Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

6.9.2007 | Von:
Rainer Fromm

Rassistischer Hass im Word Wide Web

Die weltweite Vernetzung von Neonazis im Internet

"Wir wollen rassistische Kinder nicht nur unterhalten, sondern auch formen"

Da Rechtsextremisten wissen, dass die USA in Sachen Jugendschutz ein Entwicklungsland sind, ist davon auszugehen, dass derlei Tonträger ganz gezielt im Ausland produziert und vertrieben werden, um dann über die Online-Präsenz wieder zurück auf den deutschen Markt schwappen. Auf internationalen Kontaktlisten der Szene finden sich die Musiklieferanten für jugendgefährdendes Material ganz oben. (vgl. www.ns88.org/, 24.08.2007) Um den prominenten Großhändler "Panzerfaust Records" aus Minneapolis wurde es 2005 ruhig. Ausgerechnet der Inhaber des White-Power Labels kam mit Enthüllungen in die Öffentlichkeit, die selbst einem Drahtzieher der Szene den Garaus machen. Während eines Thailand-Urlaubes hatte Anthony Pierpont angeblich mehrfach Sex mit "nicht-arischen" Prostituierten, wie Byron Calvert, der Sprecher des Unternehmens und Co-Manager erklärte. (www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19646/1.html, 19.03.2005)

Für ein Unternehmen, das allgegenwärtig den arischen Rassekampf betont, bedeutet dies sicherlich Erklärungsnotstand. Sicherlich genauso problematisch für die Reputation unter Kameraden war die Tatsache, dass die Polizei bei Hausdurchsuchungen November 2004 neben Nazi-Devotionalien auch Kokain und Marihuana fand. Der Jahresumsatz des Unternehmens von Calvert und Pierpont hatte zu Hochzeiten bei rund 1 Million Dollar gelegen. Das Motto des Unternehmens war vielsagend: "We don´t just entertain racist kids, we create them!" (wir wollen rassistische Kinder nicht nur unterhalten, sondern auch formen). Ein Motto, das sich viele neonzistische Bands wohl zu eigen gemacht haben. Auf ihren Webseiten werden heute zahllose rassistische und kriegsverherlichende Stücke zum gratis-download angeboten. Und auch hier sind es wieder die amerikanischen Webseiten, die mit besonders drastischen Liedern versuchen, weltweit den Boden für einen neuen Genozid an Juden zu bereiten. So heißt es im Lied "Judensau" der Band "Weiße Jäger", das aufgrund seiner Indizierung (BAnz, Nr. 117, 28.06.2003) in Deutschland ebenfalls vornehmlich von amerikanischen Internetvertrieben wie "Micetrap Distribution" aus New Jersey zu beziehen ist: "In Auschwitz ist noch ein Plätzchen frei ... Dort wirst Du hungern, dort wirst Du frieren und wirst elendig krepieren." (zit. aus : Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen 2003, Hannover o.J., S. 30)

Braune Tonträger auch bei Ebay

Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang auch dem Internet-Auktionshaus "Ebay" zu. In großer Stückzahl werden hier seit Jahren rechtsextremis­tische Tonträger und andere Devotionalien (T-Shirts, Aufnäher etc ....) aller Art angeboten. In den letzten Jahren ist jedoch ein signifikanter Produktwechsel zu beo­bachten. Mit einer riesigen Versteigerungspalette neonazistischer und indizierter Tonträger von Bands wie "No Remorse", "Bound for Glory", "Odils Law" oder "Die Härte" geriet Ebay 2002 in das Visier von Verfassungs- und Jugendschutz­behörden. Im ZDF-Magazin Frontal 21 warnte der damalige Vizepräsident des Landes­amtes für Verfassungsschutz Baden Württemberg, man könne "über Ebay nahezu alle Segmente rechtsextremistischer Artikel finden". (ZDF-Pressemitteilung, 15.1.2002)

