Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

7.9.2007 | Von:

"Europe awake"

Europas Neonazis mobilisieren mit Rechtsrock nach Jena

Börse für Kontakte und Konsum

Das Spektakel in Jena dient aber nicht nur solcher unterschwelligen Verbreitung von Naziideologie, sondern auch dem Direktverkauf von Kleidung mit Aufdrucken, die in der rechtsextremen Szene begehrt sind, Tonträgern u.v.m., was sonst nur mühsam über das Internet bestellt werden kann. Wichtigster Zweck ist jedoch die Funktion als eine Art Kontaktbörse im Rahmen der rechtsextremen "Europäischen Nationalen Front" (ENF). Die ENF, deren Motto ebenfalls "Für ein Europa der Vaterländer!" lautet, wurde im Januar 2003 auf einer Versammlung der spanischen Faschisten-Organisation La Falange ins Leben gerufen. In ihr wirken rechtsextreme Gruppierungen aus verschiedenen Ländern West- und Osteuropas mit.

Aktuell führt die ENF auf ihrer Website neben der NPD rechtsextreme Organisationen aus Frankreich (Renouveau Francais), Italien (Forza Nuova), Griechenland (Patriotische Allianz), Rumänien (Noua Dreapta) und Spanien (La Falange) als Mitglieder auf. Als Beitrittskandidaten werden Nationale Alliantie (Niederlande) und der Bulgarische Nationalbund gehandelt. Die ENF will die "nationalen" europäischen Kräfte vereinigen. Und für ein "unabhängiges, würdiges, christliches, nationales und revolutionäres Europa" − "ein Europa der Vaterländer kämpfen". Ideologische Vorbilder der ENF sind der rumänische Antisemit Corneliu Codreanu (1899-1938) und der spanische Faschist Jose Antonio Primo de Rivera (1903-1936).

Solche internationale Vernetzungstreffen von Rechtsextremisten finden ebenfalls in anderen Ländern statt, deutsche Neonazis zieht es auch wegen der starken Gegenaktivitäten von Kommunen, Bürgerinitiativen und Antifa immer häufiger zu Treffen und Konzerten nach Skandinavien, in osteuropäische Länder, aber auch nach Südtirol oder Griechenland. So weilte Ende Januar 2007 im Rahmen der ENF eine 15-köpfige Delegation von NPD-Anhängern und Jungen Nationaldemokraten (JN) mit dem NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt bei einer Veranstaltung der griechischen Patriotischen Allianz in Athen. Anwesend sollen dort auch Mitglieder der spanischen Falange gewesen sein.

Als besondere Niederlage gilt es europaweit in der Naziszene, dass es 2007 erneut nicht gelang, im fränkischen Wunsiedel aufzumarschieren. An den dortigen Gedenkmärschen der rechtsextremen Szene zu Ehren des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß beteiligten sich Mitte August jährlich bis zu 5.000 Neonazis aus ganz Europa. Seit 2005 blockieren aber Gerichte und Bevölkerung den Aufmarsch, weshalb es für die Neonaziszene umso wichtiger geworden ist, mit dem "Fest der Völker" in Jena einen neuen Anlaufpunkt für Gleichgesinnte aus ganz Europa zu schaffen.

Unterstützung leisten sich Rechtextremisten gegenseitig auch bei Gedenkritualen, die in der Szene sowohl national als auch international große Bedeutung haben. So reiste beispielsweise eine NPD-Delegation im Februar nach Budapest, um an der diesjährigen Gedenkkundgebung für die Waffen-SS-Mitglieder teilzunehmen. Schon in den Jahren zuvor war ein NPD-Funktionär bei dem Waffen-SS-Gedenken als Redner aufgetreten.

Banner am Zaun des Jenaer Neonazikonzertareals: ''Schaut nicht länger zu - raus aus der EU''. Foto: KulickBanner am Zaun des Jenaer Neonazikonzertareals: ''Schaut nicht länger zu - raus aus der EU''. (© H.Kulick)
Ein für den 21. April in Lissabon geplanter Kongress musste allerdings wegen fehlender Räumlichkeiten abgeblasen werden. Ausgerichtet werden sollte er von der portugiesischen Partei der Nationalen Erneuerung und dem rechtsextremen Jugendbündnis Juventude Nacionalista unter der Themenstellung "Aktivismusformen in Europ". Eingeladen waren dazu neben verschiedenen rechtsextremen Parteien aus Italien und Spanien u.a. auch der belgische Vlaams Belang, die Partei Neue Ordnung der Schweiz (PNOS) und die deutsche NPD. Auch die Jungen Nationaldemokraten sagten einen für den 17. Februar 2007 in Sachsen geplanten Europäischen Kongress mangels Veranstaltungslokal ab. Das Motto der Veranstaltung sollte lauten: ''Damit der Wind sich dreht: Globalen Kapitalismus angreifen. Überall kämpfen Völker für die Freiheit der Natio." Improvisiert wurde dann schließlich eine Veranstaltung mit Eigenangaben zufolge rund 100 Teilnehmern in den Räumlichkeiten des 'Deutsche Stimme'-Verlags im sächsischen Riesa. An ausländischen Gästen sollen neben anderen der Rumäne Ion Geblescu (Noua Dreapta), ein Vertreter der PNOS aus der Schweiz sowie Aktivisten befreundeter Jugendorganisationen aus Österreich, Großbritannien, Spanien, Italien, Schweden, Ukraine, Griechenland und Frankreich zugegen gewesen sein.

Auf ausländische Vorzeigegäste setzt die NPD auch alljährlich bei ihren Aufmärschen im Februar in Dresden, wo an den aus ihrer Sicht "Bombenholocaust" der Alliierten im Zweiten Weltkrieg erinnert werden soll und die deutsche Kriegsschuld verharmlost wird. 2006 liefen demonstrativ portugiesische Rechtsaußen mit eigenem Banner mit. Und 2007 gab es demonstrativ sogar das: Bannerträger mit der Aufschrift "Russlanddeutsche in der NPD".