Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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7.9.2007 | Von:
Von Holger Kulick und Gabriele Nandlinger

"Europe awake"

Europas Neonazis mobilisieren mit Rechtsrock nach Jena

"Fest der Völker" heißt ein jährliches Neonazitreffen, das bereits bis 2015 in Jena angemeldet worden ist. Dabei geht es um verbrämte Propaganda und Kommerz. Doch Jenas Zivilgesellschaft mobilisiert die Nazimusik auch.
Bühne des ''Fest der Völker'' in Jena. Auf dem Banner hinter den Rednern und Musikern steht "Europe awake".Bühne des ''Fest der Völker'' in Jena. Auf dem Banner hinter den Rednern und Musikern steht "Europe awake". (© H.Kulick)

''Auf der Rednerliste sind die übelsten Neonazis aus ganz Europa angekündigt", schrieb sorgenvoll die Ost-Thüringer Zeitung OTZ am Samstag, dem 8. September 2007. "Es ist bedrückend, dass sich solche Leute ausgerechnet im erfolgreichen, weltoffenen und lebenswerten Jena zusammenrotten". Das Entsetzen der Jenaer Lokalzeitung hatte seinen Grund: Rechtsextreme hatten zum dritten Mal seit 2005 in Jena eine Großdemonstration angemeldet, für die sie europaweit warben: das "Fest der Völker", ein Propaganda-Konzert im Sinne völkischer Naziideologie mit rechtsextremen Bands aus ganz Europa. Der Titel ist in Anlehnung an einen Filmteil Leni Riefenstahls über die Olympiade im Nazideutschland 1936 gewählt.

Auf der angekündigten Rednerliste standen NPD-Chef Udo Voigt genauso wie ein weiteres Dutzend Vertreter neonazistischer Organisationen, sei es aus England, Holland, Österreich, Italien, Ungarn u.a.m. Einschlägiges Publikum wurde aber weniger durch die Redner, sondern die Ankündigung mehrerer Rockbands geworben, die in der rechtsextremen Szene einen großen Namen haben: ''Before the War'' aus Slowenien, ''Sleipnir'' aus Sachsen, ''Ultima Frontiera'' aus Italien, ''Brutal Attack'' aus England und ''Conflict'' aus Tschechien, die eigentlich ''Conflict 88'' heißen (die 88 ist ein Code für die achten Buchstaben im Alphabet, also HH = Heil Hitler). Wohl um Konflikte zu vermeiden, wurde jedoch in der Werbung auf die Zahl verzichtet.

Die vorbereitete Auftritts-Bühne hatten die Veranstalter mit einem Banner drapiert, das zwei Weltkriegssoldaten zeigte, dazu der Spruch: ''Europe awake - Brothers in arms of Europe in the alliance for freedom", d.h.: "Europa erwache - Waffenbrüder Europas im Bunde für die Freiheit".

Bürgermeister blockierte mit

Was allerdings zunächst fehlte, war ein Stromaggregat. Das wiederum hatten Gegendemonstranten ausgesperrt, denn zumindest drei Stunden lang hielten 3.000 Jenaer Bürger die Zufahrtsstraßen ringsum blockiert, dann erst schuf die Polizei den Rechtsaußen in dem Blockadering eine Lücke, um Publikum und Technik einzuschleusen.

