Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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15.2.2007 | Von:
Gabriel Landgraf

"Die Faszination, etwas Böses zu tun"

Gesprächsprotokoll Gabriel Landgraf

Fußball als Einstiegsdroge: So ging es Gabriel Landgraf. Der heute 30-Jährige beschreibt seinen Weg ins rechtsextreme Abseits, in dem er 15 Jahre seines Lebens verbracht hat.
Gabriel Landgraf im Gespräch mit Schülern bei einem Workshop der Amadeu Antonio Stiftung.Gabriel Landgraf im Gespräch mit Schülern bei einem Workshop der Amadeu Antonio Stiftung. (© Holger Kulick)
"Mit dem 13. Lebensjahr bin ich dort reingeraten durch den Fußball" beschreibt der heute 30-jährige Neonaziaussteiger Gabriel Landgraf seinen Einstieg in die Neonaziszene. Das war unmittelbar nach der Wende 1989/90. In Berlin gründete er später seine eigene Kameradschaft, die polizeilich verboten wurde. Erst Ende 2005 stiegt er aus der Szene aus. Schülerzeitungsredakteuren* schilderte er seine Erlebnisse und Einsichten und seine eigene "Sperre im Kopf".

Ich war seit dem 13. Lebensjahr in der rechten Szene, davon war ich sechs Jahre lang in der organisierten Neonaziszene, also in der militanten Szene. Mit dem 13. Lebensjahr bin ich dort reingeraten durch den Fußball, bei Hertha BSC im Stadion. Das war 1989/90 nach dem Mauerfall, da herrschte sowieso gerade im Osten, aber auch nach Westen hinein, ein großer Aufschwung der Neonazis, was von Politik und Polizei nicht richtig wahrgenommen wurde. Ich bin wie gesagt zum Fußball gegangen als kleiner 13-jähriger, und da herrschte eine große Szene von Hooligans, von teilweise Rockern, Fußballfans und halt auch...Neonazis. Und es haben auch Neonaziparteien gezielt in den Stadien probiert zu rekrutieren, probiert Stimmen zu bekommen für die Wahlen. Und mit 13 hatte das eben eine große Faszination, auch wenn man das als Außenstehender vielleicht nicht verstehen kann.


Also ich war auf der Suche vielleicht nach irgendwas, ich wollte provozieren, ich wollte auffallen, und habe eine Faszination verspürt für die Leute, die da im Stadion waren, einfach auch um ein bisschen Radau zu machen und ich bin dann über viele Jahre als Jugendlicher in diese Kreise hineingewachsen. Ich war natürlich am Anfang ein klassischer Mitläufer, also habe die Parolen einfach nachgebrüllt. Damals war die Stadionüberwachung noch nicht so ausgereift, sondern kam es vor, dass 300 Leute in dem Fanblock "Sieg heil" geschrieen haben, den rechten Arm erhoben haben. Ich hatte da einfach eine Faszination daran, irgendwas Böses zu tun oder einfach aufzufallen. Für mich war es ja in dem Moment eigentlich nicht böse, aber ich habe da nicht drüber nachgedacht, und bin über Jahre hinweg immer mitgelaufen, habe mitgebrüllt, und irgendwann lernte ich auch Kader kennen, ältere Leute, die mich zum Beispiel in Zehlendorf, das ist ein recht nobler Bezirk in Berlin, in ihre Villa eingeladen haben, meistens verbunden mit sehr viel Alkohol, und die über ihre Wehrmachtsgeschichten, über die SS-Geschichte erzählt haben und Jugendliche und auch mich zu dem Zeitpunkt sehr fasziniert haben.

Ich glaube heute, da wurde sich damals auch eingeschmeichelt, um an Spenden oder Erbschaften zu kommen. Also die ganze Geschichte drum herum war für mich damals sehr faszinierend, denn man sucht ja als Jugendlicher diese Geborgenheit, wie sie da über die Hitlerjugend vermittelt wurde: da wird die Jugend, beschäftigt, bekommt eine Aufgabe, ja man kümmert sich um sie. Und das war einfach so, ich habe mich da geborgen gefühlt. Und das ging dann immer so weiter.

"Wenn andere Hänsel und Gretel vorgelesen bekommen haben, habe ich Wehrmachtsgeschichten erzählt bekommen."

Irgendwann habe ich dann auch begonnen, da war ich so 16, 17, 18, dass ich weg wollte von diesem Nachbrüllen, also von diesem Mitläufertum, sondern mir selber diese Überzeugungen angeeignet habe, dass ich probiert habe, meinen Kopf selber ein bisschen zu benutzen und leider in die falsche Richtung. Und damit bin ich das erste Mal auch in der Schule aufgefallen. Ich habe im Geschichtsunterricht gesagt: das stimmt nicht, das ist eine Lüge, was Sie hier erzählen. Es gab dann auch eine Situation, wo ich meinen Großvater sehr verteidigt habe. Mein Großvater war jemand, der war Wehrmachtssoldat, der hatte diese Hitlerjugend und alles durchgemacht, und er ist bis zum heutigen Tage sicherlich noch jemand, der da eine gewisse Euphorie oder Zuneigung empfindet. Auf jeden Fall, würde ich nicht sagen, dass er Nazi ist, aber er unterscheidet nicht mehr richtig.

Jedenfalls wenn andere Hänsel und Gretel vorgelesen bekommen haben, habe ich Wehrmachtsgeschichten erzählt bekommen. Oder wo andere ein Schlaflied bekommen haben oder so, da habe ich die alten Nazilieder vorgepfiffen bekommen oder vorgesungen bekommen. Also ich konnte, glaube ich, schon mit 8 oder 10 Jahren das Horst-Wessel-Lied oder "Die Fahne hoch" pfeifen, ohne natürlich als Kind zu wissen, was ich da eigentlich mache. Und da habe ich dann immer in der Schule im Geschichtsunterricht gesessen und gedacht, so, ich muss meinen Großvater verteidigen, das war so eine Schutzreaktion, die ich eingenommen habe, und da bin ich natürlich dann auch das erste Mal so aufgefallen, dass meine Lehrerin wohl auch meine Mutter mal angerufen hatte, doch die hat das nicht wirklich so wahrgenommen. Sie meinte immer, das sei eine Phase, das ist Pubertät, das geht vorbei. Ihr war wichtig, dass ich keine Glatze trage. Darauf bestand sie.

