Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

16.2.2007 | Von:
Holger Kulick

Neue Dimension der Gewalt?

Bei Dynamo Dresden hatte im Oktober 2006 ein junger Reporter der Zeitschrift Sport Bild eine Erfahrung gemacht, die dies eindrucksvoll untermalt. Er hatte sich bei einem Spiel gegen Union Berlin unter die Dresdner Hardcore-Fans gemischt und dann in einer Titelgeschichte beschrieben, was er hörte und sah: Steinwürfe und Rufe wie "Berlin, Berlin, Juden Berlin!". Noch nie habe er so etwas erlebt, berichtete der 24-jährige Schweizer auf Nachfrage: "Zum einen die antisemitischen Parolen im Stadion, zum zweiten die aggressive Stimmung vor der Partie bei der Ankunft der Union-Fans. Ich habe noch nie gesehen, dass Flaschen und Steine in eine Menge geschmissen wurden". Seine Titel-Geschichte "Ich war in der Hölle von Dresden" schlug Wellen. Doch wie reagierte der Verein? "Dynamo hat anfangs gedroht, Sport Bild keine Akkreditierung mehr auszustellen. Bei den ersten Gesprächen mit Club-Verantwortlichen war keine Einsicht erkennbar", erzählt Boeni, der offenbar als Bote der schlechten Nachricht bestraft werden sollte. Weil er als Journalist einen Missstand aufzeigte.

Sicher: gewalttätige Fans nur im Osten zu orten, wäre unfair. Ausgedehnte Straßenschlachten gab es etwa auch 1999 bei einer Begegnung von Kickers Offenbach und Waldhof Mannheim im Westen. Dort gab es bereits seit den achtziger Jahren krude Vermischungen rechtsextremer Rädelsführer und gewaltbereiter Fußballfans, zum Beispiel die Borussenfront in Dortmund und der Fanclub Ostwestfalenterror in Bielefeld. Über die Entwicklung in Bielefeld berichtete am 27.1.2004 Ansgar Mönter in der neuen Westfälischen Zeitung anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung, die unter dem Stichwort "Tatort Stadion" stand: "Akut wurde das Thema in den 80er-Jahren auch in Bielefeld. Damals entdeckten die Rechtsextremen das Stadion als Agitationsfeld. Der stadtbekannte Neonazi Michael Kühnen antwortete 1983 auf die Frage, wo er rechte Gesinnungsgenossen rekrutiere: 'Unter Skinheads und Fußballfans'."

Auch andere Vereine machten diese Erfahrung, zum Beispiel der Berliner Club Hertha BSC. In einem Interview mit Schülerzeitungsredakteuren beschreibt der spätere rechtsextreme Berliner Kameradschaftsführer Gabriel Landgraf wie er etwa 1989/90 als 13-jähriger im Berliner Olympiastadion in die Fänge von Neonazis kam:
"Ich bin wie gesagt zum Fußball gegangen als kleiner 13-jähriger, und da herrschte eine große Szene von Hooligans, von teilweise Rockern, Fußballfans und halt auch...Neonazis. Und es haben auch Neonaziparteien gezielt in den Stadien probiert zu rekrutieren, probiert Stimmen zu bekommen für die Wahlen. [...] Damals war die Stadionüberwachung noch nicht so ausgereift, sondern kam es vor, dass 300 Leute in dem Fanblock 'Sieg Heil' geschrieen haben, den rechten Arm erhoben haben. Ich hatte da einfach eine Faszination daran, irgendwas Böses zu tun oder einfach aufzufallen..."
Inzwischen wird solchen Szenenin der ersten und zweiten Bundesliga relativ konsequent vorgebeugt, aber für viele Vereine war dies auch im Westen ein langer Weg. Als Vorreiter gelten unter anderem der FC St. Pauli, Hannover 96, Borussia Dortmund und Schalke 04.

St. Pauli verankerte schon in den neunziger Jahren als erster deutscher Ligaverein in seiner Stadionordnung, dass das Rufen rechtsradikaler Parolen und das Mitsichführen entsprechender Fahnen, Transparente oder Bekleidung mit Hausverbot geahndet wird, und St. Pauli ist auch der einzige Club, der ein Mahnmal für NS-Opfer im Stadion errichtet hat. So steht bei dem selbsternannten "Freibeuter der Liga" das Bekenntnis gegen Neonazis nicht nur in der Hausordnung, sondern sogar fest installiert auf den Rängen: "Kein Fussball den Faschisten" heißt es auf einer Banderole. Und neben einem älteren Gedenkstein in Erinnerung an die Weltkriegstoten wurde folgende Tafel angebracht: "Zum Gedenken an die Mitglieder und Fans des FC St. Pauli, die während der Jahre 1933 bis 1945 durch die Nazi-Diktatur verfolgt und ermordet wurden."

Hannover 96 folgte im Januar 2001 mit einer ähnlich strengen Hausordnung, nachdem der DFB bereits 1998 einen 10-Punkte-Plan an alle Lizenzvereine versandte, in dem mögliche Maßnahmen gegen rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen im Fußballbereich beschrieben werden. Bei Hannover 96 wurden fortan nicht nur Symbole und Gesten, die unter das Strafrecht fallen (z.B. Hakenkreuz oder Hitlergruß), sondern auch Zeichen, Aufnäher, Aufdrucke und Parolen verboten, die den Eindruck einer rassistischen, fremdenfeindlichen oder extremistischen Einstellung hervorrufen könnten. Entscheidender Unterschied zur bisherigen Stadionordnung sei, so beschrieben es Sven Achilles und Gunter A. Pilz 2002 in einer Untersuchung unter dem Titel "Maßnahmen zum Umgang mit rechten Tendenzen im Fußballfanumfeld von Hannover 96", dass fortan "bereits der Eindruck, es könnte sich um extremistische, rassistische, fremdenfeindliche Symbole, Zeichen, Parolen usw. handeln, ausreicht um ein Stadionverbot zu erwirken. Damit hatte man erstmals auch die Möglichkeit in der Grauzone aktiv zu werden".

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