Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

7.9.2007 | Von:
Michael Funk

Wachablösung?

Metamorphose und Fragmentierung der extremen Rechten in den USA

Rückkehr der Braunhemden

Größter Nutznießer des entstandenen Führungsvakuums ist bislang die bereitwillig als Auffangbecken fungierende paramilitärische Gruppierung The Nationalist Socialist Movement (NSM), auch bekannt als "American Nazi Party", die mittlerweile zur größten rechtsextremen Organisation in den USA avanciert sind. Mit Erfolg setzte die in Minneapolis ansässige Organisation in der Öffentlichkeit dabei immer wieder auf einen Mix aus Aktivismus, Provokation und Profitinteresse. Die NSM unterhält einen Musikvertrieb, diverse Radioprogramme und ist 2006 mit dem Erwerb einer "Whites Only"-Partnerbörse auch ins Online-Geschäft eingestiegen. Der ungefähr 200 Personen umfassende harte Kern der Mitglieder zeigt sich auf Kundgebungen, Demonstrationen oder anderen Veranstaltungen demonstrativ in nachgebildeten NS-Uniformen inklusive Hakenkreuz-Armbinden und schwarzen Lederstiefeln. Führerkult und die Gründung eines "Großamerika" sind ebenso im Programm festgeschrieben wie der Entzug der Staatsbürgerschaft aller Nicht-Weißen, Juden und Homosexuellen.

Wegen ihres offensichtlichen Uniform-Fetischismus werden die NSM-Anhänger, die von der eigenen Führungsspitze strikt angewiesen sind, keine Straftaten zu begehen, oft spöttisch als "Hollywood Nazis" bezeichnet und speziell von Teilen der Skinhead-Szene angefeindet. Empörung löste im vergangenen Jahr das Bekanntwerden von Verbindungen eines hochrangigen NSM-Funktionärs zu einer okkultistischen Sekte namens "Joy of Satan" (Freude des Satans) aus, in dessen Folge einige Mitglieder die Splittergruppe American National Socialist Workers Party (ANSWP) gründeten.

Immer gut für Medieninszenierungen: Gordon Young vom KKK.Immer gut für Medieninszenierungen: Gordon Young vom KKK. (© Southern Poverty Law Center)
Umwälzungen ereigneten sich auch in anderen Teilen der extremen US-Rechten wie etwa der rassistischen Skinhead-Szene oder dem Ku Klux Klan (KKK). Ende 2005 installierten Anführer von mehr als einem Dutzend Skinhead-Gruppen aus dem Umfeld des gleichnamigen internationalen Skinhead-Netzwerkes mit dem "Blood & Honour Council" ein gemeinsames Gremium zur Koordination zukünftiger Aktivitäten und Strategien. Die Geburtsstunde der ambitionierten Koalition war gleichzeitig aber auch eine Kampfansage an die Vormachtsposition der "Hammerskins" (HS), dem seit den späten 1980ern dominierenden Syndikat innerhalb der US-amerikanischen Kahlkopf-Subkultur. Viele jüngere Skinhead-Gangs erkennen die Autorität und den damit verbundenen Loyalitätszwang gegenüber der sich als "Elite der Bewegung" verstehenden HS nicht an. Die Spannungen zwischen den rivalisierenden Lagern entluden sich bislang vor allem auf Konzerten oder im hart umkämpften Rechtsrock-Markt, der in den USA maßgeblich von Skinheads kontrolliert wird. Zu den aktivsten Gruppen zählt z.B. die 1994 entstandene Neonazi-Organisation Volksfront aus Portland, die Ableger in Kanada, Australien, Spanien, Portugal und Deutschland unterhält.

