Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Gabriel Landgraf

"Die Faszination, etwas Böses zu tun"

Gesprächsprotokoll Gabriel Landgraf

"Es hat einfach nur funktioniert ohne drüber nachzudenken"

Nun muss ich wieder ein bisschen zurückgreifen. In dieser Zeit, in diesen ganzen sechs Jahren, in denen ich in der organisierten Szene tätig war, kam immer wieder Kritik in mir hoch, aber weniger inhaltlich, eher dass ich mit gewissen Leuten nicht arbeiten kann. Ich will mich jetzt nicht als den Superschlauen darstellen, aber es war einfach so dass das mit gewissen Leuten nicht ging, mit denen war es teilweise unmöglich, das umzusetzen, was ich mir immer vorgestellt hatte. Dazu kam dann für mich selber, was ich noch neben her gemacht habe, Texte geschrieben habe, ich wollte im 'Märkischen Boten' – das war ein Ableger der Szenezeitung "Inselbote", die von Kameraden in Mecklenburg- Vorpommern und in Brandenburg gemacht wird, auch einen Berliner Boten gründen, eine Ausgabe kam auch als ein Art Schülerzeitung heraus.

Aber es gab in Berlin keine Leute, die vernünftig oder ansatzweise schreiben konnten, es gab in der Kameradschaftsszene keine Leute, die so was irgendwie hinbekommen haben. Es war wirklich so, dass diese Arbeit immer nur von einzelnen Personen gemacht wird. Und als ich dann teilweise die Texte geschrieben habe, kamen dann immer schon beim Schreiben für mich Widersprüche auf, also einfach Sachen, wo ich gesagt habe, man, das kannst du ja so gar nicht schreiben, weil es einfach Quatsch ist. Aber wenn du es nicht schreibst, oder wenn du es anders schreibst, dann passt es ja auch nicht in das Weltbild, was du eigentlich darstellen möchtest oder was du bist und was du ja damit vermittelst. Solche Sachen kamen immer wieder vor oder Widersprüche im alltäglichen Leben, also im Alltag einfach – über fünf, sechs Jahre verdrängt. Aber ich habe immer gesagt: nicht drüber nachdenken, nach hinten schieben. Ich habe in meinem ganzenLeben Widersprüche angehäuft. Ich hatte als Kind beispielsweise sehr gerne Döner gegessen, das habe ich mir alles so abgewöhnt. Ich habe gesagt: Da kann ich nicht reingehen.

Heutzutage wieder sehr gerne. Man hat sich einfach eine Sperre in den Kopf gesetzt. Ich bin auch nicht in Läden gegangen, wo Migranten Verkäufer waren, ich habe probiert, so eine deutsche Kultur zu leben, was unmöglich ist, es ging nicht, so zu leben. Und es probieren sehr viele noch und wissen von den vielen Widersprüche, die dann im Alltag auftreten, das ist Wahnsinn. Also dieses ideologisierte Leben funktioniert einfach nicht. Aber solche Sachen habe ich dann immer verdrängt, wie das viele machen. Ich habe nicht drüber nachgedacht, es hat dann einfach irgendwann funktioniert. Ich habe einfach geschrieben, die Finger gingen zur Tastatur, es hat einfach nur funktioniert ohne drüber nachzudenken.

"Wo in der Auseinandersetzung eben auch Gewalt dazu gehört."

Aber dann 2005, also vorletztes Jahr, begann eine Zeit wo dieses Nachdenken tiefer ging. Damals begannen Prozesse gegen mehrere damaligen Kameraden in Potsdam, die unter anderem wegen eines Überfalls auf ein Jugendzentrum angeklagt wurden. Angefangen hat es unmittelbar davor, da war ein Kamerad gewesen, der mittlerweile für vier Jahre verurteilt wurde und auch im Gefängnis sitzt, der hatte einen Brandanschlag verübt, also hat drei Molotowcocktails auf eine Bühne in Königs-Wusterhausen geworfen, das war eine Bühne, wo am nächsten nTag ein Konzert stattfinden sollte, ich weiß nicht den Monat, auf jeden Fall war es ein antifaschistisches Konzert, das jährlich stattfindet. Und es war geplant, die Bühne zu vernichten, damit das Konzert nicht stattfindet. Ich bin auch der Meinung, dass diese Person wusste, dass dort Menschen auf dieser Bühne genächtigt haben, also Wache geschoben haben, also er hat gezielt mit Mittätern drei Molotowcocktails auf die Bühne geschmissen und natürlich auch dadurch den Tod von Menschen in Kauf genommen.