An der Blockade beteiligte sich auch Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD): "Ich kann nicht neutral sein, wenn Nazis in Jena Fuß fassen wollen", begründete er seinen Schritt. Es gehe darum, die Weltoffenheit Jenas zu verteidigen und sich als wehrhafte Demokraten zu erweisen, wehrhaft gegen die erklärten Feinde der Demokratie. Um sich juristisch mit seiner Auffassung keinen Ärger einzuholen, war Schröter ohne Dienstausweis, also als Privatmann vor Ort und hatte die Leitung der städtischen Versammlungsbehörde an den zuständigen Dezernenten für Ordnung und Sicherheit übertragen. An Schröters Seite beklagte der Jenaer Unidirektor Klaus Dicke, dass es nicht länger hinnehmbar sei, dass eine verfassungswertefeindliche Partei wie die NPD sogar mit Steuergeldern finanziert werde. Er forderte aber auch, mehr "Ursachenforschung" zu betreiben, warum die Anfälligkeit für rechte Parolen so gewachsen sei. Dies sei auch eine dringende Aufgabe für die Forschungsstadt Jena.
Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) neben Thüringens SPD-Landesvorsitzendem Matschie als Teilnehmer der Blockade gegen das Neonazifest der Völker 2007. Foto: KulickJenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) neben Thüringens SPD-Landesvorsitzendem Matschie als Teilnehmer der Blockade gegen das Neonazifest der Völker 2007. (© H.Kulick)
Trotz allem Widerstand der Zivilgesellschaft sickerten nach und nach bis zu 1.400 Teilnehmer des Nazifestes ein, die zur Überraschung des Jenaer Ordnungsamts rund 10 Euro "Spende" als Eintritt zahlen mussten. Dafür hatten die Veranstalter das Demonstrationsgelände, einen großen Parkplatz nahe dem Jenaer Bahnhof "Paradies", rundum eingezäunt und nur einen Zugang gelassen. Und das nicht etwa aus Sicherheitsfragen, lästerte vor Ort der zuständige Rechtsamtsleiter Jenas, Pfeiffer. "Es sieht so aus, als wollen sie auf diese Weise besser kontrollieren, dass jeder Besucher auch zahlt". Somit entpuppte sich die angemeldete öffentliche Demonstration eher als eine Art kommerzielle Rechtsrock-Veranstaltung, in den Umbaupausen unterbrochen von politischen Reden. In seinem Beitrag ließ der NPD-Vorsitzende Udo Voigt keinen Zweifel daran, was er sich für ein Europa der Zukunft vorstellt. Er wetterte gegen amerikanischen ''Kulturimperialismus, Wirtschaftsimperialismus und militärischen Imperialismus" und sei es "leid", selbst in Madrid auf Mcdonalds und Burger-King zu stoßen. Nötig seinen Politiker, "die die Art der Völker erhalten wollen". Es müsse wieder darum gehen, "uns zu unseren Völkern und Volksgemeinschaften zu bekennen". Ein Europa, das dies ausdrücke sei aus seiner Sicht aber "am 8.Mai 1945 verloren gegangen", sagte der NPD-Vorsitzende - also mit dem Ende des Dritten Reichs...

Ideologisches Lockmittel Musik

Schon im Jahr 2005 war der Thüringer Verfassungsschutz der Ansicht, dass das "Fest der Völker" der NPD vor allem "so großen Zulauf" aus der rechtsextremen Szene hatte, "weil acht Skinheadbands aus dem In- und Ausland auftraten und ihre Musik, nicht jedoch die Ansprachen von Rechtsextremisten, den Schwerpunkt der Veranstaltung bildeten". Aufgetreten waren damals neben anderen die Schweizer Band "Indiziert" die niederländische Gruppe "Brigade M", die schwedische Neonazi-Band "Nothung" und "Defiance" aus Frankreich. Als Redner waren neben anderen Claudiu Mihutiu von der rumänischen Noua Dreapta (ND), der niederländische Neonazi Constant Kusters (Nederlandse Volksunie) sowie der Brite Stephen Swinfen.

Ein Jahr später, im WM-Jahr 2006 konnte sich die Stadt Jena mit einem Verbot gerichtlich durchsetzen, denn im Zuge der WM-Sicherheitsmaßnahmen drohte der Polizei eine Überforderung. Um solchen Einsprüchen zu entgehen, verlegten die Veranstalter den Termin 2007 in den konkurrenzfreien September – und haben bis 2015 bereits weitere Termine reserviert. Ihnen den "Spaß daran zu nehmen" hat sich die Zivilgesellschaft Jenas zum Ziel gesetzt, damit Jena nicht zum Zentrum eines neuen Neonazinetzwerks wird.

Konzerte als Bindungsfaktor

Von einem solchen alljährlich wiederkehrenden "Fest der Völker" verspreche sich die NPD, mehr Neonazis und Skinheads als bisher für ihre Veranstaltungen zu gewinnen, auf Dauer an sich zu binden, andere Jugendliche an die Partei heranzuführen und stärker in die Öffentlichkeit hineinzuwirken, wertet der Thüringer Verfassungschutz. Auch bei der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) setzten die Nationaldemokraten besonders auf Musik als Lockmittel und bauen auf internationales Publikum ihrer Gesinnung. So weilten schon beim 1. "Sachsentag" am 4. August 2007 im Dresdner Ortsteil Pappritz, der unter dem Motto "Arbeit, Familie, Vaterland" stattfand, auch Besucher aus Österreich, Schweden und der Schweiz. Angelockt hatte sie ein international besetztes Line-Up von Neonazi-Bands, darunter die US-amerikanische Teenieband "Prussian Blue" (siehe den Schwerpunktartikel zum Thema USA).