Inzwischen sind bekannte verfassungsfeindliche Skinhead-Titel wie "Radikahl", "Frontalkraft" oder "Rheinwacht" seltener geworden. Stattdessen finden sich heute Hunderte von Tonträgern rechtsrad­i­kaler Dark Wave und Black Metal-Bands in den Versteigerungen. Allgegenwärtig sind die Tonträger von NS Black Metal-Bands wie "Burzum", "Graveland", "Totenburg", "Magog", "Veles", "Absurd" oder der ultrarechten Dark Wave-Band "Von Thronstahl", (vgl. u.a. Stichprobe 09.07.2007) In einer Stichprobe Januar 2006 fanden sich aber auch aus der Tagespresse hinlänglich bekannte Szenebands wie "Kraftschlag", "Skrewdriver" oder vomrechtsextremen Liedermacher Frank Rennicke. Neben Ebay hat sich auch ein eigenständiges rechtsextremes Auktionshaus mit dem Namen "unser Auktionshaus" mit Sitz in Stuttgart etabliert. Insgesamt wird die Verkaufsplattform nach eigenen Angaben von 2885 freigeschalteten und 489 geprüften Mitgliedern genutzt. (www.unserauktionshaus.de/cgi-bin/main.pl, 23.08.2007) Auf dem virtuellen Marktplatz sollen auch "strafbare Tonträger, Videos, Textilien und Devotionalien den Besitzer wechseln", wie der Verfassungsschutz beobachtet. (Verfassungsschutzbericht des Landes Brandenburg 2003, Potsdam 2004, S. 81) "Unser Auktionshaus" dokumentiert eindrücklich die Vielseitigkeit rechtsextremistischer Propaganda.

Internetforen als Kommunikationsorte für die Neonazi-Szene

Ebenfalls Beachtung im des virtuellen Rechtsextremismus verdienen mehr denn je die Internetforen der Szene, deren Besucherzahlen beharrlich ansteigen. Vereinzelt zählen Verfassungsschutzbehörden hier weit über 1.000 Personen in deutschsprachigen Foren. (Verfassunggschutzbericht des Landes Nordrhein Westfalen 2006, Düsseldorf 2007, S. 91) Das mehrsprachige Skadi-Forum kommt gar auf über 7.000 aktive Nutzer. Weitere bedeutsame Kommunikationsorte sind das "Wikinger-Forum", das "Nationale Forum" und das "Hatecore-Forum", das nach eigenen Angaben über 950 Mitglieder verfügt, die bereits mit über 22.800 Beiträgen präsent sind. (vgl. http://hatecore-forum.com, 18.08.2007) Die cirka 830 Mitglieder "des für die Szene meinungsbildenden Wikinger Forums" (Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen 2005, Hannover o.J., S. 40) haben sich zu über 1.200 Themen mit rund 30.000 Beiträgen geäußert, was die Attraktivität der szeneeigenen Kommunikation unterstreicht.

So finden sich auf der Kontaktbörse, wer Umgang "zu anderen Skinheads/Renees/Nationalen/Gleichgesinnten sucht", über 7.800 Einträge. Knapp 7.500 User besuchten bereits die Rubrik "Demonstra­tionen", die über Schulungs- und Veranstaltungs-Termine informiert und die immense Bedeutung des Internets für die rechtsextremistische Logistik plakativ verdeutlicht. (http://forum.wikingerversand.de/forum.php, 18.8,2007) Als "größte germanische Online-Gemeinschaft" präsentiert sich mit "mehr als 20.000 Mitgliedern aus allen Teilen der Welt" das so genannte "Thiazi-Forum". In über 600 Diskussionforen warten nach den Aussagen der Betreiber über 650.000 Beiträge darauf, gelesen zu werden. Zu den ständigen Themenschwerpunkten gehört die Berichterstattung über rechtsextremisti­sche Events wie beispielsweise der NPD-Sachsentag 2007. (http://forum.thiazi.net/showthread.php?p=900226, 18.8.2007)

Da in den Diskussionsräumen immer wieder nur angemeldete Teilnehmer Zugang haben, gelingt Neonazis hier eine weitreichende Abschottung gegenüber Sicherheitsbehörden. In diesen Nischen schaffen es Rechtsextremisten seit Jahren, "Organisationsverbote zu unterlaufen und internationale Kontakte zu knüpfen", wie das Landesamt für Verfassungsschutz Niedersachsen beobachtet. (Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen 2005, Hannover o.J., S. 39)

Insgesamt fällt die Analyse ambivalent aus: Zwar ist es den Rechtsextremisten nicht gelungen, mit dem Run auf das World Wide Web mitzuhalten, was die vergleichsweise kleine Zahl deutscher Webseiten belegt. Auf der anderen Seite sind es die propagandistischen und kommerziellen Perspektiven des internationalen Mediums, der das Internet heute zur wichtigsten Plattform für Neonazis macht. Viele User sind genau einen Mouseclick vom Stürmer des 21. Jahrhunderts entfernt – der Hitlers menschenverachtende Terrorideologie in bunten und actionreichen Angeboten zeitgemäß in die Kinder- und Jugendzimmer transportiert.