Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

5.9.2007 | Von:
Berenika Partum / Joachim Wolf

"Rassismus - auch in Polen ein Problem"

Jacek Purski im Interview mit Berenika Partum und Joachim Wolf

bpb: Gibt es eine Verbindung zwischen den kleinen rechtsextremen Gruppen und den Parteien in Polen?

Purski: Es scheint oftmals so eine Art "natürlicher Prozess" in der politischen Karriere vieler Rechtsextremer zu geben: Sehr oft beginnt so eine Karriere im Stadion, mit rechtsextremen Denkweisen. Diese Leute beginnen sich im kleinen Rahmen, auf lokaler Ebene, zu organisieren. Später gelangen sie dann zu Parteien wie z. B. der "Nationalen Widergeburt Polens" oder zu den Parteien, die eine Unterstützung in der Bevölkerung suchen. Hier spreche ich auch über die LPR, die "Liga der polnischen Familien." Die neusten Enthüllungen zeigen, dass einige Mitglieder der LPR, unter anderem Radoslaw Parda, Rafal Wiechecki und Piotr Farfal (kennt man diese Herrschaften? Vielleicht noch ein kurzer Hinweis zu den Personen?), früher Verbindungen zu kleinen rassistischen Gruppierungen hatten. Heute haben diese Leute die hohe wenn nicht die höchsten Ämter im Staat.

bpb: Welche Verbindungen gibt es zwischen der rechtsextremen Szene und der Hooligan Szene in Polen?

Purski: Die Verbindungen zwischen Hooligans und Rassismus sind sehr deutlich, aber ich will das auch nicht verallgemeinern. Viele der jetzigen Hooligans sind ehemalige Neonazis. Zu Beginn der neunziger Jahre war das eine richtige Massenbewegung - die Stadien waren voll mit Fans, die ihre Bomberjacken mit dem orangefarbenen Innenfutter nach außen tragen mussten, da sie an der Außenseite der Jacke faschistische Symbole trugen. Heute ist es in den Stadien nicht mehr so populär, ein Neonazi zu sein. Jetzt unterwandert die rechtsextreme Szene eher die Popkultur und versucht sie beispielsweise durch antisemitische Texte zu beeinflussen.

bpb: Wissen Sie auch etwas über die Verbindung von polnischen Neonazis zur deutschen oder zur europäischen rechtsextremen Szene?

Purski: Ich versuche hier am besten kurz, die drei Ebenen der Zusammenarbeit zu charakterisieren. Die erste Ebene ist die des Europäischen Parlaments. Hierbei denke ich an allgemein akzeptierte Politiker, die ein öffentliches Mandat für das Europäische Parlament bekommen haben und im EU- Parlament mit Politikern des rechtsextremen Lagers zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit ist verhältnismäßig klein, sie ist sicherlich nur eine Randerscheinung, aber es lohnt sich auf die Kontakte dieser Personen zu achten. Die zweite Ebene ist die der politischen Parteien. Ich spreche hier z.B. von der "Nationalen Wiedergeburt Polens" (NOP), einer faschistoiden Partei, die offiziell nicht zugibt, dass sie z.B. mit der deutschen NPD zusammenarbeitet. Tatsache ist aber, dass sowohl die NPD als auch die "Nationale Wiedergeburt Polens" zu der "International Third Position" gehören – einem internationalen faschistischen Netzwerk, dass auf der europäischen Ebene arbeitet.

"Die nationale Wiedergeburt" hat bereits mehrmals mitgeholfen, Konferenzen bzw. Treffen dieser Organisation zu organisieren. Die dritte Ebene ist die der Zusammenarbeit der "Kameradschaften". Diese kleinen Gruppen geben - häufig aus ökonomischen Gründen - Zeitschriften und CDs heraus. Oder sie organisieren Konzerte oder Treffen. Das alles ist nun einmal billiger hier in Polen. Und so haben beispielsweise ostdeutsche Kameradschaften eines ihrer Nazi- Konzerte gleich hinter der deutsch-polnischen Grenze organisiert. In Polen wurden auch einige Ausgaben des "Stürmers" nachgedruckt. Es gab auch einige Fälle, wo die Polizei in Wohnungen von polnischen Neonazis Material gefunden hat, das in Polen für Deutschland und England produziert wurde. Diese Form der Zusammenarbeit ist meiner Meinung nach gefährlich.

bpb: Hat der Verein "Nie Wieder" Verbindungen zu anderen antirassistischen Organisationen in Europa?

Purski: Wir sind Mitbegründer des FARE-Netzwerkes (Football Against Racism in Europe). Außerdem sind wir im Netzwerk "United for Intercultural Action" organisiert. Das ist eine Netzwerk aus mehr als 550 Organisationen aus 46 europäischen Ländern. Damit ist es das größte Anti-Rassismus Netzwerk in Europa.

bpb: Werden Sie bei Ihrer Arbeit von der rechtsextremen Szene bedroht?

Purski: Ja. Zwei krasse Beispiele: Einer unserer Mitarbeiter stand auf der "Redwatch Liste" von Blood & Honour. Dort werden vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner mit Bildern und unter Angabe beispielsweise der Telefonnummer und der Adresse genannt. Und: Im letzten Jahr bekam ich einen Drohanruf - der Anrufer sagte, er wolle mir auf dem Festival "Haltestelle Woodstock", auf dem wir jedes Jahr einen Informationsstand haben und ein antirassistisches Fußballturnier durchführen, ein Messer in den Rücken stoßen. Ich bekomme auch andere Drohnachrichten. Aber offene Gewalt habe ich glücklicherweise bisher nicht erfahren.

bpb: Bekommen Sie bei Ihrer Arbeit Unterstützung von der polnischen Regierung?

Purski: Nein. Und von der jetzigen schon gar nicht.

bpb: Herr Purski, vielen Dank für dieses Gespräch

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