Die zum "Fest der Völker" am 8. September 2007 angekündigten Rechtsrock-Bands, so analysierte sogleich die linke Antifa auf ihrer Website indymedia, "stellen sich offen in die Tradition des 3. Reiches. Allesamt dem "Blood and Honour"-Spektrum angehörend, positionieren sie sich bewusst in einer Linie mit der historischen Hitler-Jugend und der Waffen-SS." Dementsprechend sei das "Fest der Völker" als das anzusehen, was es ist: "Eine Weiterführung der verbotenen internationalen 'Blood and Honour'-Strukturen unter dem Deckmantel der NPD". Nach solchen einschlägigen Inhalten brauche man bei den fünf internationalen Nazibands, die angekündigt wurden, nicht lange suchen. "Brutal Attack" aus England beziehen sich beispielsweise in einem Lied explizit auf Adolf Hitler und dessen Stellvertreter Rudolf Heß: "...46 Jahre verbrachte ich allein, ich diente dir noch am Ende. Für mich warst du mein Führer und ich dein loyalster Freund."

Verbunden mit der musikalischen Werbung um jugendliche Anhänger sind auch klare rechtsextreme Botschaften. So heißt es in dem Aufruf der Veranstalter unter anderem: "Wir Nationalisten sind keine Ausländerfeinde ... wir achten jede Kultur und jeden Menschen, jedoch sind wir der Meinung, dass jeder Mensch und jede Kultur ihren angestammten Platz in dieser Welt hat, dieser muss auch von jedem respektiert werden ..."

Hierzu will man sich mit Gleichgesinnten aus europäischen Ländern zusammentun: "Wir setzen an Stelle der volksfremden und raumlosen kapitalistischen Ideologie auf souveräne Nationalstaaten, die mit raumorientierten nationalen Volkswirtschaften auf ein Europa der Vaterländer, ein friedliches Miteinander und gleichberechtigte Partnerschaften zur Sicherung der eigenen Autarkie bauen. Die Idee der Zukunft spricht die Sprache der Völker und nicht die einer "One World"...", hieß es in dem Aufruf für das "Fest der Völker" 2007.

Auch in diesem Fall ist die Wortwahl doppelbödig. Der Begriff "Raumorientierte nationale Volkswirtschaften" erinnert stark an das nationalsozialistische Prägung "Volk ohne Raum" im so genannten Dritten Reich, mit dem die völkische Expansion der nordischen weißen Rasse nach Osteuropa begründet wurde.

Börse für Kontakte und Konsum

Das Spektakel in Jena dient aber nicht nur solcher unterschwelligen Verbreitung von Naziideologie, sondern auch dem Direktverkauf von Kleidung mit Aufdrucken, die in der rechtsextremen Szene begehrt sind, Tonträgern u.v.m., was sonst nur mühsam über das Internet bestellt werden kann. Wichtigster Zweck ist jedoch die Funktion als eine Art Kontaktbörse im Rahmen der rechtsextremen "Europäischen Nationalen Front" (ENF). Die ENF, deren Motto ebenfalls "Für ein Europa der Vaterländer!" lautet, wurde im Januar 2003 auf einer Versammlung der spanischen Faschisten-Organisation La Falange ins Leben gerufen. In ihr wirken rechtsextreme Gruppierungen aus verschiedenen Ländern West- und Osteuropas mit.

Aktuell führt die ENF auf ihrer Website neben der NPD rechtsextreme Organisationen aus Frankreich (Renouveau Francais), Italien (Forza Nuova), Griechenland (Patriotische Allianz), Rumänien (Noua Dreapta) und Spanien (La Falange) als Mitglieder auf. Als Beitrittskandidaten werden Nationale Alliantie (Niederlande) und der Bulgarische Nationalbund gehandelt. Die ENF will die "nationalen" europäischen Kräfte vereinigen. Und für ein "unabhängiges, würdiges, christliches, nationales und revolutionäres Europa" − "ein Europa der Vaterländer kämpfen". Ideologische Vorbilder der ENF sind der rumänische Antisemit Corneliu Codreanu (1899-1938) und der spanische Faschist Jose Antonio Primo de Rivera (1903-1936).

