Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

25.5.2007 | Von:
Annette Ramelsberger

Wer fährt schon gern bei der Müllabfuhr mit?

Über die Arbeit gegen Rechtsextremismus – und warum sie von Journalisten und Politikern so selten beachtet wird

Täter, die immer cooler werden.

Die Journalistin Annette Ramelsberger (r.) als Podiumsgast bei einer Fachtagung über die 2006 zu Ende gegangenen Bundesförderprogramme gegen Rechtsextremismus ENTIMON und CIVITAS in Berlin. Foto: KulickDie Journalistin Annette Ramelsberger (r.) als Podiumsgast bei einer Fachtagung über die 2006 zu Ende gegangenen Bundesförderprogramme gegen Rechtsextremismus ENTIMON und CIVITAS in Berlin. (© H.Kulick)
Das alles hilft nur, wenn ich auch wirklich gute Arbeit mache. Und ich behaupte: Manches von dem, was in den Projekten gemacht wird, ist nur gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

Um nicht ungerecht zu werden, muss ich aus meinen eigenen Erfahrungen berichten. Sie sind natürlich subjektiv, aber auch exemplarisch. Vergangenes Jahr wollte ich genau das tun, was Sie vermutlich für ganz verdienstvoll halten – ich wollte eine Geschichte über jene Menschen machen, die aktiv gegen Rechtsradikale arbeiten. Doch das war bedeutend einfacher gedacht als getan. Und es lag nicht daran, dass ich mir keine Zeit genommen hätte. Ich hatte nur Mühe, Projekte zu finden, die eine Arbeit machen, die man mit gutem Gewissen beschreiben kann.

Ich begleitete ein Team einer Aktion Zivilcourage, das in einer Förderschule in der kleinen brandenburgischen Stadt Nauen einen Aktionstag gegen Rechtsextremismus organisierte. Es waren 15-Jährige, die hier saßen, und es war ganz offensichtlich, dass sie sich bedeutend mehr für die Unterwäsche ihrer Klassenkameradinnen interessierten als für diese Studenten, die ihnen irgendwas über Rechtsextremismus erklären wollten.

Es ging schon gut los: Das Team kam zu spät. Als es kam, übernahm ein Student das Wort, der alles konnte, nur nicht mit jungen Leuten sprechen. Er erzählte den 15-Jährigen etwas von Demokratiedefizit und von sozialer Kontrolle – die Schüler verstanden kein Wort. Manchmal merkte man, wie der Student sich mühte, sein Deutsch ins Verständliche zu übersetzen – so als wenn er gerade aus dem Soziologie-Seminar gekommen wäre. Es gelang ihm nicht wirklich. Und die Jungs in der Klasse beschäftigten sich auch nach einer Stunde immer noch lieber mit den Tangas der Schülerinnen als mit der Frage, warum sie Ausländern nicht in ihren Jugendklub reinlassen.

Der Eindruck, der sich mir aufdrängte nach diesem Schultag: Die Lehrer dürfen sich beruhigt fühlen, weil sie Experten an die Schule geholt haben, die ihnen die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen abnehmen. Die Studenten haben ein schönes Gefühl, weil sie einen Tag für die gute Sache geopfert haben. Die Schüler fanden es toll, mal keinen Stoff lernen zu müssen. Aber hat es was geholfen? Ich behaupte: wenig.

Meine weitere Recherche führte mich ins Anne-Frank-Zentrum in Berlin. Eine Schulklasse aus Brandenburg war gekommen und sah sich die Ausstellung an. Ein Freiwilliger begleitete die Klasse. Dann fragte ein Junge, warum er nicht stolz auf seinen Opa sein dürfe. Warum der als Kriegsverbrecher beschimpft werde. Der habe doch nur Befehlen gehorcht. Und der Mitarbeiter antwortete: nichts.

Da musste erst die Lehrerin einspringen und von unveräußerlichen Menschenrechten sprechen, von dem Recht, Befehle zu verweigern und dem Mut, Nein zu sagen. Von dem angeblichen Experten bekam sie kein Argument geliefert. Der hielt sich raus.