Deutlich zugenommen haben 2006 nach längerer Schwächeperiode auch die Aktivitäten des KKK, verbunden mit dem Ausbau von organisatorischer Infrastruktur und Rekrutierungsinitiativen. Die nach Ende des US-amerikanischen Bürgerkrieges von Konföderations-Veteranen gegründete und in ihrer Blütezeit in den 1920er Jahren mit 4,5 Millionen Mitgliedern größte rassistische Terrororganisation hat in den letzten Jahren eine Phase der Modernisierung durchlaufen. Expertenschätzungen zufolge besteht der Klan heute aus insgesamt 5.000 – 8.000 Personen, die in mehr als 150 voneinander unabhängigen Ortsgruppen, so genannten "Chapters" oder "Klaverns" organisiert sind. Während die Hochburgen der zersplitterten Bewegung traditionell in den Staaten des Südens und Mittleren Westens liegen, haben sich deren Aktivitäten in den letzten Jahren auch auf bislang verschonte US-Bundesstaaten ausgebreitet. Zu den wichtigsten Fraktionen zählen die "Imperial Klans of America" (IKA) aus Kenntucky, die "Knights of the Ku Klux Klan" aus Arkansas oder die mittlerweile in Tennessee ansässige "Brotherhood of Klans" (BOK). Die Revitalisierung des KKK ist spätestens seit Ende der 1990er Jahre mit einer zunehmenden "Nazifizierung" der Mitgliedschaft verbunden. Vor allem die Anhänger jüngerer Klan-Gruppen haben die Subkultur rassistischer Skinheads und Neonazis, inklusive Ideologie, Kleidungsstil, Musik, Tätowierungen oder anderer Symbolik, adaptiert und sind auf Kundgebungen kaum mehr von diesen zu unterscheiden. Die verbreitet als Kompensationsritual ewiggestriger Fanatiker betrachteten Kreuzverbrennungen mit Roben und Masken werden längst nicht mehr überall praktiziert. Mit den IKA erklärte im Frühjahr 2006 erstmals eine Splitterfraktion des traditionell christlich verwurzelten KKK, künftig in bestimmten Fällen auch "Odinisten, Nationalsozialisten, Skinheads, Konföderierte...oder andere Kämpfer für die gemeinsame Sache" aufzunehmen.

Rechtes "Crossmarketing"

Die Suche der extremen US-Rechten nach neuen Strategien äußert sich besonders in den Versuchen, szenenübergreifende Allianzen zu schmieden. So trafen sich im März 2006 in South Carolina Vertreter von NSM, AN und verschiedener Klan-Fraktionen, um weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten, während beim Gipfeltreffen des "Blood & Honour Council" die von den Skinheads als politischer Partner auserkorene National Alliance mit am Tisch saß. Bereits seit mehreren Jahren kooperieren verschiedene Einzelpersonen oder Gruppen des Spektrums erfolgreich bei der Organisation von Konferenzen, Waffenbörsen oder Festivals, wie dem "Nordicfest" (Imperial Klans of America und Blood & Honour USA). Auch die NSM übte bei ihren regelmäßig stattfindenden Demonstrationszügen zuletzt immer wieder den Schulterschluss mit anderen Rechtsextremisten, um eine größere öffentliche Präsenz zu erzielen. Allerdings waren solche Koalitionen in der Vergangenheit selten von langer Dauer.

US-Rechtsextremist David Duke vor der Konföderierten Fahne.US-Rechtsextremist David Duke vor der Konföderierten Fahne. (© AP)
Ähnliche Ziele verfolgt seit längerem David Duke, die wahrscheinlich prominenteste Einzelperson der USA und selbst ernannter Sprecher der "weißen Bürgerrechtsbewegung". Der in den 1970er Jahren als KKK-Führer profilierte Rassist und Antisemit gilt für viele in der Szene als potentieller Kopf einer politisch zumindest halbwegs salonfähigen rechtsextremen Sammelbewegung. Seine Tiraden über die Gefahr des zionistischen Imperialismus, die angebliche Zersetzung traditioneller amerikanischer Werte durch eine "krankhaft-degenerierte Ausländerkultur" oder den als Multikulturalismus kaschierten "Genozid" an der weißen Rasse verbreitet der Gründer der European-American Unity and Rights Organization (EURO) über eine wöchentliche Diskussionsrunde in dem populären neonazistischen Internetportal "Stormfront", den "Duke Town Hall". 2004 initiierte Duke das "New Orleans Protokoll", ein rechtes Manifest, nach dem Nationalisten respektvoll zusammenarbeiten und sich dabei von Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele distanzieren sollten.