Solche internationale Vernetzungstreffen von Rechtsextremisten finden ebenfalls in anderen Ländern statt, deutsche Neonazis zieht es auch wegen der starken Gegenaktivitäten von Kommunen, Bürgerinitiativen und Antifa immer häufiger zu Treffen und Konzerten nach Skandinavien, in osteuropäische Länder, aber auch nach Südtirol oder Griechenland. So weilte Ende Januar 2007 im Rahmen der ENF eine 15-köpfige Delegation von NPD-Anhängern und Jungen Nationaldemokraten (JN) mit dem NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt bei einer Veranstaltung der griechischen Patriotischen Allianz in Athen. Anwesend sollen dort auch Mitglieder der spanischen Falange gewesen sein.

Als besondere Niederlage gilt es europaweit in der Naziszene, dass es 2007 erneut nicht gelang, im fränkischen Wunsiedel aufzumarschieren. An den dortigen Gedenkmärschen der rechtsextremen Szene zu Ehren des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß beteiligten sich Mitte August jährlich bis zu 5.000 Neonazis aus ganz Europa. Seit 2005 blockieren aber Gerichte und Bevölkerung den Aufmarsch, weshalb es für die Neonaziszene umso wichtiger geworden ist, mit dem "Fest der Völker" in Jena einen neuen Anlaufpunkt für Gleichgesinnte aus ganz Europa zu schaffen.

Unterstützung leisten sich Rechtextremisten gegenseitig auch bei Gedenkritualen, die in der Szene sowohl national als auch international große Bedeutung haben. So reiste beispielsweise eine NPD-Delegation im Februar nach Budapest, um an der diesjährigen Gedenkkundgebung für die Waffen-SS-Mitglieder teilzunehmen. Schon in den Jahren zuvor war ein NPD-Funktionär bei dem Waffen-SS-Gedenken als Redner aufgetreten.

Banner am Zaun des Jenaer Neonazikonzertareals: ''Schaut nicht länger zu - raus aus der EU''. Foto: KulickBanner am Zaun des Jenaer Neonazikonzertareals: ''Schaut nicht länger zu - raus aus der EU''. (© H.Kulick)
Ein für den 21. April in Lissabon geplanter Kongress musste allerdings wegen fehlender Räumlichkeiten abgeblasen werden. Ausgerichtet werden sollte er von der portugiesischen Partei der Nationalen Erneuerung und dem rechtsextremen Jugendbündnis Juventude Nacionalista unter der Themenstellung "Aktivismusformen in Europ". Eingeladen waren dazu neben verschiedenen rechtsextremen Parteien aus Italien und Spanien u.a. auch der belgische Vlaams Belang, die Partei Neue Ordnung der Schweiz (PNOS) und die deutsche NPD. Auch die Jungen Nationaldemokraten sagten einen für den 17. Februar 2007 in Sachsen geplanten Europäischen Kongress mangels Veranstaltungslokal ab. Das Motto der Veranstaltung sollte lauten: ''Damit der Wind sich dreht: Globalen Kapitalismus angreifen. Überall kämpfen Völker für die Freiheit der Natio." Improvisiert wurde dann schließlich eine Veranstaltung mit Eigenangaben zufolge rund 100 Teilnehmern in den Räumlichkeiten des 'Deutsche Stimme'-Verlags im sächsischen Riesa. An ausländischen Gästen sollen neben anderen der Rumäne Ion Geblescu (Noua Dreapta), ein Vertreter der PNOS aus der Schweiz sowie Aktivisten befreundeter Jugendorganisationen aus Österreich, Großbritannien, Spanien, Italien, Schweden, Ukraine, Griechenland und Frankreich zugegen gewesen sein.

Auf ausländische Vorzeigegäste setzt die NPD auch alljährlich bei ihren Aufmärschen im Februar in Dresden, wo an den aus ihrer Sicht "Bombenholocaust" der Alliierten im Zweiten Weltkrieg erinnert werden soll und die deutsche Kriegsschuld verharmlost wird. 2006 liefen demonstrativ portugiesische Rechtsaußen mit eigenem Banner mit. Und 2007 gab es demonstrativ sogar das: Bannerträger mit der Aufschrift "Russlanddeutsche in der NPD".
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