Und ich war in Bad Schandau in Sachsen. Dort besuchte ich einen Jugendklub, um etwas über den Einfluss der Neonazis zu erfahren. Freundliche junge Leute saßen da – von Rechten keine Spur. Es stellte sich heraus, dass die junge Sozialarbeiterin es für viel zu gefährlich hielt, mich in einen rechten Jugendklub zu führen. Dass sie mit Müh und Not diesen Klub für normale Jugendliche aufrecht erhalten kann. Und es stellte sich noch etwas heraus: Zwei Jahre lang hatte der Trägerverein diese junge Frau allein durch mehr als 22 Klubs geschickt und sie die Auseinandersetzung mit den Rechtsradikalen ganz allein führen lassen. Erst nach zwei Jahren bekam sie Unterstützung – durch eine weitere junge Frau. Und die Sozialarbeiterin war gottfroh, weil sie jetzt endlich mal eine Minute nach Argumenten suchen konnte, während ihre Kollegin die Rechten in Schach hielt.

Wer dieses Einzelkämpfertum für sinnvoll hält, der kann es auch gleich lassen. Der verschleißt diese jungen, engagierten Menschen, der schickt sie in Situationen, denen sie nicht gewachsen sein können. In denen sie allein gegen geschulte, smarte Typen antreten, die ihnen rechtsradikale Argumente an den Kopf werfen und sie dann noch gönnerhaft hinauswinken. Wer eine solch schwierige Arbeit mit so dünner Besetzung verantwortet, der will offenbar nur den Anschein von Betreuung erwecken, aber keine Veränderung bewirken.

Als ich abfuhr, hatte ich das Gefühl, dass hier fahrlässig mit Menschen umgegangen wird, die doch eigentlich die Speerspitze der Demokratie sein sollen. Selbst ein Sozialarbeiter mit der Figur eines Arnold Schwarzenegger und der Überzeugungskraft eines Wolfgang Thierse könnte in jener Gegend auf sich allein gestellt nichts ausrichten.

"Endlich verstehen die Demokraten, dass sich Demokratie nicht von selbst erklärt"

Doch ich gebe zu: Die Arbeit der Initiativen ist besser geworden, professioneller. Es gibt jetzt immer mehr Schulungen, wie man mit den Argumenten der Rechtsradikalen umgeht, wie man Geschichtsfälschung begegnet, wie man ihre Anhänger verunsichert. Ich halte das für einen massiven Fortschritt: Endlich verstehen die Demokraten, dass sich Demokratie nicht von selbst erklärt und man sich schon die Mühe machen muss, Argumente dafür zu haben. Dass man sich auch selbst wieder vergewissern muss, warum man die Demokratie für die beste aller schlechten Staatsformen hält. Und nicht nur selbstverständlich darauf vertraut, dass das doch allgemeiner Konsens ist. Das ist es ja dort, wo die Rechten stark sind, nicht mehr.

Und ich habe einen weiteren Fortschritt in der Arbeit gegen Rechtsextremismus bemerkt: Die Gruppen haben sich in den letzten Jahren vernetzt. Sie unterstützen sich gegenseitig. Sie haben Allianzen geschmiedet. So wie die der Aktion Zivilcourage im sächsischen Pirna, die den CDU-Oberbürgermeister für sich gewonnen hat und nun gemeinsam mit der Stadtverwaltung und dem Landrat und der Polizei versucht, die Radikalen zurückzudrängen. Oder wie die Leute von Lobbi Ost, Nord und West in Mecklenburg, die den direkten Draht zur Sondereinsatztruppe der Polizei gegen die Radikalen pflegen. Oder die Initiative in Wurzen, die nun das Bürgertum ansprechen will, um es per Mund-zu-Mund-Beatmung zu gewinnen. Das sind Allianzen, die gepflegt werden müssen. Auch in Zukunft.

Doch was machen man mit Gemeinden, in denen sich der Bürgermeister weigert, ein Problem auch nur zu erkennen? In denen er sich mehr darüber aufregt, dass Journalisten ihn beim Mittagessen stören und eine Erklärung dazu haben wollen, dass er dabei stand, als das Tagebuch der Anne Frank verbrannt wurde. Sich mehr ärgert über diese "Störung", als über das Ereignis selbst. Kann man sich vorstellen, dass ein solcher Bürgermeister einsieht, dass er Hilfe gegen Rechtsextreme braucht? Dass er solche Hilfe gar anfordert? Man kann es nicht.