Ich wurde dann 18, habe die Schule nun nicht mit dem Abschluss geschafft, wie ich es wollte, in der 10. Klasse vor allem im Geschichtsunterricht, wo ich dann teilweise wirklich blockiert habe, bin ich dann auch rausgeflogen, weil ich dort regelrecht probiert habe, meine Ideologie reinzubringen. Ich hatte dann eine schlechte Note im Geschichtsunterricht und einem anderen Fach und habe den Abschluss nicht bekommen. Ich habe dann eine Lehre begonnen als Metallbauer. Und in dieser Sparte, auf diesen Baustellen, herrschte auch immer ein sehr raues Klima. Dazu kamen auch immer wieder Kontakt zu Skinheads und ihrem Milieu beim Fußball. Und privat und an den Wochenenden gab´s dann bei uns, bei meinem Großvater, bei dem ich so ein bisschen aufgewachsen bin, immer auch Kontakte zu kleinen Nazigruppen. Natürlich gab es auch Alkohol, Skinheads, deren Musik, die Erzählungen meines Opas von damals, das alles war immer da. In der Lehre ging´s dann weiter, ich habe dann immer weiter gelesen und probiert, das alles natürlich sehr einseitig ausgerichtet, zu erforschen und mir dann wirklich irgendwann was aufzubauen, woran ich dann wirklich geglaubt habe.

Das alles hat dann für mich einen Wert gefunden, da war ich vollstens überzeugt. Machtergreifen, Machtherrschaft, das wurde auch irgendwie ein ganz selbstverständliches Ziel. Dass man sich gegen Juden wehren muss, gegen das Judentum, weil das angeblich überall die Fäden in der Hand hält. Ich habe da an alle Verschwörungstheorien geglaubt, die man haben und sich einreden lassen kann. Aber klar ist natürlich auch, dass man wirklich auffallen möchte. Das war bei mir ja auch so als Jugendlicher, ganz einfach: ich wollte provozieren, ich wollte irgendwie gegen etwas sein. Die Linke war mir wieder zu lieb gewesen. Ich hatte damals eine Bomberjacke mit Plakette "Deutschland den Deutschen". Es war toll damit in die U-Bahn einzusteigen und Blicke zu bekommen, also verhasste Blicke und abwertende Blicke, und ich habe damit provoziert. Diese Blickewaren für mich wie ein Sieg. Wie ein Sieger so habe ich mich gefühlt in so einem Fall.

"Unter neutralem Mantel Jugendarbeit im Sinne unseres verinnerlichten Weltbilds"

Kurze Zeit nach der Lehre gab es dann aber noch einmal eine Auszeit, wo ich mich dann wieder mehr oder weniger nur auf den Fußballplätzen rumgeprügelt habe, aber nicht organisiert. Aber dann kam für mich irgendwann eine Zeit, das war etwa 1999, wo ich mir gesagt habe: jetzt möchte ich was tun, jetzt möchte ich an die Öffentlichkeit, jetzt möchte ich auch dafür stehen und dafür kämpfen, was ich denke. Und ich habe dann probiert, nach Personen aus meinem Umfeld zu gucken, wo und mit wem man was anfangen könnte, und habe einen Personenkreis um mich gescharrt, teilweise hat es sich auch einfach so ergeben. Das lief meistens über Feiern, die hab ich dann organisiert. Da kamen teilweise von bundesweit Leute, und auch aus Österreich. Und so fand sich dann so ein Kern zusammen, der viel unterwegs war, in Berlin vor allen Dingen. Wir haben Flugblätter verteilt, Aufkleber, Aktionsgeschichten gemacht.

Dann, das war 2002, kam dann ein, denk ich mal, recht bekannter Kopf aus der Szene, René Bethage auf mich zu, der kam aus dem Bund freier Bürger, also aus einem recht konservativen Spektrum, und war zu der Zeit in der NPD wohl für die Presse dort tätig und war eine Zeit auch mal irgendwann Schatzmeister und er hat gefragt, wie es wäre, eine Zusammenarbeit herzustellen. Und daraufhin habe ich gesagt, dass ich die NPD eigentlich ablehne, weil sie mir damals zu demokratisch war und habe gesagt, mit der NPD arbeite ich nicht zusammen. Mit ihm komme eine Zusammenarbeit nur zustande, wenn er aus der NPD austritt. Das tat er wenig später.

So wurde dann die erste namentliche Kameradschaft, oder Organisation haben wir es ja damals genannt, gegründet, die Berliner Alternative SÜD-OST haben wir sie genannt, einfach kurz BASO die ja mittlerweileverboten ist. Das war 2003, dort war ich bis zum Verbot im März 2005 tätig. Ich habe sie mitgegründet als einen Zusammenschluss von zunächst sechs Personen, später waren es etwa 13 oder 14. Wir wollten damals ganz bewusst den Namen Kameradschaft weglassen. Wir wollten neutral in der Öffentlichkeit wirken, wir wollten nicht offenkundig in diese Nazi-Ecke geschoben werden, und wir haben uns einen Bezirk ausgesucht, das war Treptow-Köpenick in Berlin. Das war ein, ich sage mal, recht problemlastiger Bezirk, indem Jugendarbeit für mich gar nicht vorhanden war.

Von den Wahlergebnissen her war es ein starker PDS-Bezirk, aber von der Jugend her würde ich sagen, doch immer schon rechts geprägter Bezirk. Wir haben uns also gezielt Treptow-Köpenick ausgesucht, um Jugendarbeit zu machen, was für uns natürlich vor allen Dingen hieß, Jugend erreichen zu wollen um im Sinne unseres verinnerlichten Weltbilds politische Arbeit für die Zukunft zu machen. Deshalb haben wir natürlich auch einen neutralen Namen gewählt, um nach außen hin erst mal nicht einseitig aufzufallen und hatten außerdem auf ein Programm, also auf eine Satzung verzichtet, auch im Hinblick darauf um staatliche Restriktionen zu vermeiden. Aber dieser "neutrale Mantel", flog natürlich recht schnell auf, weil wir eindeutig die Themen aufgenommen hatten, wie nationalen Widerstand. Und wir haben natürlich an einschlägigen Demonstrationen teilgenommen und bei Aktionswochen, meistens zum Todestag von Horst Wessel, einem ehemaligen Sturmführer in der SA, der für die Berliner Kameradschaften, gerade für die jüngeren immer noch ein großes Vorbild ist, er wird jährlich genauso geehrt wie Rudolf Hess in Wunsiedel.

