die Berichte sind. Man könne daraus nicht schließen, dass eine Mehrheit der IS-Kämpfer desillusioniert sei. Doch die Berichte seien ausreichend, um die Selbstdarstellung des IS zu erschüttern: Die Gruppe ist nicht so geschlossen und nicht in dem Maße der eigenen Ideologie verpflichtet, wie es in ihren Propagandavideos dargestellt wird.

Die Berichte der Aussteiger würden die Widersprüche und Heucheleien des IS hervorheben, so Neumann. Ihr Beispiel könne andere ermutigen, den IS zu verlassen. Und ihre Erfahrungen könnten Sympathisanten davon abhalten, sich der Gruppe anzuschließen.

Gründe für Ausstieg spiegeln Propaganda des IS
Die Gründe, welche die ehemaligen IS-Unterstützer für ihren Ausstieg angeben, werden in der Studie zu mehreren Narrativen gruppiert.
Zuvor werden jedoch die Narrative skizziert, welche die Anwerbebemühungen des IS durchziehen. Denn was die Deserteure als Gründe für das Verlassen des IS anführen, spiegelt oftmals das, was sie überzeugt hat, sich der Gruppe anzuschließen.

Neumann betont, dass die Propaganda-Narrative des IS keine hinreichende Begründung dafür liefern, warum einzelne Personen zu IS-Unterstützern wären. Denn der Prozess der Radikalisierung ist komplex und umfasst verschiedene Faktoren. Neben anderen Motiven spielen die Narrative des IS jedoch ebenfalls eine Rolle, weil sie Begründungen, Rechtfertigungen und Anreize liefern, die Menschen überzeugen können, sich der Gruppe anzuschließen.

Welche Narrative dienen zur Anwerbung?
Das herausragende Rekrutierungs-Narrativ handelt vom Syrienkonflikt und den Gräueltaten des Assad-Regimes. Viele der Nicht-Syrer unter den Überläufern führten an, sie wären aufgrund von Videos und den Appellen von Predigern überzeugt gewesen, dass in Syrien ein Völkermord an sunnitischen Muslimen stattfindet. Sie nahmen den Konflikt in Syrien nur ausschnitthaft wahr. Der Eindruck einer existentiellen Bedrohung der sunnitischen Muslime in Syrien sprach ihre sunnitisch-muslimische Identität an und erzeugte ein starkes Gefühl, Unterstützung leisten zu müssen.

Das zweite Narrativ hängt mit Glauben und Ideologie zusammen. Viele der Deserteure entwickelten die Überzeugung, der IS würde einen perfekten islamischen Staat darstellen. Jeder Moslem sei verpflichtet, diesen Staat zu unterstützen. Dieses Narrativ spielte vor allem bei Deserteuren eine Rolle, die sich seit Langem in extremistischen Milieus bewegten und bereits von der Legitimität eines dschihadistischen Staates überzeugt waren.

Das dritte Narrativ spricht persönliche und materielle Bedürfnisse an. Einige der Deserteure erwähnten die Aussicht auf materiellen Wohlstand. Andere wurden von der Vorstellung von Kampf und Abenteuer gelockt und der Möglichkeit, ein Held zu werden.

Was sind die Begründungen für den Ausstieg?
Praktisch alle Aussteiger berichten, dass der IS nicht ihren Erwartungen entsprochen habe. Das tatsächliche Agieren des IS würde nicht mit dessen Behauptungen und Ideologie übereinstimmen.

Besonders kritisierten die Deserteure das Ausmaß, in dem der IS gegen andere sunnitische Rebellengruppen kämpft. Sie hatten den Eindruck, dass es nicht das wichtigste Ziel der Gruppe sei, das Assad-Regime zu stürzen. Stattdessen würde sich die IS-Führung auf die Auseinandersetzung mit anderen Rebellengruppen konzentrieren. Außerdem sei sie besessen davon, gegen angebliche Verräter und Spione vorzugehen.

Ein weiteres Narrativ dreht sich um die Brutalität des IS. In vielen Fällen beklagten die ehemaligen IS-Unterstützer, dass die Gruppe Gräueltaten gegen Unschuldige verübe. Erwähnt wurden auch willkürliche Exekutionen von Geiseln, die Misshandlung der einheimischen Bevölkerung und die Erschießung von Kämpfern durch ihre eigenen Kommandeure. Jedoch lehnte die Mehrzahl der Überläufer lediglich Gewalt gegen sunnitische Muslime ab, nicht Brutalität an sich.

Das dritte Narrativ hat das Fehlverhalten führender IS-Mitglieder zum Thema. Viele der Überläufer kritisierten bestimmte Verhaltensweisen, die sie beobachtet hatten, als „unislamisch“. Dazu gehörten Beispiele für unfaires Verhalten, Ungleichheit und Rassismus. Laut den Deserteuren widersprachen diese den Idealen und Verhaltensstandards, für die der IS behauptet zu stehen.

Eine kleine, aber bedeutsame Zahl der ehemaligen IS-Unterstützer sprach ein viertes Narrativ an: Enttäuschung über die Lebensbedingungen unter dem IS. Dies wurde vor allem von denjenigen vorgebracht, die eher aus materiellen Gründen oder „Eigennutz“ nach Syrien gekommen waren.
Ein weiterer Aspekt, der mit der Enttäuschung über die Realität im IS zusammenhängt, waren die tatsächlichen Kampferfahrungen. Sie entsprachen nicht den Vorstellungen von Heldentum. Ein Aussteiger beklagte sich über langweilige Pflichten, andere fanden, dass ausländische Kämpfer als Kanonenfutter ausgenutzt werden würden.

„Aussteiger müssen gehört werden“
Den IS zu verlassen sei sowohl aus praktischen Gründen als auch aus psychologischen Gründen nicht leicht, wird in der Studie betont. Neben praktischen Schwierigkeiten hindere vor allem die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen die Aussteiger daran, ihre Gründe öffentlich zu machen. Zudem betrachtet der IS einen Ausstieg als Apostasie, als Abfall vom Glauben. Wer die Gruppe verlässt, muss davon überzeugt sein, dass der IS trotz seiner Ansprüche nicht den wahren Islam repräsentiert. Ein weiterer Hinderungsgrund ist, dass IS-Mitgliedern in ihren Herkunftsländern strafrechtliche Verfolgung droht.

Das Neumann-Team betont in einem abschließenden Kapitel die große Bedeutung der Aussteiger-Berichte. Deren Botschaft laute „Der IS beschützt Muslime nicht. Er bringt sie um.“ Daher müssten ihre Stimmen gehört werden. Das Center for Strategic Counterterrorism Communications des U.S. State Departments habe ihren Wert bereits erkannt, andere sollten diesem Beispiel folgen. (Anmerkung der Redaktion: Die Aktivitäten des State Departments sind unter Präventionsakteuren höchst umstritten, weil darin Gewaltdarstellungen verwendet werden und weil es zweifelhaft ist, ob die Botschaften staatlicher Institutionen bei den adressierten radikalisierungsgefährdeten Personen glaubwürdig wirken.)

Die abschließenden Empfehlungen aus der Studie lauten, dass Regierungen und andere Initiativen gegen den IS den Überläufern Gelegenheit bieten sollten, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie sollten bei der Wiedereingliederung unterstützt werden; dabei müsste für ihre Sicherheit gesorgt werden. Rechtliche Hindernisse, welche die Aussteiger von öffentlichen Aussagen abhalten, sollten beseitigt werden.


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