Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

16.2.2007 | Von:
Holger Kulick

Neue Dimension der Gewalt?

Diese Grauzone machte Vereinen quer durch Bundesligen und Regionalligen besonders stark zu schaffen. Der Bericht von 2002 fasst zusammen:
"In den letzten zwei bis drei Jahren beobachten die Sozialarbeiter der Fußball-Fanprojekte einen zum Teil gravierenden Anstieg von offen geäußertem Rassismus, Antisemitismus und steigender Fremdenfeindlichkeit. Ja mehr noch, wie in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich werden gerade im Umfeld von Fußballgroßereignissen – offensichtlich unter dem Deckmantel der Anonymität der skandalisierenden Masse und fußballfanspezifischer Assessoires – offen fremdenfeindliche Parolen skandiert und Symbole zur Schau getragen. Die Fanszene scheint somit geradezu ein Seismograph für rechte, ausländerfeindliche Stimmung in Deutschland zu sein. [...] Die wachsende Perspektivlosigkeit junger Menschen, die in der Fußballszene schon seit jeher zumindest vorhandene rechte Gesinnung, die Verherrlichung und Faszination der Gewalt, sowie die bei Nationalmannschafts- und Europacupspielen sich anbietende nationalistische Bühne haben die Fans, Hooligans und den organisierten Rechtsextremismus näher zusammengebracht und in manchen Fällen zu einer gefährlichen Symbiose geführt."
C. Wippermann machte in: "Die kulturellen Quellen und Motive rechtsradikaler Gewalt – AktuelleErgebnisse des sozialwissenschaftlichen Instituts Sinus Sociovision. (In: Jugend & Gesellschaft 2001, 1, 4-7) entsprechend zu Recht darauf aufmerksam, dass in "Situationen rechtsradikaler Eskalation ein Motiv der Täter auch ihre spezifische Erlebnisorientierung im Sinne von starken Reizen ("Thrill and Action")" ist.
"Dies erklärt auch, warum die Gewalttäter in der Regel Jugendliche sind und sich vor Hetzjagden und Brandanschlägen zu Gruppen zusammenrotten. Ein Brandanschlag hat für sie – unbewusst – den Charakter eines Events, wird begriffen als eine Veranstaltung mit einer besonderen Ästhetik, emotionalen Aufladung und Gemeinschaftserleben (und ist darin motivationspsychologisch anderen Events ähnlich). Rechtsradikaler Gewalt hat also heute diese Doppelstruktur von Ideologie und Erlebnissehnsucht" (WIPPERMANN 2001, 7).
Diese Erlebnissehnsucht macht das Fußballstadion für die Rassisten so attraktiv und deren Aktionen für manche Fans, Ultras und Hooligans im Sinne des "Sensation-seeking" so verlockend".

Den Modellen aus St. Pauli und Hannover folgten immer mehr Vereine, aber auch Fanclubs schufen sich feste Regeln. In Bielefeld, so beschreibt es Ansgar Mönter , "muss bei den 'Ultras' zum Beispiel – der mittlerweile stärkste Fan-Gruppe – jedes Mitglied den Verzicht auf Gewalt und extreme Äußerungen schriftlich fixieren. In den anderen hierarchisch organisierten Fan-Organisationen achten die Anführer auf die Einhaltung der Regeln. Unter den rund 20 Köpfen der Szene "gibt es einen Wertekodex, der Gewalt und Politik im Stadion verbietet", erläutert Wolf Kranzmann, Vorstandsvorsitzender des "Schwarz-Weiß-Blauen Dachs", der übergeordneten Organisation aller Fan-Clubs. Rechtsextreme hätten keine Chance. "Wir sind eine geschlossene Szene, diese Leute kommen bei uns nicht rein", sagt Thomas Stark von den Ultras. Dass nach außen hin manchmal der Eindruck entstehe, es gebe diskriminierende Übereinstimmungen in der Menge, liegt laut Kranzmann an der bewusst härteren Ausdrucksweise der Subkulturszene. "Fans wollen provozieren und Grenzen überschreiten."

Dass die Vereinsfans trotz solcher Maßnahmen nicht lammfromm geworden sind, belegen bis in die jüngste Zeit Zwischenfälle, sei es von deutschen Hooligans im Ausland, etwa 2006 bei Länderspielen in Slowenien und der Slowakei, wo deutsche Hools randalierten, aber auch im Inland, selbst beim HSV. Der hatte in der vergangenen Saison der Initiative www.lautgegennazis.de sogar erlaubt, ständig ein großes Transparent mit dem Aufruf "Laut gegen Nazis!" auch als Vereins-Bekenntnis über einem der Eingangstore zum Stadion auszuhängen. Das schützte vor wenigen Wochen den HSV-Spieler Thimothee Atouba nicht davor, bei einem Heimspiel als Schwarzer rassistisch beschimpft zu werden, woraufhin er den eigenen Fans den Stinkefinger zeigte.

Die BILD-Zeitung skandalisierte das Verhalten des Spielers, regte sich aber nicht über das Publikum, sondern über Atouba auf und titelte am 8.12.2006 in großen Lettern: "Dieser Stinkefinger empört ganz Deutschland – Und so einer kassiert auch noch Millionen".

So kommen im Westen wie im Osten immer wieder Faktoren zusammen, die rechtsextrem geneigten Fans vor Augen führen, dass ihr Verhalten gar nicht so schlimm sei. Auch unmittelbar nach der neuerlichen Fußball-Randale in Leipzig wurde falsch reagiert, sogar von der Justiz. Nach Informationen der Sächsischen Zeitung vom 13.2. wurde die zuständige Staatsanwaltschaft am Tattag wegen fünf Festnahmen verständigt. Der Bereitschaftsdienst habe aber nur wissen wollen, ob die Hooligans Arbeit und einen festen Wohnsitz hätten und als das die Beamten bejahten, sei angeordnet worden, dass sie entlassen werden sollen.

Auch Sachsens Landespolitik hat die Fußballrandalierer nicht als großes Problem betrachtet. Schon 2005 habe Lok Leipzig nach Ausschreitungen ein besonderes Fan-Projekt ins Leben rufen wollen, berichtet die Dresdener Regionalpresse, dem auch die Stadt zugestimmt hätte. Der DFB habe dies bezuschussen wollen, wenn sich Sachsen an einer Drittelfinanzierung beteilige. Doch das "sei nicht notwenig" habe damals der zuständige Innenminister Buttolo mitgeteilt. Die die Fan-Projekte in Sachsen wurden "nicht ausreichend leistungsfähig", wie DFB-Chef Zwanziger reklamierte. Was sich nun bitter rächt – sogar für Honoratioren. Nachdem der sächsische Fußballverband jetzt endlich auf schnelle Abhilfe drängt, ließen Hooligans erkennen, was sie von Regeln des menschlichen Umgangs halten. "Ich wurde bedrängt, dass ich als Präsident zurücktrete. Dabei waren aber auch Morddrohungen von aufgebrachten Fans, die sich da ausgelassen haben", berichtete Klaus Reichenbach, Präsident des sächsischen Fußballverbands (SFV), am 15.2.2007 der Nachrichtenagentur sid.

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