Das Aktionsziel von BASO war also Jugendarbeit, aber auch Öffentlichkeitsarbeit. Man ist gezielt auf Veranstaltungen aufgetreten, wo Politiker angekündigt waren, man hat Bürgersprechstunden und Bürgerstammtische besucht, und ist sogar zum Bürgermeister von Köpenick, um für Jugendarbeit ein Nationales Jugendzentrum zu fordern, wo nur deutsche Jugendliche reinkommen und andere nicht verkehren dürfen. Es gab zwar Jugendklubs, aber da wurden Nazis rausgeworfen, die versucht haben, da ihre Propaganda zu verteilen oder im Internet auf gewissen Seiten rumsurften. Ja, das ging dann so zweieinhalb Jahre, wo ich auch sagen muss, dass in erschreckender Weise unsere Jugendarbeit sehr gut geklappt hat.

Es war ein starker Zulauf von Jugendlichen, aber auch Jugendlichen, die jetzt gar nicht unbedingt so als Naziswirken, also nicht Skinheads mit Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, sondern irgendwie ganz normale. Dies waren einfach Jugendliche, die damals nicht unbedingt gleich aufgenommen wurden, aber sie kamen zu uns an und haben Fragen gestellt. Wir hatten einen bestimmten Tag in einem Lokal, freitags, da kamen dann wirklich teilweise 30 - 40 Jugendliche aus dem Kiez oder aus der Umgebung, teilweise natürlich auch Nazis, aber auch Jugendliche, die keine Berührungsängste mehr hatten. Und das muss ich jetzt im Nachhinein sagen, finde ich sehr erschreckend. Also das waren eben wirklich welche, die teilweise mit ihren Hausaufgaben angekommen sind oder die einfach Hilfe brauchten beim Umzug, auch junge Mütter, wir haben so eine Sozialarbeiterrolle eingenommen. Das hat geklappt, wir hatten dann einen Kreis, mit dem hat man Unternehmungen gemacht, Fußball gespielt, ist Schwimmen gegangen, aber natürlich auch: "nun komm doch mal mit zur Demonstration." Also man hat da dann auch versucht zu rekrutieren. Man hat ja auch offen gesprochen von "brauchbaren" Personen, also von denen kamen dann auch welche in die BASO hinein, und die wurden natürlich auch geschult, also rhetorisch trainiert, da wurde viel probiert, inhaltlich, so dass die Vorträge halten mussten.

"Könnte es da knallen?"

Die BASO hatte dann auch eine Internetseite mit eigenen Berichten oder Aufrufen zu Demonstrationen, die so ab 2003 organisiert wurden, das ging dann auch durch Neukölln, denn man muss sagen, dass die Gruppen in Berlin und Brandenburg natürlich auch zusammengearbeit haben, klar, man war vernetzt. Wir wollten auch so ein bisschen ein Zeichen setzen, dass man von Neukölln nach Treptow – ja da muss man ja sagen "marschiert", so heißt es ja da immer – und zwar auch mit dem Thema "Für ein Nationales Jugendzentrum". Ich glaube wir hatten damals, auf Anhieb 300 oder 350, so hatten wir angegeben, Teilnehmer und ich denke, um die 300 waren es auch, teilweise sogar aus dem ganzen Bundesgebiet angereist, so genannte Kameraden. Die Motivation war natürlich sehr unterschiedlich. Ich war ja eine zeitlang jedes Wochenende auf Demonstrationen, habe die natürlich auch mit veranstaltet. Es würde da manchen keinen Spaß machen, glaube ich, ohne den Nervenkitzel, den das auch bringt. Demonstrationen sind so für einige Gruppen, so einige Jugendliche so ein Erlebnisding, es holen sich glaube ich sehr viele so einen gewissen Kick raus.

So wie ich früher als Jugendlicher immer zum Fußball gefahren bin, und mich dort auch geprügelt habe, fahren einige Leute zu Demonstrationen, um sich anschließend, davor oder danach, oder einfach so, diesen Adrenalinkick zu holen, so kommt es mir manchmal vor, auf Demonstrationen. Also ich habe wirklich mal Anrufe bekommen, wo mich Leute anriefen aus Berlin: "Hallo, ich hätte Interesse mitzufahren, du hast da einen Bus gemacht, könnte es da knallen?" Ich sage: "Wie jetzt?""Ja, könnte es da knallen?" Ich sage: "Ja, das ist ein heikles Ding, kann sein, die Antifa mobilisiert auch." "Also könnte es knallen, dann fahren wir mit." Das ging gar nicht um den politischen Inhalt, für was man eigentlich auf die Straße geht, sondern es ging da bei einigen drum, dieses erlebnisorientierte – ich habe mal gesprochen von politischem Erlebnisaktionismus, also dass da wirklich welche einfach nur mitmachen um Ärger zu provozieren und sich wahrscheinlich auch selbst darzustellen. Und ich glaube, ohne Antifa würde es keinen Spaß machenfür einige. Sie gehören zu diesem Spiel dazu.

