Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

25.5.2007 | Von:
Annette Ramelsberger

Wer fährt schon gern bei der Müllabfuhr mit?

Über die Arbeit gegen Rechtsextremismus – und warum sie von Journalisten und Politikern so selten beachtet wird

Ein Igitt-Thema?

Für viele Journalisten ein Igitt-Thema, sich um Neonazis und den mühsamen Widerstand dagegen kümmern zu müssen. Dabei passiert dort oft einfallsreicheres, als es viele Medien vermitteln. Die Aufnahme entstand in Halbe. Copyright: KulickFür viele Journalisten ein Igitt-Thema, sich um Neonazis und den mühsamen Widerstand dagegen kümmern zu müssen. Dabei passiert dort oft einfallsreicheres, als es viele Medien vermitteln. Die Aufnahme entstand in Halbe. (© H.Kulick)
Vier Thesen, warum die Arbeit der Gruppen gegen Rechtsextremismus, überhaupt das ganze Problem, immer so schnell abgeschrieben ist – nicht nur von Journalisten, auch von der Politik:

Die erste These: Rechtsextremismus ist immer noch ein Thema, mit dem sich die meisten am liebsten gar nicht beschäftigen würden. Ein Igitt-Thema, das man nur mit spitzen Fingern anfasst. Auch in den Redaktionen von Zeitungen und Sendern. Ein Thema, bei dem man sich rechtfertigen muss, wenn man darüber schreibt. Bei dem man um Platz kämpfen muss – ganz anders, als wenn man auf einer ganzen Zeitungsseite die Verästelungen der Gesundheitsreform aufdröselt. Oder Leitartikel-lang über die Machtverhältnisse in der Großen Koalition grübelt.

Das Thema hat auch den Nachteil, dass Journalisten und Politiker daraus keine eigene Bedeutung ziehen können. Hier gibt es keinen Abglanz der Mächtigen, der einen selbst erstrahlen lässt. Keine Wirtschaftsmanager, denen man die Hand schütteln kann, keine Künstler, die ein wenig Abwechslung ins Redaktionsleben bringen. Hier gibt es nur Niederungen, die die Kollegen schaudern lassen, wenn man von den Recherchen erzählt. Man tut hier eine Arbeit nicht unähnlich der öffentlichen Müllabfuhr, notwendig, aber anrüchig. Eine Arbeit, die einem höchstens noch ein freundliches Schulterklopfen einbringt, weil man sich ernsthaft mit so was Scheußlichem befasst. "Sehr verdienstvoll" - heißt das dann. Im Klartext will der Kollege sagen: Gott sei Dank muss ich das nicht machen. Keiner reißt sich um dieses Thema – so wie sich keiner darum reißt, bei der Müllabfuhr mitzufahren.

Manche Kollegen haben für die Nicht-Befassung mit dem Rechtsextremismus sogar ein gutes Argument: Man will die Rechten nicht "hochschreiben". Man will ihnen keine Bühne geben, keinen Platz machen für all die Voigts und Apfels und Pastörs der NPD und oder den Gerhard Frey der DVU zwischen den ehrenwerten Merkels, Becks und Köhlers im Blatt.

Dieses Argument hört sich auf den ersten Blick ganz gut an: Keine Augenhöhe mit den Anti-Demokraten. Gebt Ihnen den Platz, der ihnen zusteht: den Platz am Katzentisch. Es ist ein Argument, wie es in den letzten Jahren auch immer wieder von Politikern bemüht wurde, wenn es darum ging, ob man sich mit NPD-Leuten auf ein Podium setzt, ob man mit ihnen diskutiert. Auch viele Politiker wollten durch die Ausgrenzung der Rechten verhindern, dass diese Leute als normale Partei, als salonfähig betrachtet werden.

Ich persönlich halte dieses Argument aber schon lange nicht mehr für stichhaltig: weder in den Redaktionen noch in der Politik. Den Kameradschaften in Mecklenburg-Vorpommern ist es schlicht egal, ob die Süddeutsche Zeitung über sie schreibt oder der Deutschlandfunk über sie sendet. Und ihre Anhänger dort nutzen ganz andere Medien und oft gar keine, sie brauchen uns nicht. Mit der Ausgrenzung dieser Protagonisten aber verordnen wir unseren aufgeklärten, intelligenten Lesern eine Art fürsorgliche Schonhaltung, als wenn wir ihnen den O-Ton der Neonazis nicht zumuten wollten. Und die Leser und Hörer und Zuschauer können sich dann oft gar nicht vorstellen, mit welchem Zynismus die Rechtsextremen argumentieren. Wie raffiniert sie ihre Angriffe setzen, wie dreist sie die Geschichte verfälschen.

Kurz: Wir vermitteln ein geschöntes Bild von der Realität – den vielen Glatzen- und Stiefel-Bildern zum Trotz, die wir verbreiten. Sie sind ein Klischee, das die viel brutalere Wahrheit überdeckt.

Und die Politiker, mit Verlaub, sind der gleichen Fehlanalyse aufgesessen: Sie wollten die Rechten ebenfalls nicht "hochschreiben" – nur heißt das bei ihnen anders – sie wollten die Herren nicht aufwerten, indem sie sich mit ihnen befassten.

Doch diese Weigerung ist nach hinten los gegangen: Wer Argumente verweigert, ist deswegen kein besserer Demokrat, sondern setzt sich dem Verdacht aus, keine Argumente zu haben. Genau so nehmen das Wähler und Zuschauer auch wahr. Deshalb war es verheerend, als nach der Wahl in Sachsen demokratische Politiker fast fluchtartig das Studio verließen, als die Rechten sprechen wollten. Deswegen war es peinlich, wie Journalisten ihnen mangels guter Argumente einfach das Mikro abdrehten. Das wirkt nicht überzeugend, das wirkt schwach. Und es macht Anti-Demokraten zu Märtyrern.

Diese erste These zusammengefasst: Rechtsradikalismus und die Arbeit dagegen ist kein Thema, mit dem man glänzen kann. Nur wenige wollen sich in diese Niederungen begeben und sich die Finger schmutzig machen. Viele haben auch ein mulmiges Gefühl, diesen Leuten zu nah zu kommen. Zudem sollte, wer sich damit beschäftigt, nicht nur die Gewissheit haben, der bessere Demokrat zu sein, sondern dafür auch ein paar stichhaltige Argumente haben.

Die zweite These betrifft nicht meinen Berufsstand, sondern die Berufsauffassung der Initiativen: Sie machen es Journalisten nicht leicht, über ihre Arbeit zu berichten...