Bekannt ist der wegen Veruntreuung von Spendengeldern vorbestrafte Duke nicht zuletzt durch seine umfangreichen Kontakte zu internationalen Holocaustleugnern und anderen rechtsextremen Parteien oder Gruppierungen. In den letzten zwei Jahren besuchte er unter anderem Syrien, die Ukraine, Russland sowie ein halbes Dutzend europäischer Staaten, um Vorträge zu halten, Interviews zu geben oder Neuausgaben seiner antisemitischen Publikationen vorzustellen. Seine ausgiebigen Reisen führten ihn auch mehrfach nach Deutschland zu Veranstaltungen der NPD, deren Abgesandte auf Dukes alljährlichen Konferenzen gleichermaßen zu den "üblichen Verdächtigen" gehören. Im Dezember 2006 trat Duke als geladener Redner bei der vom iranischen Staatspräsidenten Mahmoud Ahmadinejad initiierten Konferenz zur "Neuuntersuchung" des Holocaust auf.

Vom Führungsvakuum zum führerlosen Widerstand

Die extreme Rechte in den USA präsentiert sich heute fragmentierter denn je. Weder strukturell noch ideologisch stellt das organisierte "White Supremacy"-Spektrum einen homogenen Block dar: Es reicht von sich nach außen moderat gebenden Neonazis à la Duke über gewaltbereite Glatzköpfe und Verschwörungstheoretiker bis hin zu sezessionistischen Neokonföderierten und paranoiden Milizionären.. Der durch den Tod der letzten charismatischen und allgemein respektierten Figuren Richard Butler und William Pierce angestoßene Generationswechsel hat zwar ein Machtvakuum auf der Führungsebene hinterlassen, vielerorts aber auch eine Phase der Modernisierung und Revitalisierung in Gang gesetzt, deren Verlierer in erster Linie die großen Mitgliedsorganisationen sind. Nicht zuletzt aufgrund der zahlreiche Skandale um rechte Führungspersonen steht der jugendliche Nachwuchs Parteidisziplin und ideologischem Dogmatismus skeptisch gegenüber. Daneben hat das Internet mit seinen Möglichkeiten die Mitgliedsorganisation als primärer Ort von Informationsaustausch und Kommunikation unter den Gleichgesinnten abgelöst. Profitieren tun die Extremisten, inklusive nachhaltig stigmatisierten Gruppen, wie im Fall des Ku Klux Klans derzeit zu beobachten, von der inhaltlichen Besetzung sensibler und in der Bevölkerung mit Ängsten besetzten Themen wie Immigration, Homosexuellen-Ehe, Kriminalität oder christlichen Wertvorstellungen.

Die Krise der "Dinosaurier" (NA, AN) ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit einer Schwächung oder gar Zerschlagung der Bewegung, sondern verdeutlich lediglich die Annahme eines neuen Organisationsmodells. Gestützt durch die technische Entwicklung sind in der radikalen Skinhead- und Neonazi-Szene der USA in den letzten Jahren viele locker strukturierte, miteinander lose vernetzte Gangs entstanden, oftmals beschränkt auf eine einzige Stadt oder einen Vorort, deren Handeln sich am Konzept vom "führerlosen Widerstand" des Neonazis und früheren Klan-Führers Louis Beam orientiert. Unabhängige Zellen aus einer oder wenigen Einzelpersonen sind im Gegensatz zu organisierten rechten Gruppen flexibler, schwerer zu fassen und kaum zu infiltrieren. Welche Gefahren dennoch von solchen so genannten "lone wolfs" (Einsame Wölfe) ausgeht, zeigen die Ergebnisse der von den US-Behörden nach dem 11. September zumindest teilweise auch auf "domestic terrorism" (Einheimischen Terrorismus) ausgedehnten Strafverfolgung.