Und es wäre natürlich auch falsch, wenn man sagt, keine Gegendemonstrationen mehr, keine Antifa mehr, lasst sie laufen, das wäre auch falsch, das ist auch nicht richtig. Aber ich bin mir sicher, dass ein paar wegbleiben würden. Die auf den ersten Blick hin unpolitischereAktionsform der BASO war natürlich auch etwas neues, vor allem um auch im Rahmen von dieser Öffentlichkeitsarbeit gezielt das Gespräch zu suchen. Öffentlich hat man natürlich gesagt, dass wir nicht gewalttätig sind, das von uns auch keine Gewalt verübt wird und wir auch keine Gewalttäter in der Gruppe haben. Na ja, das wurde behauptet. Es waren ja da als eine Führungsperson, René Bethage, noch eine andere Person und meine Wenigkeit. Und in der Zeit bin ich natürlich schon strafrechtlich in Erscheinung getreten. Es wurden Gewalttaten verübt, aber das wurde natürlich dann immer schön verschwiegen. Man hat auch Vorbestrafte aufgenommen, z.B. einen, den Namen lasse ich jetzt mal weg, der einen chinesischen Imbissbetreiber mit zwei anderen Personen so attackiert und dabei lebensgefährlich mit Holzstangen verletzt hatte, nur weil der vietnamesische Ladenbetreiber das Bier nicht anschreiben lassen wollte. Also da haben wir wieder einmal diesen kleinen Widerspruch, also eigentlich einen großen Widerspruch, aber das ist einer von vielen. Man propagiert "Ausländer raus" und geht dann beim Vietnamesen ein Bier trinken. Diese Person wurde dann auch aufgenommen. Wir haben auch öffentlich propagiert und uns dazu auch Statistiken besorgt – weil ja die Polizei gar nicht so alles erfasste – dass die Kriminalitätsstatistik von Rechts zumindest im Bezirk Treptow-Köpenick zurückgegangen ist. Das haben wir für uns ausgeschlachtet, weil wir ja behaupteten, für die Jugend da zu sein und haben es als Erfolg vermarktet.

"Immer mit dem Kürzel national davor"

Bei allem was wir plakatierten oder drucken ließen, haben wir natürlich immer mit dem Kürzel "national" davor gearbeitet. Es wurden aber auch Formen übernommen, die eigentlich mehr oder weniger von der Linken gesetzt waren oder sind, das heißt wir hatten damals auch so eine sporadische Hausbesetzung gemacht, wir sind mit Transparenten in leerstehende Häuser in Treptow gegangen, und zwar zeitgleich mit einer anderen Kameradschaft aus Lichtenberg, die das in ihrem Bezirk gemacht hat, und dort wollten wir aufzeigen, was eigentlich so an Häusern leerstand. Das hat zwar im Fall meiner Gruppe nicht geklappt, es kam darüber zu Streit, da waren eben auch Leute, die haben nicht gepasst.

Aber auch Kampfformen hat man kopiert. Das ist so ein Ding, dass bei der extremen Rechten genauso wie bei der extremen Linken inhaltlich und äußerlich immer mehr parallel läuft. Schon bei der Kleidung. Das eindeutige Bekenntnis nun ein Nazi zu sein, gibt es immer seltener, viele treten lieber ganz neutral auf. Der Trend geht eher dahin, dass man sagt, also Nationalsozialist ist man nicht auf dem T-Shirt oder von der Hose her, sondern vom Kopf oder vom Herzen. Und wir wollen, oder sie wollen sich nicht von der Gesellschaft entfernen, sie möchten ein Teil der Gesellschaft sein, sie wollen in die Mitte kommen, sie möchten den Bürger erreichen, und das kann man sicherlich nicht in dem Bild, was die Medien viele Jahre geprägt haben mit den Springerstiefeln und Glatze. Und da benutzt man ähnliche Kleidung, sehr viel aus dem Hardcore-Milieu, da wird sehr viel kopiert und auch in der Musik. Aber es gibt immer kleine Codes. Nicht bei jedem, aber das fängt an mit einem ganz kleinen Logo auf der Mütze, wo teilweise das Antifalogo, diese Fahne kopiert wird, Laien steigen da kaum noch durch. Und wenn auf den Bannern steht, wir wollen einen nationalen Sozialismus, dann ist das zumindest für alle Eingeweihten klar, dass das Nationalsozialismus heißt.

Und es gibt Personen die behaupten, einen zeitgemäßen aktuellen Nationalsozialismus zu schaffen. Wie so was aussieht, die Antwort hab ich allerdings noch nie bekommen und werde ich auch nicht bekommen glaube ich, und werden wir alle nicht bekommen. Michael Kühnen war ja mal ein recht bekannter Führer in Deutschland, der an HIV verstorben ist, und der hat in der Szene Schriften rausgebracht vom ngesellschaftlichen und neuem Nationalsozialismus, diese Schriften sind das Muster. Aber es ist eigentlich ein politischer Brei geworden. Wie dieser neue Nationalsozialismus aussieht, das steht in den Sternen, das wissen auch die jeweiligen Leute nicht. Mehr ist es das Gefühl, etwas Revolutionäres mit prägen zu wollen. Die wirklichen Revolutionäre sind wir, die Nationalen. Das ist natürlich auch etwas, was einen Jugendlichen sehr anspricht. Ich kann mich erinnern, als ich in der Schule war, hatten wir sehr viele, die so ein bisschen in die Linke gingen, da war das irgendwie ein Trend, wenn ich mich zurückerinnere.

Es ist gerade bei einigen, die fühlen sich als Revoluzzer. Und dieses Rebellentum, das rebellenhafte, das zieht an, das macht Spaß, vielleicht sogar, gerade Jüngere mit Hang zu diesem Aktionsorientierten. Wer da jetzt ein Führer sein soll, das steht in den Sternen, das weiß keiner. Der Trend ist ja auch zu dieser Volksgemeinschaft, das Volk muss erst wieder zusammenwachsen, die multikulturellen Einflüsse müssen weichen, die müssen beseitigt werden, und der Volkskern muss geschaffen werden, um den Nationalsozialismus in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, wie es so schön heißt. Ich glaube 90 Prozent der Leute auf den Demos können gar nicht erklären, was sie wollen oder was wir da früher eigentlich wollten. Das waren so in etwa auch meine Ansichten, dass es ein Volk gibt, dass es ein Volk ist, was bestimmt, und dass es einen Bestimmer gibt, den Führer, der dann bestimmt. Aber so richtig da hineigedacht wie und mit welchen Konsequenzen so etwas in der Umsetzung funktioniert, hat man nicht.

