Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Gabriel Landgraf

"Die Faszination, etwas Böses zu tun"

Gesprächsprotokoll Gabriel Landgraf

Leviten von der Mutter: "Sie haben meinem Sohn das Leben verbaut."

Ich könnte noch mehr dazu und noch ganz viele andere eklige Geschichten erzählen in den vielen Jahren also an Gewalt, aber ich denke, das sparen wir uns hier. Aber da war es einfach, wo ich gedacht habe, das geht so nicht weiter für mich. Da habe ich gesagt, ja, das war das erste Mal wo ich Schuldgefühle gehabt habe. Das hat sicherlich auch mit der Vorgeschichte des Falles zu tun, dass ich zum Beispiel diese Täter kannte, also sehr gut kannte, nicht nur aus dem Kameradenkreis, sondern aus Kameraden- und Freundeskreis. Direkter Anlass war, dass mich jemand aus Potsdam anrief, und er meinte, ich sollte doch einen Herrn Thomas M. kennen und ich sollte ihm Sachen bringen, weil er im Gefängnis saß. Und um diese Sachen zu holen, habe ich ein Auto organisiert – zu der Zeit hatte ich kein eigenes Auto gehabt – und bin zu seiner Mutter gefahren.

Die Mutter hatte ich erst angerufen und gesagt, um was es geht, sie soll sich keine Sorgen machen. Und dann bin ich zu ihr gefahren und wollte sie und die Sachen abholen, aber sie wollte nicht mit, sondern stand vor mir, so hat mich glaube ich noch nie ein Mensch angeguckt, die hat mich, das kann man nicht beschreiben, also mir gingen wirklich kalte Schauer runter, und sie meinte nur: "Mit Ihnen fahr ich nicht. Ich kenne Sie, ich wurde über sie aufgeklärt." Ich weiß jetzt nicht inwiefern, ob da die Polizei bei ihr mal war, sie ist dann jedenfalls hinterher gefahren mit ihrem eigenen Auto. Ich bin dann mit der Mutter in Potsdam, als wir auf der Polizeiwache waren, mit ihr da rein, und da ist sie dann in Tränen ausgebrochen und hat mich beschimpft, also nicht beschimpft, sondern eigentlich nur gesagt: "Sie haben meinem Sohn das Leben verbaut." Ich muss mal sagen, ich hab ihn als er 16 war, kennen gelernt, habe ich ihn quasi mit politisiert. Und sie hat wirklich mir die Schuld quasi gegeben, dass ich hier jemand bin, der ihrem Kind das Leben verbaut habe.

Das ging mir da sehr, sehr nahe, da ich ja auch diese Person sehr mochte, also den Thomas, und wo ich dann angefangen habe, wirklich darüber nachzudenken ein bisschen. Also auch diese ganzen Jahre, angefangen vom 13. Lebensjahr, habe ich das Ganze mal Revue passieren lassen, also nicht nur was ich mir selber alles verbaut habe im Leben, sondern was ich auch anderen Menschen angetan habe, und was ich auch, selbst wo ich nicht gerade aktiv dabei war, aber was ich passiv beeeinflusst hab. Ich habe damals auch eine Internetseite betrieben, ich war in zig Foren tätig, ich habe Projekte mitgemacht, die aber in Deutschland nicht erhältlich waren, nur über eine eine amerikanische oder belgische Seite. Also ich habe da eigentlich wirklich jeden Mist mitgemacht, den man im Leben machen konnte.

Und darüber habe ich dann nachgedacht, und habe dann das erste Mal ein schlechtes Gewissen bekommen, ein wirklich schlechtes Gewissen, wo es mir dann auch mies ging. Und zu der Zeit mit diesen Prozessen, habe ich ein bisschen angefangen, mich ein wenig zurückzuziehen, aber natürlich war man nicht raus. Dann kamen Leute vorbei, die mir kistenweise diese Propaganda vor die Tür gestellt haben zum Verteilen, das funktioniert so anonym. Entweder es waren einfach gewisse Sachen im Postfach. Oder vor der Tür standen plötzlich Kisten, wo man nicht wusste, wo sie herkommen, aber man wusste, was zu tun ist. Das hat einfach noch funktioniert. Also dieses Pflichtbewusstsein habe ich noch drin gehabt und gewisse Sachen auch einfach auch so gemacht, aber immer so im Zwiespalt – eigentlich will ich das gar nicht mehr.

