Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Gabriel Landgraf

"Die Faszination, etwas Böses zu tun"

Gesprächsprotokoll Gabriel Landgraf

"Unter neutralem Mantel Jugendarbeit im Sinne unseres verinnerlichten Weltbilds"

Kurze Zeit nach der Lehre gab es dann aber noch einmal eine Auszeit, wo ich mich dann wieder mehr oder weniger nur auf den Fußballplätzen rumgeprügelt habe, aber nicht organisiert. Aber dann kam für mich irgendwann eine Zeit, das war etwa 1999, wo ich mir gesagt habe: jetzt möchte ich was tun, jetzt möchte ich an die Öffentlichkeit, jetzt möchte ich auch dafür stehen und dafür kämpfen, was ich denke. Und ich habe dann probiert, nach Personen aus meinem Umfeld zu gucken, wo und mit wem man was anfangen könnte, und habe einen Personenkreis um mich gescharrt, teilweise hat es sich auch einfach so ergeben. Das lief meistens über Feiern, die hab ich dann organisiert. Da kamen teilweise von bundesweit Leute, und auch aus Österreich. Und so fand sich dann so ein Kern zusammen, der viel unterwegs war, in Berlin vor allen Dingen. Wir haben Flugblätter verteilt, Aufkleber, Aktionsgeschichten gemacht.

Dann, das war 2002, kam dann ein, denk ich mal, recht bekannter Kopf aus der Szene, René Bethage auf mich zu, der kam aus dem Bund freier Bürger, also aus einem recht konservativen Spektrum, und war zu der Zeit in der NPD wohl für die Presse dort tätig und war eine Zeit auch mal irgendwann Schatzmeister und er hat gefragt, wie es wäre, eine Zusammenarbeit herzustellen. Und daraufhin habe ich gesagt, dass ich die NPD eigentlich ablehne, weil sie mir damals zu demokratisch war und habe gesagt, mit der NPD arbeite ich nicht zusammen. Mit ihm komme eine Zusammenarbeit nur zustande, wenn er aus der NPD austritt. Das tat er wenig später.

So wurde dann die erste namentliche Kameradschaft, oder Organisation haben wir es ja damals genannt, gegründet, die Berliner Alternative SÜD-OST haben wir sie genannt, einfach kurz BASO die ja mittlerweileverboten ist. Das war 2003, dort war ich bis zum Verbot im März 2005 tätig. Ich habe sie mitgegründet als einen Zusammenschluss von zunächst sechs Personen, später waren es etwa 13 oder 14. Wir wollten damals ganz bewusst den Namen Kameradschaft weglassen. Wir wollten neutral in der Öffentlichkeit wirken, wir wollten nicht offenkundig in diese Nazi-Ecke geschoben werden, und wir haben uns einen Bezirk ausgesucht, das war Treptow-Köpenick in Berlin. Das war ein, ich sage mal, recht problemlastiger Bezirk, indem Jugendarbeit für mich gar nicht vorhanden war.

Von den Wahlergebnissen her war es ein starker PDS-Bezirk, aber von der Jugend her würde ich sagen, doch immer schon rechts geprägter Bezirk. Wir haben uns also gezielt Treptow-Köpenick ausgesucht, um Jugendarbeit zu machen, was für uns natürlich vor allen Dingen hieß, Jugend erreichen zu wollen um im Sinne unseres verinnerlichten Weltbilds politische Arbeit für die Zukunft zu machen. Deshalb haben wir natürlich auch einen neutralen Namen gewählt, um nach außen hin erst mal nicht einseitig aufzufallen und hatten außerdem auf ein Programm, also auf eine Satzung verzichtet, auch im Hinblick darauf um staatliche Restriktionen zu vermeiden. Aber dieser "neutrale Mantel", flog natürlich recht schnell auf, weil wir eindeutig die Themen aufgenommen hatten, wie nationalen Widerstand. Und wir haben natürlich an einschlägigen Demonstrationen teilgenommen und bei Aktionswochen, meistens zum Todestag von Horst Wessel, einem ehemaligen Sturmführer in der SA, der für die Berliner Kameradschaften, gerade für die jüngeren immer noch ein großes Vorbild ist, er wird jährlich genauso geehrt wie Rudolf Hess in Wunsiedel.

Das Aktionsziel von BASO war also Jugendarbeit, aber auch Öffentlichkeitsarbeit. Man ist gezielt auf Veranstaltungen aufgetreten, wo Politiker angekündigt waren, man hat Bürgersprechstunden und Bürgerstammtische besucht, und ist sogar zum Bürgermeister von Köpenick, um für Jugendarbeit ein Nationales Jugendzentrum zu fordern, wo nur deutsche Jugendliche reinkommen und andere nicht verkehren dürfen. Es gab zwar Jugendklubs, aber da wurden Nazis rausgeworfen, die versucht haben, da ihre Propaganda zu verteilen oder im Internet auf gewissen Seiten rumsurften. Ja, das ging dann so zweieinhalb Jahre, wo ich auch sagen muss, dass in erschreckender Weise unsere Jugendarbeit sehr gut geklappt hat.