In Einheitskleidung beim märkischen Heimatschutz

Wieder ein kleiner Sprung. Durch die Kontakte und Zusammenarbeit nach Brandenburg und auch mit der Kameradschaft Tor habe ich mich recht gut verstanden mit dem Vorsitzenden, also Anführer des Märkischen Heimatschutz (MHS), wir hatten da ein sehr freundschaftliches Verhältnis und haben unsere Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg unter dem Sammelbegriff Nationaler Widerstand Berlin/Brandenburg geführt. Um diese Zusammenarbeit noch einmal zu unterstreichen und zu stärken, habe ich mit ihm und noch zwei anderen Personen die Idee aufleben lassen, den Märkischen Heimatschutz quasi länderübergreifend zu gründen, dies auch aus juristischen Gründen, weil manzu der Zeit munkelte, dass in Brandenburg der MHS verboten werden könnte und dies halt schwieriger sei, wenn ein solches Verbot länderübergreifend durchgesetzt werden soll. So haben wir dann im September 2004 beschlossen, die Heimatschutzsektion Berlin zu gründen, wo ich dann ganz öffentlich, also offiziell die Führungsrolle eingenommen habe.

Ich hatte mir in der Zeit Personen ausgesucht, die mir zur Seite standen, so dass binnen zwei Monaten, die Mitgliederzahl der Sektion auf 14 Mitglieder stieg Ich habe damals immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass es vom Alter her auch gemischte Leute sind, so dass auch ein älterer dabei war, der schon in den 90 ern ein Anführer der Kameradschaft Treptow war und für zweieinhalb Jahre im Gefängnis saß wegen eines Brandanschlags auf einen Jugendklub. Und diese Person war dann auch wichtig an meiner Seite, die hat eine gewisse Erfahrung gehabt, hatte eine Riesenbibliothek zu Hause und hat so mehr oder weniger diese Schulungsaufgabe übernommen, und ich vermute auch, dass er das immer noch macht. Er hat dann vieles streng organisiert, also allgemein der Märkische Heimatschutz anders aufgebaut. Der verfügte über etwa 40 bis 50 Personen in mehreren Sektionen in Brandenburg und in Berlin.

Es gab den Vorsitzenden, einen Schatzmeister und einen Vertreter und Sektionsleiter aus den Sektionen aus den verschiedenen Gebieten. In unregelmäßigen Abständen gab es dann Mitgliederversammlungen, Vorstandssitzungen. Und es gibt Einheitskleidung in einheitlichen Hemden. Jährlich wurde eine Jahresfeier gemacht, wo auch wirklich – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen unglaubwürdig – Hotelanlagen angemietet wurden, mit einem Saal in Brandenburg zum Beispiel, für 120 Gäste auch aus der NPD. Der Märkische Heimatschutz arbeitete ja schon damals mit der NPD sehr eng zusammen und hatte dort auch Förderer. Es gibt da sehr viele, meistens ältere Personen, die Geld fließen lassen, deren Mitgliedsbeiträge sind auch höher. Das war also eine ganz andere Organisation als die BASO, die war eben mehr als Forum für reine Jugendarbeit gedacht, natürlich um Jugend zu formen, aber dazu hat man sich in Privaträumen getroffen. Mit dem MHS war das dagegen so, dass man sich in Lokalen traf, Tische aufbaute und alles straffer und strenger organisierte. Ich habe dann die Sektion Berlin parallel geführt was einigen Leuten in der Szene missfiel, weil ich mich in die BASO nicht mehr so viel einbinden würde. Die Entscheidung war dann BASO oder MHS, aber sie wurde mir abgenommen, weil 2005 im März das Verbot der BASO kam, um sechs Uhr morgens hatte ich die Polizei bei mir im Haus und bekam eine Verbotsverfügung in die Hand, und dann war auch für mich klar: jetzt brauche ich nicht mehr zu überlegen, ob ich da irgendwo da noch auftrete, sondern habe den MHS weitergeführt.

"Es hat einfach nur funktioniert ohne drüber nachzudenken"

Nun muss ich wieder ein bisschen zurückgreifen. In dieser Zeit, in diesen ganzen sechs Jahren, in denen ich in der organisierten Szene tätig war, kam immer wieder Kritik in mir hoch, aber weniger inhaltlich, eher dass ich mit gewissen Leuten nicht arbeiten kann. Ich will mich jetzt nicht als den Superschlauen darstellen, aber es war einfach so dass das mit gewissen Leuten nicht ging, mit denen war es teilweise unmöglich, das umzusetzen, was ich mir immer vorgestellt hatte. Dazu kam dann für mich selber, was ich noch neben her gemacht habe, Texte geschrieben habe, ich wollte im 'Märkischen Boten' – das war ein Ableger der Szenezeitung "Inselbote", die von Kameraden in Mecklenburg- Vorpommern und in Brandenburg gemacht wird, auch einen Berliner Boten gründen, eine Ausgabe kam auch als ein Art Schülerzeitung heraus.

Aber es gab in Berlin keine Leute, die vernünftig oder ansatzweise schreiben konnten, es gab in der Kameradschaftsszene keine Leute, die so was irgendwie hinbekommen haben. Es war wirklich so, dass diese Arbeit immer nur von einzelnen Personen gemacht wird. Und als ich dann teilweise die Texte geschrieben habe, kamen dann immer schon beim Schreiben für mich Widersprüche auf, also einfach Sachen, wo ich gesagt habe, man, das kannst du ja so gar nicht schreiben, weil es einfach Quatsch ist. Aber wenn du es nicht schreibst, oder wenn du es anders schreibst, dann passt es ja auch nicht in das Weltbild, was du eigentlich darstellen möchtest oder was du bist und was du ja damit vermittelst. Solche Sachen kamen immer wieder vor oder Widersprüche im alltäglichen Leben, also im Alltag einfach – über fünf, sechs Jahre verdrängt. Aber ich habe immer gesagt: nicht drüber nachdenken, nach hinten schieben. Ich habe in meinem ganzenLeben Widersprüche angehäuft. Ich hatte als Kind beispielsweise sehr gerne Döner gegessen, das habe ich mir alles so abgewöhnt. Ich habe gesagt: Da kann ich nicht reingehen.

