Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Gabriel Landgraf

"Die Faszination, etwas Böses zu tun"

Gesprächsprotokoll Gabriel Landgraf

"Immer mit dem Kürzel national davor"

Bei allem was wir plakatierten oder drucken ließen, haben wir natürlich immer mit dem Kürzel "national" davor gearbeitet. Es wurden aber auch Formen übernommen, die eigentlich mehr oder weniger von der Linken gesetzt waren oder sind, das heißt wir hatten damals auch so eine sporadische Hausbesetzung gemacht, wir sind mit Transparenten in leerstehende Häuser in Treptow gegangen, und zwar zeitgleich mit einer anderen Kameradschaft aus Lichtenberg, die das in ihrem Bezirk gemacht hat, und dort wollten wir aufzeigen, was eigentlich so an Häusern leerstand. Das hat zwar im Fall meiner Gruppe nicht geklappt, es kam darüber zu Streit, da waren eben auch Leute, die haben nicht gepasst.

Aber auch Kampfformen hat man kopiert. Das ist so ein Ding, dass bei der extremen Rechten genauso wie bei der extremen Linken inhaltlich und äußerlich immer mehr parallel läuft. Schon bei der Kleidung. Das eindeutige Bekenntnis nun ein Nazi zu sein, gibt es immer seltener, viele treten lieber ganz neutral auf. Der Trend geht eher dahin, dass man sagt, also Nationalsozialist ist man nicht auf dem T-Shirt oder von der Hose her, sondern vom Kopf oder vom Herzen. Und wir wollen, oder sie wollen sich nicht von der Gesellschaft entfernen, sie möchten ein Teil der Gesellschaft sein, sie wollen in die Mitte kommen, sie möchten den Bürger erreichen, und das kann man sicherlich nicht in dem Bild, was die Medien viele Jahre geprägt haben mit den Springerstiefeln und Glatze. Und da benutzt man ähnliche Kleidung, sehr viel aus dem Hardcore-Milieu, da wird sehr viel kopiert und auch in der Musik. Aber es gibt immer kleine Codes. Nicht bei jedem, aber das fängt an mit einem ganz kleinen Logo auf der Mütze, wo teilweise das Antifalogo, diese Fahne kopiert wird, Laien steigen da kaum noch durch. Und wenn auf den Bannern steht, wir wollen einen nationalen Sozialismus, dann ist das zumindest für alle Eingeweihten klar, dass das Nationalsozialismus heißt.

Und es gibt Personen die behaupten, einen zeitgemäßen aktuellen Nationalsozialismus zu schaffen. Wie so was aussieht, die Antwort hab ich allerdings noch nie bekommen und werde ich auch nicht bekommen glaube ich, und werden wir alle nicht bekommen. Michael Kühnen war ja mal ein recht bekannter Führer in Deutschland, der an HIV verstorben ist, und der hat in der Szene Schriften rausgebracht vom ngesellschaftlichen und neuem Nationalsozialismus, diese Schriften sind das Muster. Aber es ist eigentlich ein politischer Brei geworden. Wie dieser neue Nationalsozialismus aussieht, das steht in den Sternen, das wissen auch die jeweiligen Leute nicht. Mehr ist es das Gefühl, etwas Revolutionäres mit prägen zu wollen. Die wirklichen Revolutionäre sind wir, die Nationalen. Das ist natürlich auch etwas, was einen Jugendlichen sehr anspricht. Ich kann mich erinnern, als ich in der Schule war, hatten wir sehr viele, die so ein bisschen in die Linke gingen, da war das irgendwie ein Trend, wenn ich mich zurückerinnere.

Es ist gerade bei einigen, die fühlen sich als Revoluzzer. Und dieses Rebellentum, das rebellenhafte, das zieht an, das macht Spaß, vielleicht sogar, gerade Jüngere mit Hang zu diesem Aktionsorientierten. Wer da jetzt ein Führer sein soll, das steht in den Sternen, das weiß keiner. Der Trend ist ja auch zu dieser Volksgemeinschaft, das Volk muss erst wieder zusammenwachsen, die multikulturellen Einflüsse müssen weichen, die müssen beseitigt werden, und der Volkskern muss geschaffen werden, um den Nationalsozialismus in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, wie es so schön heißt. Ich glaube 90 Prozent der Leute auf den Demos können gar nicht erklären, was sie wollen oder was wir da früher eigentlich wollten. Das waren so in etwa auch meine Ansichten, dass es ein Volk gibt, dass es ein Volk ist, was bestimmt, und dass es einen Bestimmer gibt, den Führer, der dann bestimmt. Aber so richtig da hineigedacht wie und mit welchen Konsequenzen so etwas in der Umsetzung funktioniert, hat man nicht.