Es war ein starker Zulauf von Jugendlichen, aber auch Jugendlichen, die jetzt gar nicht unbedingt so als Naziswirken, also nicht Skinheads mit Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, sondern irgendwie ganz normale. Dies waren einfach Jugendliche, die damals nicht unbedingt gleich aufgenommen wurden, aber sie kamen zu uns an und haben Fragen gestellt. Wir hatten einen bestimmten Tag in einem Lokal, freitags, da kamen dann wirklich teilweise 30 - 40 Jugendliche aus dem Kiez oder aus der Umgebung, teilweise natürlich auch Nazis, aber auch Jugendliche, die keine Berührungsängste mehr hatten. Und das muss ich jetzt im Nachhinein sagen, finde ich sehr erschreckend. Also das waren eben wirklich welche, die teilweise mit ihren Hausaufgaben angekommen sind oder die einfach Hilfe brauchten beim Umzug, auch junge Mütter, wir haben so eine Sozialarbeiterrolle eingenommen. Das hat geklappt, wir hatten dann einen Kreis, mit dem hat man Unternehmungen gemacht, Fußball gespielt, ist Schwimmen gegangen, aber natürlich auch: "nun komm doch mal mit zur Demonstration." Also man hat da dann auch versucht zu rekrutieren. Man hat ja auch offen gesprochen von "brauchbaren" Personen, also von denen kamen dann auch welche in die BASO hinein, und die wurden natürlich auch geschult, also rhetorisch trainiert, da wurde viel probiert, inhaltlich, so dass die Vorträge halten mussten.

"Könnte es da knallen?"

Die BASO hatte dann auch eine Internetseite mit eigenen Berichten oder Aufrufen zu Demonstrationen, die so ab 2003 organisiert wurden, das ging dann auch durch Neukölln, denn man muss sagen, dass die Gruppen in Berlin und Brandenburg natürlich auch zusammengearbeit haben, klar, man war vernetzt. Wir wollten auch so ein bisschen ein Zeichen setzen, dass man von Neukölln nach Treptow – ja da muss man ja sagen "marschiert", so heißt es ja da immer – und zwar auch mit dem Thema "Für ein Nationales Jugendzentrum". Ich glaube wir hatten damals, auf Anhieb 300 oder 350, so hatten wir angegeben, Teilnehmer und ich denke, um die 300 waren es auch, teilweise sogar aus dem ganzen Bundesgebiet angereist, so genannte Kameraden. Die Motivation war natürlich sehr unterschiedlich. Ich war ja eine zeitlang jedes Wochenende auf Demonstrationen, habe die natürlich auch mit veranstaltet. Es würde da manchen keinen Spaß machen, glaube ich, ohne den Nervenkitzel, den das auch bringt. Demonstrationen sind so für einige Gruppen, so einige Jugendliche so ein Erlebnisding, es holen sich glaube ich sehr viele so einen gewissen Kick raus.

So wie ich früher als Jugendlicher immer zum Fußball gefahren bin, und mich dort auch geprügelt habe, fahren einige Leute zu Demonstrationen, um sich anschließend, davor oder danach, oder einfach so, diesen Adrenalinkick zu holen, so kommt es mir manchmal vor, auf Demonstrationen. Also ich habe wirklich mal Anrufe bekommen, wo mich Leute anriefen aus Berlin: "Hallo, ich hätte Interesse mitzufahren, du hast da einen Bus gemacht, könnte es da knallen?" Ich sage: "Wie jetzt?""Ja, könnte es da knallen?" Ich sage: "Ja, das ist ein heikles Ding, kann sein, die Antifa mobilisiert auch." "Also könnte es knallen, dann fahren wir mit." Das ging gar nicht um den politischen Inhalt, für was man eigentlich auf die Straße geht, sondern es ging da bei einigen drum, dieses erlebnisorientierte – ich habe mal gesprochen von politischem Erlebnisaktionismus, also dass da wirklich welche einfach nur mitmachen um Ärger zu provozieren und sich wahrscheinlich auch selbst darzustellen. Und ich glaube, ohne Antifa würde es keinen Spaß machenfür einige. Sie gehören zu diesem Spiel dazu.

Und es wäre natürlich auch falsch, wenn man sagt, keine Gegendemonstrationen mehr, keine Antifa mehr, lasst sie laufen, das wäre auch falsch, das ist auch nicht richtig. Aber ich bin mir sicher, dass ein paar wegbleiben würden. Die auf den ersten Blick hin unpolitischereAktionsform der BASO war natürlich auch etwas neues, vor allem um auch im Rahmen von dieser Öffentlichkeitsarbeit gezielt das Gespräch zu suchen. Öffentlich hat man natürlich gesagt, dass wir nicht gewalttätig sind, das von uns auch keine Gewalt verübt wird und wir auch keine Gewalttäter in der Gruppe haben. Na ja, das wurde behauptet. Es waren ja da als eine Führungsperson, René Bethage, noch eine andere Person und meine Wenigkeit. Und in der Zeit bin ich natürlich schon strafrechtlich in Erscheinung getreten. Es wurden Gewalttaten verübt, aber das wurde natürlich dann immer schön verschwiegen. Man hat auch Vorbestrafte aufgenommen, z.B. einen, den Namen lasse ich jetzt mal weg, der einen chinesischen Imbissbetreiber mit zwei anderen Personen so attackiert und dabei lebensgefährlich mit Holzstangen verletzt hatte, nur weil der vietnamesische Ladenbetreiber das Bier nicht anschreiben lassen wollte. Also da haben wir wieder einmal diesen kleinen Widerspruch, also eigentlich einen großen Widerspruch, aber das ist einer von vielen. Man propagiert "Ausländer raus" und geht dann beim Vietnamesen ein Bier trinken. Diese Person wurde dann auch aufgenommen. Wir haben auch öffentlich propagiert und uns dazu auch Statistiken besorgt – weil ja die Polizei gar nicht so alles erfasste – dass die Kriminalitätsstatistik von Rechts zumindest im Bezirk Treptow-Köpenick zurückgegangen ist. Das haben wir für uns ausgeschlachtet, weil wir ja behaupteten, für die Jugend da zu sein und haben es als Erfolg vermarktet.

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