Heutzutage wieder sehr gerne. Man hat sich einfach eine Sperre in den Kopf gesetzt. Ich bin auch nicht in Läden gegangen, wo Migranten Verkäufer waren, ich habe probiert, so eine deutsche Kultur zu leben, was unmöglich ist, es ging nicht, so zu leben. Und es probieren sehr viele noch und wissen von den vielen Widersprüche, die dann im Alltag auftreten, das ist Wahnsinn. Also dieses ideologisierte Leben funktioniert einfach nicht. Aber solche Sachen habe ich dann immer verdrängt, wie das viele machen. Ich habe nicht drüber nachgedacht, es hat dann einfach irgendwann funktioniert. Ich habe einfach geschrieben, die Finger gingen zur Tastatur, es hat einfach nur funktioniert ohne drüber nachzudenken.

"Wo in der Auseinandersetzung eben auch Gewalt dazu gehört."

Aber dann 2005, also vorletztes Jahr, begann eine Zeit wo dieses Nachdenken tiefer ging. Damals begannen Prozesse gegen mehrere damaligen Kameraden in Potsdam, die unter anderem wegen eines Überfalls auf ein Jugendzentrum angeklagt wurden. Angefangen hat es unmittelbar davor, da war ein Kamerad gewesen, der mittlerweile für vier Jahre verurteilt wurde und auch im Gefängnis sitzt, der hatte einen Brandanschlag verübt, also hat drei Molotowcocktails auf eine Bühne in Königs-Wusterhausen geworfen, das war eine Bühne, wo am nächsten nTag ein Konzert stattfinden sollte, ich weiß nicht den Monat, auf jeden Fall war es ein antifaschistisches Konzert, das jährlich stattfindet. Und es war geplant, die Bühne zu vernichten, damit das Konzert nicht stattfindet. Ich bin auch der Meinung, dass diese Person wusste, dass dort Menschen auf dieser Bühne genächtigt haben, also Wache geschoben haben, also er hat gezielt mit Mittätern drei Molotowcocktails auf die Bühne geschmissen und natürlich auch dadurch den Tod von Menschen in Kauf genommen.

Da kann man jetzt von Glück sagen, dass diese Molotowcocktails schlecht geworfen wurden. Es wurde nur einmal die Bühne getroffen, aber der Brand wurde dann gleich gelöscht. Der Täter, der aus meinem engeren Umfeld kam, wurde in Potsdam angeklagt, und ich habe ihn begleitet, zunächst mit vier Personen. Die Opfer oder die Nebenkläger, die kamen aus dem Berliner Antifa-Spektrum, und waren uns uns sehr wohl bekannt, durch unsere "Anti-Antifa- Arbeit", das heißt, wir haben uns ja immer gegenseitig übereinander "aufgeklärt", gerade die Kameradschaft Tor, die ich erwähnte, war sehr fixiert auf diese Arbeit, und hat dann allerdings für mich auch ein ganz merkwürdiges Verhältnis dazu entwickelt, nämlich immer mehr von der Antifa kopiert. Also auf eine Art kopierten wir die sehr, aber sahen sie auch als Feind an wo in der Auseinandersetzung eben auch Gewalt dazu gehört.

Es war also so, dass da beim Gericht als Nebenkläger uns sehr bekannte Antifaschisten waren aus Berlin, dassdie auch natürlich mit einer gewissen Personenanzahl da waren, und wo ich dann gesagt habe – man hat natürlich ein bisschen Angst gehabt, das möchte ich auch nicht verneinen – und da haben wir gesagt: beim nächsten Termin müssen wir auch ein paar Leute mobilisieren. Und es hat sich dann in den vielen Gerichtstagen so hochgeschaukelt, dass ich bis zu 50, 60 Personen zu den Gerichtsprozessen mobilisiert habe aus Berlin-Brandenburg, teilweise aus dem Hooliganspektrum des BFC Dynamo, also auch gezielt Schläger. Damit hat man natürlich auch versucht, Zeugen oder Zuschauer und die Antifaschisten einzuschüchtern, also mit Gewaltandrohung. Teilweise hat man auch Gewalt verübt, das muss ja gar nicht auffallen, aber wenn man den Ellbogen einfach mal nach hinten ausfährt, wo es Gedränge gibt, das tut weh, und hat auch getroffen. Nach diesem Rezept ist auch manchmal bei Konzerten vorgegangen worden, wo eher Linke hinkamen.

Da wurde auch mit solchen Ellenbogenstößen nach hinten durch die Menge gezogen und sich danach mit Wechselklamotten getarnt, die hatten wir dann von vornherein dabei. Und bei den Gerichtsterminen hat man natürlich auch bei An- und Abreise probiert auch in den S- oder Straßenbahnen, Antifaschisten zu überfallen. Das war der Beginn einer regelrechten Gewaltwelle. Es gab da aus unserem Kameradschaftspektrum so eine Gruppe aus Berlin und Brandenburg, mit der wir angereist sind, die hatten sich teilweise vermummt. In diesem Spektrum kann man auch dieses neue Erscheinungsbild sehen, wenig Skinheads, aber sogar welche mit Irokesenschnitt dabei. Und zu diesem Zeitpunkt kam es zu einem Vorfall, wo eines Nachts zwei junge Männer überfallen wurden von teilweise auch Personen, die mit in dieser Gruppewaren. Die zwei Überfallenen kamen fast zu Tode, also ich denke, da wurde auch der Tod in Kauf genommen.

Leviten von der Mutter: "Sie haben meinem Sohn das Leben verbaut."

Ich könnte noch mehr dazu und noch ganz viele andere eklige Geschichten erzählen in den vielen Jahren also an Gewalt, aber ich denke, das sparen wir uns hier. Aber da war es einfach, wo ich gedacht habe, das geht so nicht weiter für mich. Da habe ich gesagt, ja, das war das erste Mal wo ich Schuldgefühle gehabt habe. Das hat sicherlich auch mit der Vorgeschichte des Falles zu tun, dass ich zum Beispiel diese Täter kannte, also sehr gut kannte, nicht nur aus dem Kameradenkreis, sondern aus Kameraden- und Freundeskreis. Direkter Anlass war, dass mich jemand aus Potsdam anrief, und er meinte, ich sollte doch einen Herrn Thomas M. kennen und ich sollte ihm Sachen bringen, weil er im Gefängnis saß. Und um diese Sachen zu holen, habe ich ein Auto organisiert – zu der Zeit hatte ich kein eigenes Auto gehabt – und bin zu seiner Mutter gefahren.

