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Weltbank-Studie: Welchen Bildungsstand haben IS-Rekruten?

Rekruten des sogenannten Islamischen Staats sind in der Regel gebildeter als der Durchschnitt ihrer Landsleute: So berichteten Anfang Oktober 2016 zahlreiche Medien über die Ergebnisse einer Studie der Weltbank.[1] Die Studie revidiere das Bild vom typischen IS-Rekruten, hieß es in einigen Berichten.[2] Das wird den Ergebnissen der Studie nicht ganz gerecht. Unter anderem wird darin zwischen verschiedenen Regionen differenziert.

Die Medienberichte beziehen sich auf eine Veröffentlichung aus der Reihe MENA Economic Monitor der Weltbank. Deren Schwerpunkt ist die wirtschaftliche Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika. In der Ausgabe Oktober 2016 ging es um den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und sozialer Inklusion und der Prävention von gewaltbereitem Extremismus. Hintergrund für das Interesse der Weltbank an diesem Thema ist, dass der Terrorismus auch die wirtschaftliche Entwicklung der betroffenen Länder beeinträchtigt.

Die ökonomische Perspektive könne die Ursachen beleuchten, die dem gewalttätigen Extremismus zugrundeliegenden, heißt es in der Studie der Weltbank. Zur ökonomischen Analyse von Radikalisierungsprozessen gehört die Annahme, dass die Betroffenen Vor- und Nachteile abwägen, wenn sie sich terroristischen Gruppen anschließen. Dazu werden allerdings nicht nur finanzielle Faktoren gerechnet, sondern zum Beispiel auch die Bindung zur Familie oder Loyalität zu bestimmten Gruppen.

Für die Studie wurden Daten verwendet, die der sogenannte Islamische Staat selbst über seine ausländischen Rekruten gesammelt hatte. Dazu gehören persönliche Merkmale wie Herkunftsland, Alter, Bildung, Fähigkeiten und Erfahrungen sowie Kenntnisse der Scharia. Der Datensatz enthält Informationen zu rund 3.800 Personen und wurde vermutlich in den Jahren 2013 und 2014 erstellt. Diese Daten wurden abgeglichen mit Kennzahlen zur ökonomischen Lage in den Herkunftsländern wie Bruttoinlandsprodukt, Bevölkerungszahlen und Arbeitslosigkeitsraten.

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Die Ergebnisse

Neben anderen Eigenschaften wird in der Studie die Bildung der Rekruten mit dem Durchschnitt in ihren Herkunftsländern verglichen. Demnach sind die Rekruten aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Südostasien signifikant höher gebildet als für ihre Region typisch ist.[3] Dagegen haben die Rekruten aus Europa und anderen OECD-Ländern einen Bildungshintergrund, der dem Üblichen in ihrem Herkunftsland entspricht.

Nur 15 Prozent aller IS-Rekruten haben lediglich einen Grundschul- beziehungsweise vergleichbaren Abschluss, und weniger als zwei Prozent sind Analphabeten.[4] Die Studie mahnt jedoch zur Vorsicht, denn es sei möglich, dass die IS-Rekruten übertriebene Angaben zu ihrem Bildungsstand gemacht hätten.

Aufgrund der Wirtschaftsdaten zu den Herkunftsländern kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Armut kein Antrieb für Radikalisierungsprozesse ist. Vielmehr gebe es einen starken Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeitsrate bei Männern in einem bestimmten Land und dessen Anteil an den IS-Rekruten.

Die Studie kommt abschließend zu dem Ergebnis, dass Terrorismus nicht mit Armut und niedrigem Bildungsstand assoziiert ist. Vielmehr sei ein Mangel an Inklusion ein Risikofaktor. Zudem könne Arbeitslosigkeit eine Erklärung liefern. Maßnahmen, die Arbeitsplätze schaffen, könnten daher helfen, die Ausbreitung des gewalttätigen Extremismus einzudämmen.[5]

Quelle:

http://documents.worldbank.org/curated/en/409591474983005625/Economic-and-social-inclusion-to-prevent-violent-extremism

Fußnoten

1.
Z.B. ZEIT Online: http://www.zeit.de/news/2016-10/06/usa-weltbank-studie-is-rekruten-haben-hoeheren-bildungsstand-als-durchschnitt-06083003
2.
http://www.n-tv.de/politik/IS-Rekruten-sind-sehr-gut-gebildet-article18797836.html
3.
S. 15.
4.
S. 15 f.
5.
S. 19.

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Kommentare anderer Nutzer

Eckbert Sachse | 17.11.2016 um 16:23 [Antworten]

Weltbank-Studie: Welchen Bildungsstand haben IS-Rekruten?

Ein wichtiger Aspekt wird dabei komplett ausgeblendet, nämlich wie groß die potentielle Rekrutierungsgruppe im Herkunftsland absolut als auch relativ ist. So wird sich bei genauerer Betrachtung zeigen, dass Albanien oder Griechenland weniger Quelle ergeben, als Staaten mit großer Parallelgesellschaft Frankreich, Schweden, Deutschland, die zur Personalaufstockung des IS beitragen. Der Blick allein auf die Arbeitslosigkeit in der Herkunftsregion, verkürzt die Perspektive.