Durch Freundin erstmals Widerspruch zugelassen

Und dann liefen diese Gerichtsprozesse, wo es dann auch recht neu war, sich so dicht gegegenüber zu stehen, wir standen da ja unserem kritischsten Gegner, der Antifa direkt gegenüber und hätten, wenn keine Polizei anwesend wäre, wahrscheinlich aufeinander eingedroschen. Aber da standen wir halt gegenüber, und zumindest ich habe mit ein paar Personen gesprochen, und da kam es dazu, dass ich Menschen kennen gelernt habe, mit denen ich mich zunächst über E-Mails ausgetauscht habe, und wo ich dann einfach das erste Mal – was ich damals selbst bei meiner Mutter nicht zugelassen habe – eine Auseinandersetzung in der Sache zugelassen habe. Bei meiner Mutter habe ich es immer abgeblockt.Sie hat sogar als ich 18 wurde, gesagt, geht vorbei die Phase und hat den Wunsch erwähnt, aber die Phase ging dann nicht vorbei. Und sie wollte es nicht mehr wissen, Augen zu und Ohren zu. Sie hat es einfach nicht mehr mitbekommen. Aber das waren nun Menschen, wo ich das erste Mal gesagt habe: ich lass das mal zu, diese Widersprüche, ich wehre mich nicht dagegen, ich lasse zu, ich lasse mich mal eines Besseren belehren. Und habe einfachmal aufgenommen, Wahrheiten, von denen ich eigentlich schon viel wusste, die ich aber nie wissen wollte. Das ging dann über Monate.

Es kam dann auch mal zum Treffen, privat, und ich habe dann eine Reise nach Spanien-Portugal gemacht – meine Mutter lebt dort – ich habe auch sie mal besucht und mit ihr darüber ein sehr emotionales Gespräch geführt, weil sie sehr viele Sachen nicht wusste, war sie geschockt, denn sie kommt eher aus dem alternativen Spektrum, Wggeprägt und so, und war schockiert über diese Dinge, die ihr Sohn gemacht hat. Nach dieser Reise habe ich dann beschlossen: Es ist Schluss. Es muss Schluss sein, es geht nicht mehr, und habe mich dann mit Hilfe natürlich meiner neuen Bekanntschaften an ein Aussteigerprojekt gewandt, das nicht so mit staatlichen Stellen verknüpft ist. Mit "EXIT", wo ich jetzt betreut werde, bzw. jetzt eigentlich schon tätig bin. Ich habe mir dort von dem Leiter Bernd Wagner, Ratschläge geholt, habe ihm das erzählt, und versucht, ihm das klar zu machen, auch wenn ich wusste, das ist ganz schwer, so einen Weg anderen klarzumachen. Das ist ja auch nicht einfach, weil man mit diesem Schritt seine Freunde verliert. Ich hatte einen Freundeskreis von teilweise 100 Leuten, die ganzen Netzverteiler, da waren 100 Leute drin, das war ein Riesenfreundeskreis bundesweit, ich bin auch sehr viel rumgefahren, teilweise auch ins Ausland in den vielen Jahren.

Und man kommt ja viel herum in diesem weit verzweigten Umfeld und hat sich um anderes gar nicht mehr gekümmert. Und man steht dann vor dem Nichts. Also man weiß auch nicht wohin. Man weiß, man hat sich alles verbaut beruflich. Man hat ja auch Berufe – man wurde gefeuert, ich habe alles in Kauf genommen, ja, wegen meiner Einstellung. Und nun war klar, dass man auch die Leute verlieren wird, auf die man gebaut hat, die ja auch sehr stark zusammenhalten. Wenn man da sogar nachts mal Hilfe brauchte, irgendwas war kaputt oder man musste ohne Auto mal irgendwohin, da konnte man immer jemanden anrufen, der ist gekommen, auch wenn er morgens früh zur Arbeit musste. Und da wurde Bernd Wagner von EXIT für mich sehr wichtig. Und er hat gesagt: Pass auf, wir machen einen schleichenden Ausstieg. Du versuchst, dich von den Personen, also den Aktivitäten fernzuhalten.

Ich habe dann angefangen mit Begründungen, dass ich wegen Vorstrafen erstmal kurztreten werde. Das hat ein halbes Jahr auch gut geklappt. Doch dann haben sich einige Leute, zum Teil Widersacher, wohl Gedanken darüber gemacht, dass da was nicht stimmt. Es haben mich, das war zumindest mein Eindruck, Leute aus diesem Umfeld observiert, und haben dann gesehen, dass ich mich mit einer Dame traf, die nach deren Ansicht, wie sie jetzt immer so schön in ihrem Forum schreiben "Antifaschlampe" ist. Und auf einem Weihnachtsmarkt wurde ich dann von mehreren Personen angesprochen, was aus mir geworden ist. Es wurde sich in Drohgröße aufgebaut, also versucht, aber ich habe auch für mich selbst überraschend irgendwie gleichgültig reagiert. Ich war überrascht und überrumpelt und habe gesagt: Aus mir ist ein Mensch geworden.

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