Die Mutter hatte ich erst angerufen und gesagt, um was es geht, sie soll sich keine Sorgen machen. Und dann bin ich zu ihr gefahren und wollte sie und die Sachen abholen, aber sie wollte nicht mit, sondern stand vor mir, so hat mich glaube ich noch nie ein Mensch angeguckt, die hat mich, das kann man nicht beschreiben, also mir gingen wirklich kalte Schauer runter, und sie meinte nur: "Mit Ihnen fahr ich nicht. Ich kenne Sie, ich wurde über sie aufgeklärt." Ich weiß jetzt nicht inwiefern, ob da die Polizei bei ihr mal war, sie ist dann jedenfalls hinterher gefahren mit ihrem eigenen Auto. Ich bin dann mit der Mutter in Potsdam, als wir auf der Polizeiwache waren, mit ihr da rein, und da ist sie dann in Tränen ausgebrochen und hat mich beschimpft, also nicht beschimpft, sondern eigentlich nur gesagt: "Sie haben meinem Sohn das Leben verbaut." Ich muss mal sagen, ich hab ihn als er 16 war, kennen gelernt, habe ich ihn quasi mit politisiert. Und sie hat wirklich mir die Schuld quasi gegeben, dass ich hier jemand bin, der ihrem Kind das Leben verbaut habe.

Das ging mir da sehr, sehr nahe, da ich ja auch diese Person sehr mochte, also den Thomas, und wo ich dann angefangen habe, wirklich darüber nachzudenken ein bisschen. Also auch diese ganzen Jahre, angefangen vom 13. Lebensjahr, habe ich das Ganze mal Revue passieren lassen, also nicht nur was ich mir selber alles verbaut habe im Leben, sondern was ich auch anderen Menschen angetan habe, und was ich auch, selbst wo ich nicht gerade aktiv dabei war, aber was ich passiv beeeinflusst hab. Ich habe damals auch eine Internetseite betrieben, ich war in zig Foren tätig, ich habe Projekte mitgemacht, die aber in Deutschland nicht erhältlich waren, nur über eine eine amerikanische oder belgische Seite. Also ich habe da eigentlich wirklich jeden Mist mitgemacht, den man im Leben machen konnte.

Und darüber habe ich dann nachgedacht, und habe dann das erste Mal ein schlechtes Gewissen bekommen, ein wirklich schlechtes Gewissen, wo es mir dann auch mies ging. Und zu der Zeit mit diesen Prozessen, habe ich ein bisschen angefangen, mich ein wenig zurückzuziehen, aber natürlich war man nicht raus. Dann kamen Leute vorbei, die mir kistenweise diese Propaganda vor die Tür gestellt haben zum Verteilen, das funktioniert so anonym. Entweder es waren einfach gewisse Sachen im Postfach. Oder vor der Tür standen plötzlich Kisten, wo man nicht wusste, wo sie herkommen, aber man wusste, was zu tun ist. Das hat einfach noch funktioniert. Also dieses Pflichtbewusstsein habe ich noch drin gehabt und gewisse Sachen auch einfach auch so gemacht, aber immer so im Zwiespalt – eigentlich will ich das gar nicht mehr.

Durch Freundin erstmals Widerspruch zugelassen

Und dann liefen diese Gerichtsprozesse, wo es dann auch recht neu war, sich so dicht gegegenüber zu stehen, wir standen da ja unserem kritischsten Gegner, der Antifa direkt gegenüber und hätten, wenn keine Polizei anwesend wäre, wahrscheinlich aufeinander eingedroschen. Aber da standen wir halt gegenüber, und zumindest ich habe mit ein paar Personen gesprochen, und da kam es dazu, dass ich Menschen kennen gelernt habe, mit denen ich mich zunächst über E-Mails ausgetauscht habe, und wo ich dann einfach das erste Mal – was ich damals selbst bei meiner Mutter nicht zugelassen habe – eine Auseinandersetzung in der Sache zugelassen habe. Bei meiner Mutter habe ich es immer abgeblockt.Sie hat sogar als ich 18 wurde, gesagt, geht vorbei die Phase und hat den Wunsch erwähnt, aber die Phase ging dann nicht vorbei. Und sie wollte es nicht mehr wissen, Augen zu und Ohren zu. Sie hat es einfach nicht mehr mitbekommen. Aber das waren nun Menschen, wo ich das erste Mal gesagt habe: ich lass das mal zu, diese Widersprüche, ich wehre mich nicht dagegen, ich lasse zu, ich lasse mich mal eines Besseren belehren. Und habe einfachmal aufgenommen, Wahrheiten, von denen ich eigentlich schon viel wusste, die ich aber nie wissen wollte. Das ging dann über Monate.

Es kam dann auch mal zum Treffen, privat, und ich habe dann eine Reise nach Spanien-Portugal gemacht – meine Mutter lebt dort – ich habe auch sie mal besucht und mit ihr darüber ein sehr emotionales Gespräch geführt, weil sie sehr viele Sachen nicht wusste, war sie geschockt, denn sie kommt eher aus dem alternativen Spektrum, Wggeprägt und so, und war schockiert über diese Dinge, die ihr Sohn gemacht hat. Nach dieser Reise habe ich dann beschlossen: Es ist Schluss. Es muss Schluss sein, es geht nicht mehr, und habe mich dann mit Hilfe natürlich meiner neuen Bekanntschaften an ein Aussteigerprojekt gewandt, das nicht so mit staatlichen Stellen verknüpft ist. Mit "EXIT", wo ich jetzt betreut werde, bzw. jetzt eigentlich schon tätig bin. Ich habe mir dort von dem Leiter Bernd Wagner, Ratschläge geholt, habe ihm das erzählt, und versucht, ihm das klar zu machen, auch wenn ich wusste, das ist ganz schwer, so einen Weg anderen klarzumachen. Das ist ja auch nicht einfach, weil man mit diesem Schritt seine Freunde verliert. Ich hatte einen Freundeskreis von teilweise 100 Leuten, die ganzen Netzverteiler, da waren 100 Leute drin, das war ein Riesenfreundeskreis bundesweit, ich bin auch sehr viel rumgefahren, teilweise auch ins Ausland in den vielen Jahren.