Zum Schluss komme ich auf meinen eigenen Berufstand zurück und zu meiner vierten These.

Sie lautet und ich gebe zu, dass sie zynisch klingt: Wenn über Rechtsextremismus berichtet wird, dann über die Täter. Manchmal noch über die Opfer. Aber die, die verhindern wollen, dass etwas passiert? Ist das nicht selbstverständlich? Da kommt in den Redaktionen schnell der Satz: Gute Menschen, die Gutes tun, sind nicht wirklich interessant. Und das ist ein Problem, das nicht wirklich zu lösen ist.

Es ist ja nett, dass gute Menschen armen Witwen zur Seite stehen, deren Mann von einem Rechtsradikalen erstochen wurde – aber trägt das mehr als einen Kurzbeitrag in den Regionalnachrichten? Es ist auch schön, dass engagierte Berater Bürgermeistern helfen, eine Demo gegen einen Neonazi-Aufzug zu organisieren – allerdings findet fast jedes Wochenende irgendwo in Deutschland eine Demo gegen Rechtsextremismus statt. Warum also sollten wir ausgerechnet über diese Aktion berichten? Und der mühselige Kampf dagegen, dass im Schaukasten vor der Schule eine Nazigruppe werben kann – das ist halt doch nur sehr regional interessant.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es aber sinnvoll ist, Opfer von rechtsradikalen Übergriffen für einen Auftritt in den Medien zu gewinnen. Es ist natürlich verständlich, dass diese Menschen ihre Ruhe haben wollen, dass sie Angst haben. Aber ohne sie können wir nicht zeigen, was wirklich passiert. Was es bedeutet, wenn es im Polizeibericht heißt: "Das Opfer wurde schwer verletzt." Das kann bedeuten: Der Junge hat ein Auge verloren. Oder: Sein Gesicht ist so vernarbt, dass er keine Freundin mehr bekommt. Oder: Er sitzt für den Rest des Lebens im Rollstuhl. Es ist nur diese direkte Art, über Opfer zu berichten, die hier helfen kann, den Blick nicht allein auf den Tätern verharren zu lassen.

Vor allem wenn jene Täter immer cooler werden. Es war aufsehenerregend, als im Wahlkampf vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein NPD-Funktionäre über Antifa-Leute herfielen und eine am Boden liegende Frau traten. Der Übergriff wurde auf Video aufgenommen und gesendet. Heute erklärt der Täter von damals, er sei über die Frau nur gestolpert. Und zieht in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern ein. Als Landesvorsitzender der NPD. Als wäre nichts gewesen.

Und viele Reporter behandeln den Mann auch so, als wäre nichts gewesen. Vermutlich haben sie es einfach vergessen, oder gar nicht mitgekriegt. Es ist aber auch Aufgabe der Medien, die Hintergründe nicht zu vergessen. Auf solche Zusammenhänge hinzuweisen. Opfer zu zählen und von ihnen zu erzählen.

Weil die braunen Kameraden jetzt eines wollen: bürgerlich erscheinen, ordentlich, professionell. Es ist jetzt auch für die Medien viel schwieriger geworden, die Anti-Demokraten als das darzustellen, was sie sind. Es dauert, bis ein NPD-Mann wie Udo Pastörs am Wahlkampfstand die Biedermann-Maske fallen lässt und alte nationalsozialistische Thesen von sich gibt. Es dauert, bis man ihn bei klaren Lügen ertappt. Man bekommt die Aufreger nicht mehr frei Haus serviert – wie das Zitat vom "Bombenholocaust" in Dresden.

Es dauert und es bedarf ständiger Beobachtung – und deswegen sind wir Journalisten in Zukunft noch mehr darauf angewiesen, dass engagierte Menschen vor Ort die Augen und die Ohren aufhalten. Und uns unterrichten. Auch deswegen wünschen wir uns, dass die Initiativen gegen Rechtsextremismus ihre Arbeit noch lange, flächendeckend und in voller Breite fortsetzen können. Ohne Abhängigkeit von bornierten Bürgermeistern. Und natürlich so professionell wie möglich.