Da kann man jetzt von Glück sagen, dass diese Molotowcocktails schlecht geworfen wurden. Es wurde nur einmal die Bühne getroffen, aber der Brand wurde dann gleich gelöscht. Der Täter, der aus meinem engeren Umfeld kam, wurde in Potsdam angeklagt, und ich habe ihn begleitet, zunächst mit vier Personen. Die Opfer oder die Nebenkläger, die kamen aus dem Berliner Antifa-Spektrum, und waren uns uns sehr wohl bekannt, durch unsere "Anti-Antifa- Arbeit", das heißt, wir haben uns ja immer gegenseitig übereinander "aufgeklärt", gerade die Kameradschaft Tor, die ich erwähnte, war sehr fixiert auf diese Arbeit, und hat dann allerdings für mich auch ein ganz merkwürdiges Verhältnis dazu entwickelt, nämlich immer mehr von der Antifa kopiert. Also auf eine Art kopierten wir die sehr, aber sahen sie auch als Feind an wo in der Auseinandersetzung eben auch Gewalt dazu gehört.

Es war also so, dass da beim Gericht als Nebenkläger uns sehr bekannte Antifaschisten waren aus Berlin, dassdie auch natürlich mit einer gewissen Personenanzahl da waren, und wo ich dann gesagt habe – man hat natürlich ein bisschen Angst gehabt, das möchte ich auch nicht verneinen – und da haben wir gesagt: beim nächsten Termin müssen wir auch ein paar Leute mobilisieren. Und es hat sich dann in den vielen Gerichtstagen so hochgeschaukelt, dass ich bis zu 50, 60 Personen zu den Gerichtsprozessen mobilisiert habe aus Berlin-Brandenburg, teilweise aus dem Hooliganspektrum des BFC Dynamo, also auch gezielt Schläger. Damit hat man natürlich auch versucht, Zeugen oder Zuschauer und die Antifaschisten einzuschüchtern, also mit Gewaltandrohung. Teilweise hat man auch Gewalt verübt, das muss ja gar nicht auffallen, aber wenn man den Ellbogen einfach mal nach hinten ausfährt, wo es Gedränge gibt, das tut weh, und hat auch getroffen. Nach diesem Rezept ist auch manchmal bei Konzerten vorgegangen worden, wo eher Linke hinkamen.

Da wurde auch mit solchen Ellenbogenstößen nach hinten durch die Menge gezogen und sich danach mit Wechselklamotten getarnt, die hatten wir dann von vornherein dabei. Und bei den Gerichtsterminen hat man natürlich auch bei An- und Abreise probiert auch in den S- oder Straßenbahnen, Antifaschisten zu überfallen. Das war der Beginn einer regelrechten Gewaltwelle. Es gab da aus unserem Kameradschaftspektrum so eine Gruppe aus Berlin und Brandenburg, mit der wir angereist sind, die hatten sich teilweise vermummt. In diesem Spektrum kann man auch dieses neue Erscheinungsbild sehen, wenig Skinheads, aber sogar welche mit Irokesenschnitt dabei. Und zu diesem Zeitpunkt kam es zu einem Vorfall, wo eines Nachts zwei junge Männer überfallen wurden von teilweise auch Personen, die mit in dieser Gruppewaren. Die zwei Überfallenen kamen fast zu Tode, also ich denke, da wurde auch der Tod in Kauf genommen.

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