In Einheitskleidung beim märkischen Heimatschutz

Wieder ein kleiner Sprung. Durch die Kontakte und Zusammenarbeit nach Brandenburg und auch mit der Kameradschaft Tor habe ich mich recht gut verstanden mit dem Vorsitzenden, also Anführer des Märkischen Heimatschutz (MHS), wir hatten da ein sehr freundschaftliches Verhältnis und haben unsere Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg unter dem Sammelbegriff Nationaler Widerstand Berlin/Brandenburg geführt. Um diese Zusammenarbeit noch einmal zu unterstreichen und zu stärken, habe ich mit ihm und noch zwei anderen Personen die Idee aufleben lassen, den Märkischen Heimatschutz quasi länderübergreifend zu gründen, dies auch aus juristischen Gründen, weil manzu der Zeit munkelte, dass in Brandenburg der MHS verboten werden könnte und dies halt schwieriger sei, wenn ein solches Verbot länderübergreifend durchgesetzt werden soll. So haben wir dann im September 2004 beschlossen, die Heimatschutzsektion Berlin zu gründen, wo ich dann ganz öffentlich, also offiziell die Führungsrolle eingenommen habe.

Ich hatte mir in der Zeit Personen ausgesucht, die mir zur Seite standen, so dass binnen zwei Monaten, die Mitgliederzahl der Sektion auf 14 Mitglieder stieg Ich habe damals immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass es vom Alter her auch gemischte Leute sind, so dass auch ein älterer dabei war, der schon in den 90 ern ein Anführer der Kameradschaft Treptow war und für zweieinhalb Jahre im Gefängnis saß wegen eines Brandanschlags auf einen Jugendklub. Und diese Person war dann auch wichtig an meiner Seite, die hat eine gewisse Erfahrung gehabt, hatte eine Riesenbibliothek zu Hause und hat so mehr oder weniger diese Schulungsaufgabe übernommen, und ich vermute auch, dass er das immer noch macht. Er hat dann vieles streng organisiert, also allgemein der Märkische Heimatschutz anders aufgebaut. Der verfügte über etwa 40 bis 50 Personen in mehreren Sektionen in Brandenburg und in Berlin.

Es gab den Vorsitzenden, einen Schatzmeister und einen Vertreter und Sektionsleiter aus den Sektionen aus den verschiedenen Gebieten. In unregelmäßigen Abständen gab es dann Mitgliederversammlungen, Vorstandssitzungen. Und es gibt Einheitskleidung in einheitlichen Hemden. Jährlich wurde eine Jahresfeier gemacht, wo auch wirklich – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen unglaubwürdig – Hotelanlagen angemietet wurden, mit einem Saal in Brandenburg zum Beispiel, für 120 Gäste auch aus der NPD. Der Märkische Heimatschutz arbeitete ja schon damals mit der NPD sehr eng zusammen und hatte dort auch Förderer. Es gibt da sehr viele, meistens ältere Personen, die Geld fließen lassen, deren Mitgliedsbeiträge sind auch höher. Das war also eine ganz andere Organisation als die BASO, die war eben mehr als Forum für reine Jugendarbeit gedacht, natürlich um Jugend zu formen, aber dazu hat man sich in Privaträumen getroffen. Mit dem MHS war das dagegen so, dass man sich in Lokalen traf, Tische aufbaute und alles straffer und strenger organisierte. Ich habe dann die Sektion Berlin parallel geführt was einigen Leuten in der Szene missfiel, weil ich mich in die BASO nicht mehr so viel einbinden würde. Die Entscheidung war dann BASO oder MHS, aber sie wurde mir abgenommen, weil 2005 im März das Verbot der BASO kam, um sechs Uhr morgens hatte ich die Polizei bei mir im Haus und bekam eine Verbotsverfügung in die Hand, und dann war auch für mich klar: jetzt brauche ich nicht mehr zu überlegen, ob ich da irgendwo da noch auftrete, sondern habe den MHS weitergeführt.

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