Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Gabriel Landgraf

"Die Faszination, etwas Böses zu tun"

Gesprächsprotokoll Gabriel Landgraf

"Man hat sich wirklich isoliert, das ist wie eine Sekte. Man ist drin und kommt gar nicht so leicht raus."

Das war vielleicht ein bisschen spontan für mich. Ja, das ging dann wohl in der Naziszene rum, dass ich gesagt habe, ich bin jetzt ein Mensch, weil ich nichts mit euch zu tun habe, das heißt: Ihr seid keine. Das ging so rum, und dann kamen sämtliche SMS, auch Anrufe die mich gefragt haben, ob ich mich tatsächlich abgewandt habe, oder ob ich einfach wirklich nur mich zurückgezogen habe. Als damit immer klarer wurde, dass ich aussteige, ging das natürlich über E-Mail-Verteiler, das habe ich dann auch über andere Quellen erfahren, teilweise aus Brandenburg sogar, also aus mehreren Bundesländern kamen dann so eine Art Steckbriefe, wo dann die weibliche Person und meine Person abgebildet waren. Es wurde nicht öffentlich zum Mord aufgerufen, aber wenn man diese Person sieht, dann weiß man, wie man zu handeln hat. Und es kamen dann auch Droh-SMS später. Ja und dann habe ich irgendwann war für mich klar: Zunächst musst du die Wohnung wechseln. Ich bekam sehr große Angst auch wegen meines Großvaters, der hat ein Haus in Berlin, da kann er nicht wegziehen, er ist auch bekannt, ich habe viele Leute auch damals sehr in mein Privatleben mit einblicken lassen, und auch teilweise mit eingebunden.

Ich bin dann umgezogen in einem unbekannten Ort, und habe beschlossen, dass ich den Ausstieg richtig öffentlich mache. Was auch wichtig war für mich, weil ich für mich gesagt habe: Ich war eine Person in der Öffentlichkeit. Ich habe auch Fernsehbeiträge mitgemacht, ich war an öffentlichen Aktionen beteiligt, mein Name wurde ja auch problemlos von der Antifa geoutet, wie man so schön sagt, also es gab in meiner alten Wohngegend Plakate und Steckbriefe an die Nachbarn – Neonazi, mit einem Bild und eine doch sehr detaillierte Personenbeschreibung - da wurde halt gewarnt, also ich war, mein Name war öffentlich, mein Gesicht war öffentlich und war bekannt. Und da war für mich klar: Du hast eine Verantwortung. Nicht nur mir gegenüber sondern auch anderen Menschen gegenüber. Und du gehst an die Öffentlichkeit und probierst zu zeigen, dass das geht: Menschen können sich ändern. Und für mich war eine große Verantwortung, wenn ich sehe, was ich an Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit mache, um gerade jetzt, wo in der rechten Szene so ein Umbruch, gerade in sehr vielen Subkulturen dort einfließen, was von der Polizei und der Wissenschaft teilweise noch nicht wirklich durchleuchtet ist, wo gerade sehr viele Menschen sich damit beschäftigen auch, was aber sehr schwierig ist, also einsehbar ist, wie das alles funktioniert. Ja, wie gesagt, das habe ich mir zur Aufgabe gemacht.

Aber ich will damit auch kein Wanderprediger werden. Ich will mich schulisch weiterentwickeln, will, dass ich die Sachen nachhole, die ich in meinem Leben verpasst habe, aufarbeiten für mich auch. Das ist nach über einem Jahr immer noch ein Prozess, und sehr viele Sachen, die einfach verankert sind, das fängt bei mir sprachlich an, dass ich diese eigene Szene-Sprache noch drauf habe, auch dass ich davon runterkommen will. Eine Homepage nur als 'Heimatseite' zu bezeichnen, oder CD als Lichtspielscheibe zu übersetzten um bloß nicht irgendwelche englischen oder ausländischen oder fremdsprachlichen Wörter zu benutzen, man hat sich wirklich isoliert, im sozialen Feld, im sprachlichen und einfach in der ganzen Gesellschaft, das ist wie eine Sekte. Man ist drin und kommt gar nicht so leicht raus.

*Das Gespräch mit Gabriel Landgraf führten die Teilnehmer eines Schülerzeitungs-Workshops in der Amadeu Antonio Stiftung Berlin im Herbst 2006 unter Leitung von Lan Böhm und Holger Kulick. Es wurde nur unwesentlich eingekürzt oder stilistisch verändert, um so authentisch wie möglich zu bleiben.

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