Und man kommt ja viel herum in diesem weit verzweigten Umfeld und hat sich um anderes gar nicht mehr gekümmert. Und man steht dann vor dem Nichts. Also man weiß auch nicht wohin. Man weiß, man hat sich alles verbaut beruflich. Man hat ja auch Berufe – man wurde gefeuert, ich habe alles in Kauf genommen, ja, wegen meiner Einstellung. Und nun war klar, dass man auch die Leute verlieren wird, auf die man gebaut hat, die ja auch sehr stark zusammenhalten. Wenn man da sogar nachts mal Hilfe brauchte, irgendwas war kaputt oder man musste ohne Auto mal irgendwohin, da konnte man immer jemanden anrufen, der ist gekommen, auch wenn er morgens früh zur Arbeit musste. Und da wurde Bernd Wagner von EXIT für mich sehr wichtig. Und er hat gesagt: Pass auf, wir machen einen schleichenden Ausstieg. Du versuchst, dich von den Personen, also den Aktivitäten fernzuhalten.

Ich habe dann angefangen mit Begründungen, dass ich wegen Vorstrafen erstmal kurztreten werde. Das hat ein halbes Jahr auch gut geklappt. Doch dann haben sich einige Leute, zum Teil Widersacher, wohl Gedanken darüber gemacht, dass da was nicht stimmt. Es haben mich, das war zumindest mein Eindruck, Leute aus diesem Umfeld observiert, und haben dann gesehen, dass ich mich mit einer Dame traf, die nach deren Ansicht, wie sie jetzt immer so schön in ihrem Forum schreiben "Antifaschlampe" ist. Und auf einem Weihnachtsmarkt wurde ich dann von mehreren Personen angesprochen, was aus mir geworden ist. Es wurde sich in Drohgröße aufgebaut, also versucht, aber ich habe auch für mich selbst überraschend irgendwie gleichgültig reagiert. Ich war überrascht und überrumpelt und habe gesagt: Aus mir ist ein Mensch geworden.

"Man hat sich wirklich isoliert, das ist wie eine Sekte. Man ist drin und kommt gar nicht so leicht raus."

Das war vielleicht ein bisschen spontan für mich. Ja, das ging dann wohl in der Naziszene rum, dass ich gesagt habe, ich bin jetzt ein Mensch, weil ich nichts mit euch zu tun habe, das heißt: Ihr seid keine. Das ging so rum, und dann kamen sämtliche SMS, auch Anrufe die mich gefragt haben, ob ich mich tatsächlich abgewandt habe, oder ob ich einfach wirklich nur mich zurückgezogen habe. Als damit immer klarer wurde, dass ich aussteige, ging das natürlich über E-Mail-Verteiler, das habe ich dann auch über andere Quellen erfahren, teilweise aus Brandenburg sogar, also aus mehreren Bundesländern kamen dann so eine Art Steckbriefe, wo dann die weibliche Person und meine Person abgebildet waren. Es wurde nicht öffentlich zum Mord aufgerufen, aber wenn man diese Person sieht, dann weiß man, wie man zu handeln hat. Und es kamen dann auch Droh-SMS später. Ja und dann habe ich irgendwann war für mich klar: Zunächst musst du die Wohnung wechseln. Ich bekam sehr große Angst auch wegen meines Großvaters, der hat ein Haus in Berlin, da kann er nicht wegziehen, er ist auch bekannt, ich habe viele Leute auch damals sehr in mein Privatleben mit einblicken lassen, und auch teilweise mit eingebunden.

Ich bin dann umgezogen in einem unbekannten Ort, und habe beschlossen, dass ich den Ausstieg richtig öffentlich mache. Was auch wichtig war für mich, weil ich für mich gesagt habe: Ich war eine Person in der Öffentlichkeit. Ich habe auch Fernsehbeiträge mitgemacht, ich war an öffentlichen Aktionen beteiligt, mein Name wurde ja auch problemlos von der Antifa geoutet, wie man so schön sagt, also es gab in meiner alten Wohngegend Plakate und Steckbriefe an die Nachbarn – Neonazi, mit einem Bild und eine doch sehr detaillierte Personenbeschreibung - da wurde halt gewarnt, also ich war, mein Name war öffentlich, mein Gesicht war öffentlich und war bekannt. Und da war für mich klar: Du hast eine Verantwortung. Nicht nur mir gegenüber sondern auch anderen Menschen gegenüber. Und du gehst an die Öffentlichkeit und probierst zu zeigen, dass das geht: Menschen können sich ändern. Und für mich war eine große Verantwortung, wenn ich sehe, was ich an Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit mache, um gerade jetzt, wo in der rechten Szene so ein Umbruch, gerade in sehr vielen Subkulturen dort einfließen, was von der Polizei und der Wissenschaft teilweise noch nicht wirklich durchleuchtet ist, wo gerade sehr viele Menschen sich damit beschäftigen auch, was aber sehr schwierig ist, also einsehbar ist, wie das alles funktioniert. Ja, wie gesagt, das habe ich mir zur Aufgabe gemacht.

Aber ich will damit auch kein Wanderprediger werden. Ich will mich schulisch weiterentwickeln, will, dass ich die Sachen nachhole, die ich in meinem Leben verpasst habe, aufarbeiten für mich auch. Das ist nach über einem Jahr immer noch ein Prozess, und sehr viele Sachen, die einfach verankert sind, das fängt bei mir sprachlich an, dass ich diese eigene Szene-Sprache noch drauf habe, auch dass ich davon runterkommen will. Eine Homepage nur als 'Heimatseite' zu bezeichnen, oder CD als Lichtspielscheibe zu übersetzten um bloß nicht irgendwelche englischen oder ausländischen oder fremdsprachlichen Wörter zu benutzen, man hat sich wirklich isoliert, im sozialen Feld, im sprachlichen und einfach in der ganzen Gesellschaft, das ist wie eine Sekte. Man ist drin und kommt gar nicht so leicht raus.

*Das Gespräch mit Gabriel Landgraf führten die Teilnehmer eines Schülerzeitungs-Workshops in der Amadeu Antonio Stiftung Berlin im Herbst 2006 unter Leitung von Lan Böhm und Holger Kulick. Es wurde nur unwesentlich eingekürzt oder stilistisch verändert, um so authentisch wie möglich zu bleiben.
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